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Interview mit Chruschtschows Enkelin: „Putin braucht Stalin als Leitbild“

Chruschtschow-Enkelin im Interview: "Putin braucht Stalin als Konzept"

Ja, das stimmt. Er hat selbst davon erzählt. Vor der Revolution verließen zahlreiche Menschen das Russische Reich. Mit der Gründung des Sowjetstaates änderte sich jedoch alles. Chruschtschow war überzeugt, dass das Proletariat die Macht übernehmen und dadurch das Leben der Menschen verbessern würde. Deshalb gab er seine Pläne zur Auswanderung auf.

Würden Sie sagen, dass Sie von ihm eine kosmopolitische Haltung übernommen haben?

Er schätzte Menschen sehr und verstand sich mit vielen gut. Die Sowjetunion hatte damals zahlreiche Satellitenstaaten, und Chruschtschow pflegte die Beziehungen zu diesen Ländern mit großer Ernsthaftigkeit. In diesem Sinne könnte man ihn als eine Art Kosmopoliten bezeichnen.

Wobei „Kosmopolit“ im Umfeld Stalins ein Schimpfwort war…

Ja, auch für Nikita Chruschtschow war dieser Begriff damals negativ besetzt. Aber nicht mehr in der Zeit, in der ich aufwuchs. Der Friedensnobelpreisträger Andrej Sacharow war ein Kosmopolit. Meine Mutter, Julia Chruschtschowa, reiste viel – nach Indien, Indonesien und in die Tschechoslowakei. Sie war Journalistin und berichtete zum Beispiel über das Thingyan-Wasserfest in Burma, dem heutigen Myanmar. In dieser Hinsicht glaube ich, dass ich von ihr geprägt bin.

Ich bin anderen Kulturen gegenüber genauso offen wie eine Britin, eine Deutsche, eine Französin oder jede vernünftig denkende russische Person. Für mich bedeutet Kosmopolitismus, Kulturen mit Neugier statt mit Verachtung oder Nationalismus zu begegnen. Dieses Konzept verdient meiner Meinung nach Verteidigung. Häufig wird es fälschlicherweise als Gegensatz zum Patriotismus dargestellt, was jedoch nicht zutrifft.

Im März wurden Sie in Russland als „ausländische Agentin“ eingestuft, was dort einer „Staatsfeindin“ gleichkommt.

Die Entscheidung war eine „Blackbox“, völlig undurchsichtig. Ich habe erst aus der Presse davon erfahren.

Gibt es in Russland nicht eine unausgesprochene Regel, Angehörige ehemaliger Kreml-Eliten nicht zu verfolgen?

Das weiß ich nicht. Ich wurde kurz nach Chruschtschows Entmachtung am 14. Oktober 1964 geboren. Zu diesem Zeitpunkt war er nicht mehr im Amt und gehörte somit nicht mehr zur politischen Elite. Dennoch finde ich es merkwürdig, dass jemand aus der Familie Chruschtschow in Russland als „ausländische Agentin“ gilt. Das wäre so, als würde in den USA Richard Nixon eines der Enkelkinder von John F. Kennedy als „ausländischen Agenten“ einstufen.

Was glauben Sie war der Auslöser dafür?

Das kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Im Februar jährte sich der 70. Jahrestag von Chruschtschows „Geheimrede“, in der er Stalin kritisierte. Im selben Monat musste das Moskauer Gulag-Museum endgültig schließen. Kurz darauf wurde Russlands bekannteste Menschenrechtsorganisation Memorial als extremistisch erklärt.

Die russischen Behörden haben offenbar verstanden, wie sie gegen diejenigen vorgehen, die einer Re-Stalinisierung entgegenstehen. Wladimir Putin benötigt Stalin als ideologisches Konzept. Die drastischen Maßnahmen gegen die eigene Bevölkerung im Namen der nationalen Existenz sollen daher von niemandem infrage gestellt werden – schon gar nicht von den Chruschtschows.

