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Armeechef Syrskyj vor Entlassung?: Interner Machtkampf im Militär stellt Selenskyj vor Herausforderungen

Armeechef Syrskyj vor Absetzung?: Machtkampf im eigenen Militär fordert Selenskyj heraus

Kompetenzstreit, Gegensatz zwischen traditioneller und moderner Kriegsführung, lautstarke Auseinandersetzungen statt klarer Entscheidungen: Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sieht sich mit einer tiefgreifenden Führungskrise in Regierung und Militär konfrontiert. Für eine Lösung ist ein sorgfältiges Abwägen notwendig.

Das politische Dilemma, dem sich Selenskyj gegenüber sieht, ist komplex und dringend. Die öffentliche Kontroverse nach der faktischen Absetzung des beliebten Verteidigungsministers Mychajlo Fedorow, begleitet von Protesten in Kiew und weiteren Städten, offenbarte neben dem persönlichen Konflikt zwischen dem 35-jährigen Fedorow und Armeechef Oleksandr Syrskyj auch grundlegende strukturelle Differenzen zwischen dem Verteidigungsministerium und dem Generalstab.

Ein wesentlicher Streitpunkt ist das von Ex-Digitalminister Fedorow eingeführte System für Rüstungseinkäufe. Die Ermittlung des Bedarfs und die Bewertung der Wirksamkeit von Waffen erfolgen nun auf eine grundlegend neue Weise. Mithilfe künstlicher Intelligenz werden konkrete Daten vom Schlachtfeld ausgewertet, wobei vor allem erfolgreiche Einheiten bevorzugt werden. Die Reform von Fedorow stellte für die Ukraine insbesondere in diesem korruptionsanfälligen Bereich einen bedeutenden Fortschritt dar. Dennoch formierte sich unter Waffenherstellern eine „Anti-Fedorow-Koalition“, da sie trotz ihres Wettbewerbs nun einen gemeinsamen Gegner sahen. Hinter den Kulissen wurde intensiv daran gearbeitet, politisch gegen den Ex-Minister Stimmung zu machen.

Aus militärischer Perspektive brachte der Generalstab berechtigte Einwände vor. Zum einen bevorzugt das von Fedorow eingeführte Effektivitätssystem praktisch automatisch moderne Drohnen gegenüber klassischen Sturmeinheiten, die jedoch trotz technologischem Fortschritt im russisch-ukrainischen Krieg unverzichtbar bleiben. Zum anderen lässt sich der zukünftige Bedarf nicht allein anhand aktueller Erfolge bestimmen – insbesondere nicht bei Operationen, die den Gegner überraschen sollen.

Drohnen kontra traditionelle Kriegsführung?

Die Spannungen zwischen Fedorow und Syrskyj haben weitere Ursachen. Weder der 35-jährige Ex-Digitalminister, der große Erfolge verbuchte, noch der 60-jährige erfahrene General, der als kampferprobtester Offizier der ukrainischen Armee gilt, sind stark an horizontale Führungsstrukturen gewöhnt. Der Konflikt zwischen beiden besteht schon lange vor Fedorows Ernennung zum Verteidigungsminister, zumal dieser seit 2022 maßgeblich für das ukrainische Drohnenprogramm verantwortlich war.

Obwohl Syrskyj kein grundsätzlicher Gegner der Drohnentechnologie sein soll, standen sich beide von Anfang an skeptisch gegenüber. Fedorow hatte bereits vor seiner Ministerübernahme einen eigenen „Kriegsplan“ entwickelt und verlangte nach seinem Amtsantritt mehr Einfluss bei strategischen Entscheidungen, die üblicherweise beim Generalstab liegen. Fedorow soll Selenskyj gegenüber deutlich gemacht haben, dass er Syrskyj trotz dessen militärischer Verdienste als ungeeignet für die Führung des modernen Krieges ansieht. Syrskyj wiederum reagierte skeptisch auf Fedorows Vorschläge, da er dessen rein militärische Kompetenz als gering einschätzte, da dieser aus der IT-Branche stammt.

