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Interview mit Wolodymyr Fessenko: „Putins Verhalten bewegt sich oft im psychiatrischen Bereich“

Interview mit Wolodymyr Fessenko: "Auch bei Putin befinden wir uns oft im Bereich der Psychiatrie"

Der ukrainische Politologe Wolodymyr Fessenko bewertet die Erteilung einer Produktionslizenz für Patriot-Abwehrraketen an die Ukraine als bedeutenden Fortschritt. Einen schnellen Waffenstillstand hält er für kaum realistisch: „Putin möchte unbedingt als Sieger aus dieser von ihm selbst verschuldeten Pattsituation hervorgehen. Allerdings wird diese Kriegsphase höchstwahrscheinlich keinen eindeutigen Gewinner hervorbringen.“

Wolodymyr Fessenko: Ganz eindeutig. Das Treffen war quasi das genaue Gegenteil des berüchtigten Gesprächs im Oval Office Anfang 2025. Zuvor gab es viele Spekulationen darüber, mit welcher Stimmung Trump in die Türkei reisen würde und ob Selenskyj bei dem Gipfel eine eher untergeordnete Rolle spielen würde. Letztlich dauerte das Treffen sogar deutlich länger als von ukrainischer Seite erwartet. Insgesamt übertrafen die Ergebnisse des Gipfels in Ankara die Erwartungen der Ukraine – auch hinsichtlich der Zukunft der NATO, was für die Ukraine strategisch von großer Bedeutung ist.

Seit Mai versucht Russland, den Mangel an Abwehrraketen für die Patriot-Systeme in Kiew auszunutzen, indem es vermehrt ballistische Raketen auf die ukrainische Hauptstadt abfeuert. Seit dem 2. Juni sind dabei 53 Zivilisten in Kiew ums Leben gekommen. Welche Bedeutung hat Trumps Ankündigung, der Ukraine eine Produktionslizenz für Patriot-Abwehrraketen zu erteilen?

Derzeit ist vor allem wichtig, dass die Ukraine in nächster Zeit mit weiteren Lieferungen von Abwehrraketen rechnen kann, denn der Mangel ist wirklich gravierend. Bei den jüngsten Angriffen konnten ballistische Raketen nicht abgefangen werden, da keine Abwehrmunition für die Patriot-Systeme verfügbar war.

Woran liegt das?

Das hat zwei Ursachen. Zum einen werden weltweit monatlich weniger Patriot-Raketen der neuesten PAC-3-Generation hergestellt als ballistische Raketen, die Russland gegen die Ukraine einsetzt. Zum anderen hat sich das Defizit durch die Entwicklungen rund um den Iran weiter verschärft. Russische ballistische Angriffe werden daher weiterhin durchkommen. Jede zusätzliche Abwehrrakete erhöht jedoch den Schutz für die Bevölkerung.

Die mögliche Erteilung der Produktionslizenz an die Ukraine stellt einen Meilenstein dar, zumal die Chancen dafür bislang als gering eingeschätzt wurden. Nun bleibt abzuwarten, wie schnell die Umsetzung erfolgen kann. Erfahrungen aus Deutschland und Japan zeigen, dass dies Zeit in Anspruch nehmen kann. Allerdings läuft unter den aktuellen Kriegsbedingungen vieles oft schneller als erwartet – und aus Kiew heißt es, dass der politische und bürokratische Prozess weiter fortgeschritten ist als ursprünglich angenommen. Zudem sendet dies ein starkes strategisches Signal an Moskau: Die Besetzung der Ukraine wird auch über die gegenwärtigen Kampfhandlungen hinaus schwierig bleiben. Es ist ein Vertrauensbeweis aus Washington und zeigt, dass man der Ukraine zutraut, komplexe Prozesse zügig umzusetzen – etwas, was sie im Verlauf dieses Krieges mehrfach bewiesen hat.

Solange Donald Trump Präsident ist, wird es keine finanzielle Unterstützung und kostenlose Waffenlieferungen aus Washington für die Ukraine geben. Dennoch hat sich Trumps Haltung zur Ukraine spürbar gewandelt. Liegt das eher an den Erfolgen der Ukraine oder an Trumps Enttäuschung über Putin?

Bei Trump bewegen wir uns stets im Bereich der Psychologie, wenn nicht sogar der Psychiatrie. Eine politische Analyse allein reicht hier nicht aus. Ich denke aber, dass psychologische Faktoren eine größere Rolle spielen. Trump respektiert Stärke. Dass die ukrainische Armee Russland so stark unter Druck setzt, erzeugt bei ihm Respekt, besonders gegenüber den ukrainischen Streitkräften. Das wurde in Ankara deutlich, als der US-Präsident in Selenskyjs Begleitung dessen stellvertretenden Bürochef Pawlo Palissa erkannte und ihn vor den Kameras als seinen „Lieblingsmilitär“ bezeichnete. Palissa, ein vergleichsweise junger, erfolgreicher Brigadekommandeur, wechselte in die Präsidentenkanzlei, wurde in den USA ausgebildet, spricht gut Englisch und wird wohl deshalb zu solchen Treffen mitgenommen – solche Militärs gefallen Trump besonders.