Ihr Großvater überstand die blutigsten Jahre des Stalinismus, ohne selbst Opfer der Repressionen zu werden. Würde er es als Versagen ansehen, dass Sie Ihre kritische Haltung in Russland nicht ohne politische Verfolgung vertreten können?

Auch zu Chruschtschows Zeiten landeten viele Menschen im Gefängnis. Zwar war es nicht so brutal wie unter Stalin, doch Repressionen gab es. Ich bin als seine Enkelin aufgewachsen, aber die Distanz war zu groß, als dass er sich Gedanken darüber gemacht hätte, ob ich seinen Erwartungen entspreche. Ich glaube, er wäre eher empört gewesen, wenn ich gesagt hätte, Massenrepressionen seien akzeptabel, Verhaftungen gut oder man solle sich gegenseitig denunzieren und vergessen, dass wir als freie Menschen geboren sind. Vermutlich hätte er eher meine Haltung unterstützt als das, was Putin heute den Russen antut.

Wurde die Entscheidung über Ihre Einstufung vom russischen Inlandsgeheimdienst FSB getroffen oder kam sie direkt aus dem Kreml?

Ich habe keine Ahnung, wer solche Entscheidungen trifft. Ich vermute, dass eine höhere Genehmigung notwendig war, sodass es nicht spontan geschah – das ist aber nur eine Vermutung meinerseits.

Sie haben erzählt, dass Putin Sie bei Ihrem ersten Treffen 1999 kurz musterte und sich dann entschied, Ihnen die Hand zu geben statt Sie zu küssen, weil Sie in den USA gelebt hatten. Ist er ein Mann des Instinkts?

Er war KGB-Rekrutierer in Ostdeutschland. Seine Aufgabe war es, Menschen zu beurteilen und herauszufinden, wem man vertrauen konnte und wem nicht. Ich hatte zwei Begegnungen mit ihm, beide in seinen frühen Jahren. Ich war beeindruckt davon, wie er mit dem Publikum umging. Ich denke, weil er so erfolgreich war, glaubte er irgendwann, er könne nichts falsch machen – bis hin zu dem Glauben, die Ukraine angreifen zu können.

Werden seine Instinkte mit der Zeit schwächer?

Ich habe ihn seit vielen Jahren nicht mehr gesehen. Er ist deutlich älter geworden. Seit über 25 Jahren ist er an der Macht. Früher schätzte er Situationen und Menschen im Verhältnis zum allgemeinen Umfeld ein. Heute scheint er alles nur noch in Bezug auf sich selbst und seine Rolle zu bewerten.

In der EU wird derzeit über mögliche Verhandlungen mit Russland zur Beendigung des Ukraine-Krieges diskutiert. Wie beurteilen Sie das?

George F. Kennan, ein US-Diplomat, für den ich als Assistentin gearbeitet habe, sagte immer, das Problem der amerikanischen Außenpolitik sei, dass sie die Welt aus der Perspektive dessen betrachtet, was sie sehen will, anstatt aus der Sicht dessen, was die andere Seite tatsächlich tun wird. Dieses Problem betrifft inzwischen auch die europäische Außenpolitik. Ich dachte, Europa wäre klüger, aber offensichtlich ist dem nicht so.

Warum sollte Putin verhandeln? Moskau steht unter Sanktionen. Selbst wenn immer mehr Ölraffinerien in Russland zerstört werden, führt das nicht zu mehr Verhandlungsbereitschaft. Im Gegenteil: Es bestärkt ihn darin, dass der Westen gegen ihn vorgeht.

Europa sollte offenlegen, dass sein strategisches Ziel darin besteht, Russland zu besiegen. Es wäre ehrlicher, den Krieg klar und offen zu führen, bis er endet. Derzeit dreht sich jedoch alles nur um Donald Trump, den Wunsch, ihm zu zeigen, dass Putin nicht gewinnt, die Ukraine noch Chancen hat und Europa ein eigenständiger Akteur ist.