Weitere Faktoren verschärften den Konflikt, etwa die Mobilisierungsreform, die Selenskyj Fedorow übertragen hatte. Die Verantwortung wurde zwischen Verteidigungsministerium und Generalstab, unter dem die Einberufungsbüros angesiedelt sind, hin- und hergeschoben. Diese Situation verdeutlichte erneut strukturelle Probleme in der Rollenverteilung zwischen Ministerium und Armeeführung. Selenskyjs Plan, langfristig sowohl Fedorow als auch Syrskyj zu entlassen, resultiert vor allem aus dem eskalierten persönlichen Streit. In politischen Kreisen Kiews wird berichtet, dass wichtige militärische Sitzungen zuletzt gemieden wurden, weil sich die beiden Kontrahenten kaum noch austauschten und Entscheidungen nur noch mit Selenskyjs Intervention getroffen wurden.

Selenskyj trennte sich zunächst vom populären Fedorow, hielt jedoch an Syrskyj fest, der in der breiten Bevölkerung umstritten ist. Diese Entscheidung fiel leichter, da die Ukraine im Verlauf des Krieges bereits Verteidigungsminister wechselte. Syrskyj, der zuvor die Landstreitkräfte führte und persönlich die Verteidigung Kiews sowie die Rückeroberung der Region Charkiw im ersten Kriegsjahr leitete, ersetzte Anfang 2024 seinen formellen Vorgesetzten Walerij Saluschnyj. Obwohl Syrskyj und Saluschnyj kein gutes Verhältnis hatten, respektierten sie sich. Beide hatten in den ersten Kriegsjahren etwa gleichen Einfluss auf die Kriegsstrategie, sodass kein Chaos bei einem Ausscheiden zu befürchten war.

Proteste auf den Straßen

In Kiew gilt die Ablösung Syrskyjs als Armeechef als beschlossene Sache. Doch angesichts der Straßenproteste steht Selenskyj vor weiteren schwierigen Entscheidungen. Die Demonstranten verlangen die Wiedereinsetzung Fedorows als Verteidigungsminister und die sofortige Entlassung Syrskyjs, der für viele das Symbol einer veralteten sowjetischen Kriegsführung und fragwürdigen Personalpolitik in seinen Sturmeinheiten darstellt. Ein erneuter Einsatz Fedorows im Verteidigungsministerium erscheint nach den vergangenen Konflikten jedoch politisch nahezu ausgeschlossen. Eine andere Rolle im Verteidigungssystem lehnt er derzeit ab. Zudem muss Selenskyj bedenken, wie er Syrskyj abberufen kann, ohne den Eindruck zu erwecken, der erfahrenste General werde lediglich aufgrund des öffentlichen Drucks entlassen, obwohl viele Protestierende wenig militärisches Fachwissen besitzen.

Die Position des Verteidigungsministers ist politisch besetzt: Der Präsident schlägt Kandidaten vor, das Parlament bestätigt sie. Da die Gründe für Fedorows Entlassung nie öffentlich gemacht wurden, wuchs die Empörung der Bevölkerung, die in ihm eine Hoffnungsträgerfigur im asymmetrischen Krieg gegen Russland sah. Die Ernennung des Armeechefs hingegen liegt ausschließlich in der Hand des Präsidenten, der Zugang zu geheimen Informationen besitzt, die eine solche Entscheidung rechtfertigen. Entstünde der Eindruck, dass der Kommandeur der Armee durch Straßenproteste ersetzt werden kann, könnte dies ernsthafte Folgen für die ukrainische Staatlichkeit haben. Ob dies der Wahrheit entspricht, wäre zweitrangig – in der dynamischen und oft chaotischen ukrainischen Politik zählt vor allem der äußere Eindruck.

Im Angesicht des Verteidigungskriegs gegen Russland ist vor allem entscheidend, wer Syrskyj nachfolgt. In den letzten Tagen hat Selenskyj nahezu ununterbrochen Gespräche mit verschiedenen Armeekommandeuren geführt. Doch nur wenige verfügen über das Kaliber eines Walerij Saluschnyj oder Oleksandr Syrskyj. Zudem existiert innerhalb der ukrainischen Streitkräfte, die bis zu einer Million Soldaten umfassen, eine eigene „Politik“, die oft noch intensiver ist als die in Kiew. Auf oberster Offiziersebene sollen mindestens drei einflussreiche Gruppen bestehen, die untereinander wenig harmonieren. Mit anderen Worten: Selenskyj steht vor der Herausforderung, diesen internen Machtkampf im Militär schnell und einvernehmlich zu lösen.