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Machtkampf um Syrskyjs Nachfolge: Mit General Drapatyj will Selenskyj die tiefste Regierungskrise beenden

Machtkampf um Syrskyjs Nachfolge: Mit dem neuen Armeechef Drapatyj will Selenskyj seine tiefste Regierungskrise stoppen

Die Loyalitäten innerhalb des Militärs in Kiew verteilen sich auf drei Fraktionen mit jeweils unterschiedlichen Führungspersönlichkeiten. Jede Personalentscheidung stellt für Selenskyj daher eine Herausforderung dar. Mit der Ernennung von Drapatyj zum neuen Armeechef strebt der ukrainische Präsident an, diese heikle Balance zu bewahren.

Die richtungsweisenden Entscheidungen, die Wolodymyr Selenskyj in den letzten Tagen treffen musste, waren alles andere als einfach. Auf den Straßen Kiews und anderer Städte wurden ihm zwei zentrale Forderungen entgegengebracht. Zum einen wünschten sich die Demonstranten die Rückkehr des beliebten ehemaligen Verteidigungsministers Mychajlo Fedorow ins Amt. Zum anderen forderten sie die Ablösung des erfahrenen Generals Oleksandr Syrskyj als Armeechef. Besonders häufig fiel dabei auf dem Iwano-Franko-Platz in Kiew der Name Mychajlo Drapatyj, der als einer der herausragenden Generäle der jüngeren ukrainischen Generation gilt. Tatsächlich setzte Selenskyj Syrskyj ab und ernannte den 43-jährigen Generalmajor Drapatyj zu dessen Nachfolger.

Diesen Entscheidungen gingen turbulente Wochen voraus. Rund um das Verteidigungsministerium, die Position des neuen Armeechefs und die Führung des Generalstabs entbrannte ein intensiver Machtkampf. Angesichts des Krieges gegen Russland entwickelte sich dieser Konflikt zur schwersten Krise in Selenskyjs Amtszeit. Eine klare Linie verfolgt der Präsident jedoch: Der 35-jährige Reformer Fedorow kehrt trotz aller Proteste nicht ins Verteidigungsministerium zurück. Politisch war dies kaum anders zu erwarten. Neben den strukturellen Spannungen zwischen Verteidigungsministerium und Armeeführung hatten Fedorow und Syrskyj aus Selenskyjs Perspektive einen persönlichen Konflikt weit über das Erträgliche hinaus eskaliert.

Syrskyj wird voraussichtlich in der Armee oder in militärnahen Strukturen verbleiben – in einer bislang unbekannten Funktion. Ein vollständiger Rückzug des erfahrensten Generals der Ukraine mitten im Krieg wäre eine Überraschung, trotz mancher Skepsis ihm gegenüber. Fedorow hingegen soll laut Selenskyj eine „würdige neue Position im Bereich der technologischen Entwicklung des Staates“ angeboten bekommen haben. Der 35-Jährige, der mit der Rückkehr ins Verteidigungsministerium spekulierte, muss nun entscheiden, ob er dieses Angebot annimmt. Die Gespräche zwischen Selenskyj und seinem früheren engen Vertrauten, der seit Amtsantritt 2019 an seiner Seite steht, dauern weiterhin an und sollen sogar rund sechs Stunden gedauert haben.

Drapatyj erwarb sich im Donbass Kriegsruhm

Bei der Ernennung zum Armeechef – einem Amt, das im Unterschied zum politischen Verteidigungsminister ausschließlich in der Kompetenz des ukrainischen Präsidenten liegt – könnte der Eindruck entstehen, Selenskyj habe die Forderungen der Demonstranten vollständig umgesetzt. Die Berufung von Generalmajor Drapatyj wurde von der ukrainischen Zivilgesellschaft sowie zahlreichen Militärangehörigen mit großer Erleichterung aufgenommen. Hinter Selenskyjs Entscheidung steckt jedoch eine komplexe Abwägung, insbesondere hinsichtlich der militärischen Struktur. Anders als in Russland sind in der Ukraine Armeechef und Generalstabsleiter zwei getrennte Posten. Beide müssen jedoch eng zusammenarbeiten, da der Generalstab als operative Schaltstelle für die strategische Kriegsführung fungiert.

Ursprünglich hatte Selenskyj mehr als zehn potenzielle Kandidaten für den Posten des Armeechefs im Blick, mit denen er in den vergangenen Tagen persönlich oder digital sprach. Fünf Generäle standen im engen Favoritenkreis, doch letztlich blieben zwei Anwärter übrig. Neben Drapatyj wurde auch Oleh Apostol, Kommandeur der Luftsturmtruppen und mit 39 Jahren noch jünger als Drapatyj, in die engere Auswahl gezogen.