Sie sagten, man solle Trump als Symptom betrachten. Symptom wovon?

Trump ist ein Showman der Autokratie. In seiner ersten Amtszeit nannte ich ihn „Meta-Dic“ – kurz für „Meta-Diktator“, ein Wortspiel mit dem englischen Schimpfwort. Es ging dabei mehr um seinen Kommunikationsstil als um die Autokratie an sich. Er hat aber seine Macht gefestigt. In seiner zweiten Amtszeit inszeniert er eine Reality-TV-Show mit dem Titel „Wie man Autokrat wird“ und zeigt politische Machtdemonstrationen.

Als ich kürzlich UFC-Kämpfe auf dem Rasen des Weißen Hauses sah, hatte ich das Gefühl, einen schlechten Film zu sehen – eine Art Michael-Moore-Version dessen, wie das amerikanische Präsidentenamt nicht sein sollte.

Amerika war schon immer eine Bühne für Inszenierungen. Doch besonders in Trumps zweiter Amtszeit verschmolzen Realität, Reality-TV, digitale Medien und Politik zu einem komplexen Geflecht, das sich meiner Meinung nach auch nach Trump nicht leicht entwirren lässt.

Umfragen zeigen, dass das Zweiparteiensystem in den USA Trump bei den Midterms möglicherweise vor einer Anti-Trump-Welle schützt.

In gewisser Weise gibt es weiterhin eine Art Kult um Trump, von dem sich viele nicht abwenden. Er sprach bereits von einer dritten Amtszeit. Das deutet auf eine ernsthafte Schwächung der amerikanischen Demokratie hin. Im Gegensatz zu Stalin oder Putin, für die das System eine existenzielle Idee ist, die sie verkörpern, geht es Trump eher darum, wie viel PR er für sich und sein Geschäft machen kann.

Ich sah gerade den peinlichsten Moment beim G7-Gipfel: Kanzler Friedrich Merz, der angeblich Trump-Kritiker ist, überreichte ihm ein T-Shirt mit dem Logo der deutschen Mannschaft und der Zahl 47 – für den 47. Präsidenten der USA. Trump legte es jedoch einfach beiseite, weil er glaubt, im Mittelpunkt zu stehen und alle anderen ihm huldigen müssen.

Apropos Merz: Sie reisen oft nach Deutschland und Berlin. Im Juli 1961 stimmte Chruschtschow dem Bau der Berliner Mauer zu, obwohl er sie ursprünglich ablehnte. Wie empfinden Sie das?

Vor zwei Jahren war ich am Checkpoint Charlie und sah dort Fotos von Chruschtschow. Ich versuchte, mit einer Verkäuferin im Souvenirshop ins Gespräch zu kommen und erzählte ihr, wer ich bin. Sie schaute mich nur verwirrt an. Chruschtschow und die Berliner Mauer gehören zur Geschichte. Man will keinen neuen Chruschtschow – man will nicht, dass die Realität die Geschichte beeinflusst.

Was denken Sie, wenn Sie die Bilder von Chruschtschow im Mauermuseum betrachten?

Chruschtschow machte Stalin zur Vergangenheit. Gorbatschow schloss den Stalinismus komplett ab und warf den Schlüssel weg. Unter Putin wird der Stalinismus jedoch plötzlich wieder als Kommentar zur Gegenwart betrachtet. Massenterror und Massenrepressionen sind nicht mehr nur Geschichte, sondern dienen als Bezugspunkt für die Gegenwart – eine Tragödie.

Ich hoffe, die Berliner Mauer bleibt als historisches Mahnmal erhalten – als Erinnerung daran, dass Nicht-Kosmopolitismus und Spaltung die Menschheit zerstören, statt ihr zu dienen.

Das Interview führte Ekaterina Venkina mit Nina Chruschtschowa