Verhält sich Trump nachtragend? Erwartungen an den Nato-Gipfel in Ankara
Tritt US-Präsident Donald Trump beim Nato-Gipfel in den Streit? Die Konflikte im Iran und in der Ukraine sowie die Diskussion um die Lastenverteilung im Bündnis bieten beim heutigen Treffen der 32 Staats- und Regierungschefs in Ankara reichlich Gesprächsstoff.
Vor dem zweitägigen Gipfel kritisierte Trump erneut die Verteidigungsausgaben großer europäischer Länder wie Deutschland, Frankreich und Großbritannien. Auch in Bezug auf den Krieg im Iran bemängelte der US-Präsident die mangelnde Solidarität einiger Verbündeter. Hinzu kommt der Konflikt zwischen Trump und Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni. Kann Nato-Generalsekretär Mark Rutte trotz dieser schwierigen Voraussetzungen einen erfolgreichen Gipfel wie im vergangenen Jahr in Den Haag ermöglichen?
Die Erwartungen Deutschlands an das Gipfeltreffen
Trump bezeichnete Deutschlands Beitrag zur Nato als „lächerlich“. Bundeskanzler Friedrich Merz will sich diese Kritik in Ankara nicht gefallen lassen. Aus seinem Umfeld heißt es, er sei zuversichtlich hinsichtlich der Ergebnisse des Gipfels. Er hoffe, dass ein „Geist von Ankara“ entstehe. Ungeachtet der Spitzen von Trump solle von Ankara das Signal ausgehen: „Wir gestalten eine europäischere Nato, um die transatlantische Partnerschaft zu erhalten.“
Außerdem spielt das milliardenschwere U-Boot-Geschäft mit Kanada eine Rolle. Dabei geht es nicht nur um den U-Boot-Verkauf, sondern um eine langfristige Zusammenarbeit. Kanada plant, bis zu zwölf U-Boote bei der Kieler Werft TKMS zu erwerben. Merz wertete die Ankündigung kurz vor dem Gipfel als „starkes Zeichen“ für die transatlantische Kooperation.
Unterstützung für die Ukraine
Beim Nato-Gipfel im Vorjahr erhielt der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj lediglich nationale Zusagen, keine Bündnisversprechen. In Ankara soll sich das ändern. Das von Russland angegriffene Land soll eine neue Zusage für milliardenschwere Militärhilfen erhalten. Eine grundsätzliche Einigung liegt bereits vor und soll nun vom Gipfel bestätigt werden.
Konkret geht es um eine Mindestfinanzierung von jährlich 70 Milliarden Euro über zwei Jahre für militärische Ausrüstung, Unterstützung und Ausbildung – insgesamt also 140 Milliarden Euro. Ein EU-Hilfspaket wird dabei angerechnet: Bis Ende 2027 soll die Ukraine etwa 60 Milliarden Euro für Verteidigung erhalten. Somit müssten die Nato-Staaten rund 80 Milliarden Euro aus eigenen Haushalten aufbringen.
Neuer Anlauf für Frieden in der Ukraine?
Der Krieg in der Ukraine dauert bereits fünf Jahre an. Trump hatte einst das Ziel, den Konflikt innerhalb von 24 Stunden nach Amtsantritt zu beenden. Doch die US-Vermittlungsbemühungen stagnieren. Der Iran-Krieg forderte zuletzt offensichtlich Trumps volle Aufmerksamkeit. Nun überraschte der US-Präsident am Vorabend des Gipfels mit einer Einschätzung: Nach einem Telefonat mit Kremlchef Wladimir Putin sei er überzeugt, dass dieser den Krieg beenden wolle. Die Einigung sei näher, „als viele glauben“. Mit Blick auf den Gipfel sagte Trump: „Wir werden darüber sprechen, und ich bin zuversichtlich, dass wir es schaffen.“
Der Streit um Trumps Iran-Konflikt
In der erwarteten Gipfelerklärung wird der von den USA und Israel begonnene Iran-Krieg nur kurz erwähnt. Es geht um das Ziel einer freien Schifffahrt durch die strategisch wichtige Straße von Hormus, die für Öl- und Gaslieferungen entscheidend ist. Trump äußerte wiederholt seine Unzufriedenheit über die fehlende Unterstützung einiger Alliierten. US-Regierungsvertreter wie Verteidigungsminister Pete Hegseth und Außenminister Marco Rubio bezeichneten das Verhalten der Verbündeten als „beschämend“ und kündigten eine Neubewertung der US-Nato-Beziehungen an.
Beeindruckende Zahlen für Trump
Generalsekretär Rutte sieht jedoch Fortschritte bei den Verbündeten, um die USA zufriedenzustellen. Die europäischen Partner und Kanada investieren bereits etwa vier Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts in Verteidigung und Sicherheit, berichtete Rutte in Ankara.
Davon entfallen rund 2,5 Prozent auf klassische Verteidigungsausgaben und etwa 1,5 Prozent auf weitere verteidigungsrelevante Bereiche wie Infrastruktur. Im März veröffentlichte Rutte einen Bericht, der für das vergangene Jahr noch 2,33 Prozent klassische Verteidigungsausgaben der europäischen Nato-Länder und Kanadas auswies.
Der Generalsekretär hob hervor, dass die Europäer und Kanadier im vergangenen Jahr fast 20 Prozent mehr für klassische Verteidigung aufgewendet haben als im Vorjahr. Für 2025 und 2026 zusammen bedeutet dies zusätzliche Ausgaben von 258 Milliarden US-Dollar.
Prestige für den umstrittenen Gastgeber
Für Präsident Recep Tayyip Erdogan ist der Gipfel bereits vor Beginn ein Prestigeerfolg. Trump kündigte seine persönliche Teilnahme in Ankara an, wodurch Erdogan die Türkei – das Land mit der zweitgrößten Nato-Armee – als unverzichtbare Regionalmacht präsentieren kann. Kritik von Menschenrechtlern an Erdogans Umgang mit Oppositionellen dürfte beim Gipfel kaum thematisiert werden.
Und wie steht es um Trumps Konflikt mit Meloni?
Auslöser war Trumps Behauptung, Meloni habe ihn beim G7-Gipfel in Évian um ein Foto gebeten und ihm leid getan. Meloni wies dies als „völlig erfunden“ zurück.
Kurz vor dem Nato-Treffen legte Trump noch einmal nach und veröffentlichte ein Foto, auf dem die rechtsgerichtete Regierungschefin ihn intensiv betrachtet. Über dem Bild stand in Großbuchstaben: „Restraining order needed“ – was im Englischen etwa „Kontaktverbot erforderlich“ bedeutet. Das Treffen der beiden in Ankara wird nun besonders aufmerksam beobachtet werden.