Vor 80 Jahren: Aus Königsberg wurde Kaliningrad – Eine Würdigung des sowjetischen Funktionärs
Früher Hauptstadt Ostpreußens, heute die westlichste Großstadt Russlands: Vor 80 Jahren wurde Königsberg in Kaliningrad umbenannt. Diese Entscheidung der sowjetischen Führung sollte den Anspruch auf das eroberte Gebiet dauerhaft manifestieren und beeinflusst die Exklave bis heute maßgeblich.
Von der alten Stadt Königsberg sind in Kaliningrad nur noch wenige Überreste erhalten. Die wohl bekannteste davon ist die Kant-Insel, früher als Kneiphof bekannt. Der 50 Meter hohe Dom erhebt sich imposant auf der Insel im Pregel-Fluss. Knapp 700 Jahre nach seiner Errichtung ist er weiterhin das Wahrzeichen der Stadt, und die Umgebung des Backsteinbaus ist sowohl bei Einheimischen als auch Besuchern der russischen Ostsee-Exklave ein beliebtes Ausflugsziel.
Das Grab von Immanuel Kant an der Rückseite des Doms ist ein beliebter Ort für Brautpaare. Die zahlreichen Blumen zeigen, dass der bedeutende deutsche Philosoph, der Vernunft und Moral in den Mittelpunkt seiner Lehren stellte, auch in Russland Bewunderer hat. Die Universität der Ostseemetropole, die auf den Fundamenten der früheren Albertina errichtet wurde, trägt seit 2005 den Namen Kants. Rund um den Dom werden in der kalten Jahreszeit kleine Stände betrieben, die den sogenannten Kant-Wein, einen Glühwein, ausschenken.
Das ehemalige Stadtzentrum auf dem Kneiphof ist mittlerweile eher eine Randlage geworden. Überwiegend dominieren sowjetische Wohnblocks das Stadtbild von Kaliningrad. Diese Fassaden verdeutlichen ebenso eindrucksvoll wie der Name, dass die Stadt, die vielen Deutschen vor allem durch das Gericht Königsberger Klopse bekannt ist, seit 80 Jahren russisch geprägt ist.
Die Pest fordert Tausende Opfer
Als die sowjetischen Truppen im April 1945 Königsberg einnahmen, war von der einst stolzen Hansestadt, die 1255 vom Deutschen Orden gegründet wurde, kaum noch etwas übrig. In den fast 700 Jahren deutscher Geschichte durchlebte Königsberg viele Höhen und Tiefen. Die Stadt war Sitz der Hochmeister des Deutschen Ordens und später Residenz der preußischen Herrscher. 1701 krönte sich Kurfürst Friedrich III. hier zum König Friedrich I. in Preußen.
Doch nur wenige Jahre später forderte die große Pest fast 10.000 Königsberger das Leben – ein Viertel der damaligen Bevölkerung. Einige Jahrzehnte später eroberten die Russen im Siebenjährigen Krieg die Stadt. Von 1758 bis 1762, als Zar Peter III. Ostpreußen freiwillig an Friedrich II. zurückgab, stand Königsberg unter russischer Herrschaft.
Dennoch erlitt die Stadt im Zweiten Weltkrieg die schlimmsten Zerstörungen ihrer Geschichte. Die Deutschen hatten unter Adolf Hitler den Krieg entfacht, um „Lebensraum im Osten“ zu erlangen, und brachten Vernichtung über ihre Nachbarn. Diese Katastrophe kehrte sich am Ende gegen sie selbst – besonders in Königsberg.
1944 zerstörten britische Luftangriffe die Altstadt nahezu vollständig. Auch Schloss, Universität und Dom wurden in Trümmer gelegt. Die Schlacht um Königsberg, das als Festung galt, beseitigte fast alle Überreste. Als die Rote Armee im April 1945 einzog, lagen nur noch Ruinen vor. Vor Kriegsbeginn lebten über 360.000 Menschen in der Stadt, zum Kriegsende waren es weniger als 50.000. Viele mussten Zwangsarbeit leisten, starben an Hunger und Erschöpfung, und die letzten Deutschen wurden 1948 aus Ostpreußen vertrieben.
Sowjetdiktator Josef Stalin sicherte sich auf der Potsdamer Konferenz den nördlichen Teil Ostpreußens als Kriegsbeute und ließ dort Russen ansiedeln. Die Region, zunächst Kjonigsbergskaja Oblast genannt, wurde bewusst Russland eingegliedert und nicht dem ebenfalls zur Sowjetunion gehörenden Litauen, das Moskau erst kurz zuvor im Hitler-Stalin-Pakt erobert hatte und als politisch unzuverlässig galt.
Kalinin hatte keine Verbindung zu Königsberg
Ostpreußen sollte den militärischen Einfluss des Kremls in Europa stärken – deshalb wurde der Marinehafen Pillau ausgebaut und zum Hauptstützpunkt der sowjetischen Ostseeflotte gemacht. Um den Anspruch auf die strategisch wichtige Region zu unterstreichen, erfolgte auch eine Umbenennung: Pillau wurde zu Baltijsk, und die Gebietshauptstadt Königsberg erhielt am 4. Juli 1946, nach dem Tod des sowjetischen Politikers Michail Kalinin, ihren neuen Namen Kaliningrad.
Kalinin, der von 1923 bis 1946 formal Staatsoberhaupt der Sowjetunion war, hatte keinerlei Verbindung zu der Stadt. Das Benennen von Orten nach verstorbenen oder sogar lebenden Parteifunktionären war unter Stalin jedoch weit verbreitet. So wurden unter anderem sechs Städte zu Ehren Stalins umbenannt, die bekannteste war Stalingrad, das heutige Wolgograd. Fünf Orte trugen den Namen Kalinin, neben Kaliningrad vor allem die Stadt Kalinin, heute Twer.
Im Gegensatz zu Twer erhielt Kaliningrad während der Perestroika seinen ursprünglichen Namen nicht zurück. Obwohl es auch hier zahlreiche Stimmen für eine Rückbenennung gab, war Moskau ein solcher Schritt zu heikel, um keine Rückgabe der Exklave an Deutschland zu provozieren. Stattdessen wurde zeitweise ernsthaft über den Namen Kantgrad als Alternative nachgedacht.
„Fenster nach Europa“
Hinter diesem Gedanken stand nicht nur die Ehrung des berühmtesten Sohnes der Stadt, sondern auch der Wunsch, Verbindungen nach Europa zu fördern. Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde Kaliningrad quasi zur Insel, deren Bewohner sich zunehmend nach Westen orientierten. Moskau versuchte, die Region als Modellregion und neues „Fenster nach Europa“ zu etablieren.
Davon profitierte das Gebiet zeitweise. Es gab Bahn- und Flugverbindungen nach Berlin, und das Interesse an der vorsowjetischen Geschichte wuchs. Enthusiasten restaurierten den Dom, der seit dem Zweiten Weltkrieg in Trümmern lag – auch mit deutscher Unterstützung.
Die zunehmenden Spannungen nach der russischen Annexion der Krim 2014 beendeten diese Annäherungsversuche. Aus der Brücke wurde eine Festung. Kaliningrad ist heute militärisch so stark aufgerüstet wie zuletzt zu Sowjetzeiten. Die deutsche Geschichte spielt offiziell keine Rolle mehr – nur die Einwohner nennen ihre Stadt noch immer liebevoll „Kenig“.
Quelle: André Ballin, dpa