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„Leute greifen zur Mistgabel“: In den USA formiert sich eine breite Protestbewegung gegen KI und ihre Entwickler

"Leute greifen zur Mistgabel": In den USA rollt die Widerstandswelle gegen KI und ihre Macher

Künstliche Intelligenz (KI) durchdringt den Alltag vieler US-Bürger auf verschiedenen Ebenen. In den letzten Monaten stiegen Drohungen gegen Verantwortliche der Branche, und Gegner von KI verübten sogar Anschläge. Die Regierung in New York reagierte darauf mit einem Baustopp für neue Rechenzentren.

Das komplexe Thema KI betrifft potenziell sämtliche Lebensbereiche und ist in den USA inzwischen konkret spürbar. Rechenzentren entstehen direkt in den Nachbarschaften der Bürger und sind auf den Überwachungskameras von Führungskräften sichtbar. Wenn es derzeit ein Thema gibt, bei dem sich Amerikaner unabhängig von ihrer politischen Zugehörigkeit einig sind, dann ist es die künstliche Intelligenz und die tatsächlichen oder gefühlten negativen Folgen für Umwelt, Preise und Arbeitsmarkt.

Das „Wall Street Journal“ (WSJ) titelt: „Der Widerstand gegen KI lässt Tech-Manager um ihr Leben fürchten.“ Hintergrund ist ein Vorfall im April, als ein Mann in der Zentrale des KI-Unternehmens Anthropic auftauchte und einem Manager mit dem Tod drohte. Nur wenige Tage zuvor hatte ein 20-Jähriger einen Molotow-Cocktail gegen das Haus von OpenAI-Chef Sam Altman geworfen und anschließend versucht, in die Firmenzentrale einzudringen. Er trug ein „Anti-KI-Manifest“ mit einer Liste von Zielpersonen bei sich. Außerdem wurde berichtet, dass ein weiterer Mann Mitarbeitern von Anthropic drohte, deren Kinder zu „häuten“, weil sie seinen Job gestohlen hätten.

Eine weitere Drohung erfolgte laut Bericht online: Ein Mann forderte eine Rückerstattung und verlangte ein Gespräch mit einem Menschen statt mit einer KI. Er drohte: „Da ihr mir keinen echten Ansprechpartner nennt und mein Geld nicht zurückerstattet, werde ich mit einer Waffe in euer Büro kommen, und dann klären wir das endlich persönlich.“ In San Francisco erlebt eine KI-Firma mit angeschlossenem Café täglich lautstarke Beschimpfungen von Passanten, die KI für steigende Mieten und den Diebstahl von Wasser verantwortlich machen.

Palantir-Chef warnt vor sozialen Unruhen

Seit Februar hat sich die Situation laut dem „Wall Street Journal“ erheblich zugespitzt, basierend auf Daten einer Sicherheitsagentur, die das Internet und das Darknet überwacht. Demnach haben sich bis Mai die online geäußerten Drohungen versechsfacht, im Juni gab es einen leichten Rückgang. Jonathan Graff, Chef von Liferaft, äußerte sich überrascht über die rasche Verschärfung der Lage.

Im ersten Quartal 2026 wurden mindestens 75 Bauvorhaben für Rechenzentren mit einem Gesamtvolumen von 130 Milliarden US-Dollar blockiert. Experten sprechen von einem „strukturellen Wandel“ der Protestbewegung. Die Anzahl aktiver Gruppen gegen Rechenzentren stieg in 49 von 50 Bundesstaaten auf 833 – mehr als eine Verdopplung. Die Debatte um KI und die Proteste könnten auch Einfluss auf die im November anstehenden Kongresswahlen haben.

Alex Karp, Chef von Palantir, betonte auf einer Konferenz zu Arbeit und KI, dass die Angst vor Jobverlust reale Folgen zeitige. Wenn Menschen hören, ihr Arbeitsplatz sei gefährdet, „greifen sie zur Mistgabel“. Einige KI-Unternehmen reagierten bereits mit verstärktem Sicherheitsdienst. Silicon-Valley-Firmen raten ihren Mitarbeitern, in unbekannten Gegenden keine Firmenlogos zu tragen.

Karp bezeichnete politische Unruhen als die größte Herausforderung für die Branche und riet seinen Kollegen: „Keiner von uns wird profitieren, wenn das Land auseinanderfällt.“ Die Investmentfirma Andreessen Horowitz (a16z) bestreitet hingegen Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt, während Anthropic-Chef Darius Amodei schon lange vor großen Umwälzungen warnt.

Parallel bauen die KI-Konzerne in den USA weiterhin neue Rechenzentren und Kraftwerke. Politiker begrüßen diese Investitionen meist in der Hoffnung auf wirtschaftlichen Aufschwung. Eine Mehrheit der US-Bevölkerung lehnt diese Entwicklung jedoch ab: Im März fanden nur 33 Prozent den schnellen Bau von Rechenzentren gut, während 64 Prozent dagegen waren. Lediglich 14 Prozent würden einem Bau in ihrer Nähe zustimmen, 57 Prozent lehnten dies ab. 77 Prozent befürchten steigende Strompreise.

Großprojekt in der Wüste sorgt für Proteste

Ein Beispiel für die Gründe des Widerstands ist Utah im Westen der USA. Dort genehmigte eine Bezirksverwaltung kürzlich ein riesiges neues Rechenzentrum, das an drei Standorten in der Wüste auf insgesamt 160 Quadratkilometern – doppelt so groß wie Manhattan – errichtet werden soll. Während öffentlicher Anhörungen äußerten Gegner des „Stratos“-Projekts heftige Kritik; Kommunalpolitiker sollen sogar mit dem Tod bedroht worden sein. Das Projekt steht wegen seiner Auswirkungen in der Kritik: Stratos und das zugehörige Gaskraftwerk würden mehr Energie verbrauchen als der gesamte Bundesstaat aktuell. Zudem ist der Wasserverbrauch in einer ohnehin trockenen Region problematisch.

Physiker Rob Davies von der Utah State University analysierte, dass Stratos die klimaschädlichen Emissionen Utahs aufgrund des Energie- und Wasserbedarfs um rund 50 Prozent erhöhen würde. Die Abwärme der großen Industrieventilatoren zur Kühlung könnte die Tagestemperaturen im umliegenden Hansel-Tal um 1,1 bis 2,7 Grad und die Nachttemperaturen um 4,4 bis 6,6 Grad steigern. Davies beschreibt die thermische Belastung durch Stratos als „extrem“ und warnt vor einer erheblichen Austrocknung eines bereits gefährdeten Wassereinzugsgebiets und Ökosystems.

Ein Investor erklärte, Stratos zeige „den Chinesen und der Welt, dass wir es ernst meinen und unseren KI-Firmen die notwendige Rechenleistung bereitstellen wollen, die das Land schützt.“ Gegen das Projekt werden aktuell Unterschriften gesammelt, um eine Volksabstimmung zu erzwingen.

Gleichzeitig verhängte der Bundesstaat New York an der Ostküste einen einjährigen Baustopp für Rechenzentren. Gouverneurin Kathy Hochul, eine Demokratin, begründete dies mit der Gefahr steigender Stromkosten, Ressourcenknappheit und Unsicherheit für die Bevölkerung. Hochul tritt im November zur Wiederwahl an und will steigende Energiekosten vermeiden. Bisher ist sie damit eine Ausnahme, da viele Politiker angesichts der finanziellen Bedeutung der KI-Branche für Wahlkampffinanzierung und Arbeitsplätze zurückhaltend bleiben.