Glauben Sie nicht, dass auch eine gewisse Enttäuschung über Putin eine Rolle spielt? Immerhin hat Trump ihm ein Angebot gemacht mit dem Motto: Wladimir, du steckst an der Front in einer Sackgasse, hier ist ein Ausweg für dich.

Das stimmt. Grundsätzlich widerspricht es Trumps Logik, dass Putin einem Ende dieses sinnlosen Krieges gegen Zugeständnisse wie Sanktionsaufhebungen und wirtschaftliche Zusammenarbeit nicht zustimmt. Hier prallen ein US-Immobilienunternehmer und ein russisch-sowjetischer Geheimdienstmann aufeinander. Man muss bei Putin in Bezug auf Trump sehr vorsichtig sein. Es klingt banal, aber was heute bei Trump gilt, kann morgen schon wieder anders sein. Seine Präsidentschaft gleicht ohnehin einer emotionalen Achterbahnfahrt. Zudem sehen wir beim Iran-Konflikt, dass Trump dazu neigt, Druck auszuüben und gleichzeitig Verhandlungen zu führen. Dass er Druck auf Russland macht und nicht auf die Ukraine, ist ein Erfolg für Kiew.

Zum Thema Druck: Die Luftangriffe der Ukraine treffen die russische Ölindustrie hart, und die Versorgungslage rund um die besetzte Krim wird für Russland immer schwieriger. An der Front behalten die Russen zwar die Initiative, kommen aber langsamer voran als sonst. Gibt es dadurch Hoffnung auf einen baldigen Waffenstillstand?

Für die Ukraine gibt es keine Alternative, als den Druck auf Russland zu erhöhen, um eine Waffenruhe zu ermöglichen. Die Strategie hinter dem Luftkrieg ist folgende: Russland kann zwar mit seinen Angriffen mehr Schaden anrichten, muss aber seine Kriegsführung fast vollständig selbst finanzieren. Die wirtschaftlichen Verluste treffen Moskau bereits hart. Hinzu kommt, dass völlig unklar ist, wie Russland seine logistischen Probleme um die Krim langfristig lösen will. Die Versorgung der Halbinsel war schon nach der Annexion 2014, lange vor dem aktuellen Krieg, problematisch.

Die Ukraine will all diese Faktoren nutzen, um Russland dazu zu bewegen, von seinen unrealistischen Forderungen für einen Waffenstillstand abzurücken. Aus Kiewer Sicht ist es unter den aktuellen Umständen völlig absurd, dass Moskau weiterhin auf einem Abzug der ukrainischen Truppen aus der gesamten Donezk-Region besteht. Das ist realitätsfern. Allerdings könnte Putin die Lage rund um die Krim vorerst als zusätzliches Argument nutzen, um die Fortsetzung seiner „Spezialoperation“ zu rechtfertigen. Deshalb bin ich für die nahe Zukunft nicht besonders optimistisch. Insgesamt könnte es jedoch sein, dass Eskalation und Verhandlungen parallel verlaufen. Die Delegationen Russlands und der Ukraine haben sich Anfang des Jahres grundsätzlich darauf geeinigt, wie ein Waffenstillstand technisch aussehen könnte. Der politische Wille zu einer angemessenen und halbwegs fairen Waffenruhe ist in Moskau derzeit aber nicht erkennbar.

Wie erklären Sie das? Ein Waffenstillstand birgt für den Kreml zwar Risiken, auch innenpolitische. Aber sind die Risiken für die Ukraine nicht größer?

Im Grunde ja. In der Ukraine müssten dann Wahlen stattfinden, die innenpolitisch für Instabilität sorgen könnten. Die Öffnung der Grenzen für wehrpflichtige Männer würde intensiv diskutiert werden. Und wenn die Grenzen für Männer geöffnet werden, würde die Wirtschaft noch stärker leiden. Ohne konkrete Sicherheitsgarantien wird der Wiederaufbau schwierig. Russland wird solchen Garantien jedoch keinesfalls zustimmen, was automatisch die Tür für eine neue Kriegsrunde öffnet.

Kurz gesagt: Es kann vieles passieren, was Russland in die Karten spielt. Das Problem ist, dass wir auch bei Putin oft im Bereich der Psychiatrie sind. Das ist womöglich ein noch größeres Problem als bei Trump. Putin will unbedingt als Sieger aus dieser Pattsituation hervorgehen, in die er sich selbst manövriert hat. Die aktuelle Kriegsphase wird aber höchstwahrscheinlich keinen eindeutigen Gewinner hervorbringen. Stattdessen haben wir es mit einem umkämpften Unentschieden zu tun. Ob und wann Putin diese Realität akzeptiert, wird die Zeit zeigen.

Das Gespräch mit Wolodymyr Fessenko führte Denis Trubetskoy