Apostol genießt ebenfalls hohes Ansehen bei den Streitkräften. Im Gegensatz zu Drapatyj zählt er jedoch aufgrund seiner Zugehörigkeit zu den Sturmeinheiten eher zur „Syrskyj-Fraktion“ als zur Gruppe der „jungen Donbass-Generäle“, die durch den Donbass-Krieg aufgestiegen sind. Die dritte bedeutende Gruppierung im komplexen Gefüge der ukrainischen Streitkräfte bilden Vertraute von Syrskyjs Vorgänger und heutiger Botschafter in London, Walerij Saluschnyj. Die Beziehungen zwischen diesen drei Fraktionen sind professionell, aber von Komplexität geprägt.

Drapatyj befreite 260 Soldaten aus Einschließung

Die Ernennung von Apostol wäre angesichts seiner Nähe zu Syrskyj politisch schwierig gewesen, doch auch Drapatyjs Berufung birgt Risiken – nicht zuletzt wegen des Eindrucks, die Proteste auf der Straße hätten einen Teilsieg errungen. Militärisch betrachtet ist die Entscheidung jedoch vielversprechend. Dem 43-jährigen Drapatyj, der aus Westukraine stammt und seine Ausbildung an der renommierten Militärakademie für Panzertruppen im ostukrainischen Charkiw absolvierte, werden umfassende strategische Kompetenzen zugeschrieben.

Schon im ersten Jahr des ursprünglichen Donbass-Krieges wurde Drapatyj zur ukrainischen Militärlegende. Im Mai 2014 führte er mit seinem Bataillon der 82. Panzerbrigade eine Rettungsaktion für eingekesselte ukrainische Polizisten durch, indem sie mit wenigen Schützenpanzern eingriffen. Drapatyj selbst fuhr im ersten Panzer der Kolonne. Im Juni geriet seine Einheit gemeinsam mit anderen Verbänden an der russischen Grenze selbst in Einkesselung, in der sie 28 Tage ausharrten. Am Ende gelang es Drapatyj, 260 Soldaten aus dieser Lage zu befreien.

Im umfassenden russisch-ukrainischen Krieg spielte Drapatyj eine maßgebliche Rolle bei der Rückeroberung von Cherson im November 2022, einem der größten Erfolge der ukrainischen Streitkräfte bisher. Mitte 2024 wurde er zudem als „Feuermann“ in die Region Charkiw entsandt, wo die russische Offensive begann und die ukrainischen Truppen unter Druck geraten waren. Dort trug er entscheidend zur Stabilisierung der Lage bei.

Drapatyj hat bereits Rücktrittserfahrung

Es gab auch Rückschläge: Als Kommandeur der Landstreitkräfte, der wichtigsten Teilstreitkraft, trat Drapatyj 2025 nach einem tragischen Zwischenfall zurück, als ein russischer Angriff einen Übungsplatz in der Region Sumy nahe der Grenze traf. Er übernahm die Verantwortung, übte jedoch auch scharfe Kritik an der Praxis des ukrainischen Militärs, Soldaten in unmittelbarer Frontnähe auszubilden. Statt entlassen zu werden, wurde Drapatyj damals Kommandeur der Vereinigten Kräfte – einer Einheit, die strategische Operationen unter Einbindung verschiedener Truppengattungen durchführt. In letzter Zeit trat Drapatyj im Kriegsgeschehen weniger hervor, auch wegen der schwierigen Beziehungen zu Armeechef Syrskyj aufgrund interner Konkurrenzkämpfe.

Jetzt erhält Mychajlo Drapatyj seine Chance auf der höchsten strategischen Ebene. Diese Entscheidung dürfte sowohl viele Ukrainer als auch den ehemaligen Verteidigungsminister Fedorow erfreuen, der mit Drapatyj eine gute Zusammenarbeit pflegte. Im Unterschied zu Saluschnyj oder Syrskyj wird Drapatyj nicht mit einem persönlichen Vertrauten als Generalstabschef kooperieren, sondern mit Ihor Skybjuk, der Syrskyj weiterhin nahesteht. Skybjuk hat sich insbesondere als Kommandeur einer Schlüsseltruppe bei der schnellen Befreiung der Region Charkiw 2022 einen hervorragenden Ruf erarbeitet. Dass Selenskyj Skybjuk als Generalstabschef im Amt belässt, zeigt, wie sehr er darauf bedacht ist, keine der drei mächtigen militärischen Fraktionen zu verprellen.