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Wieduwilts Woche: Der Bundeskanzler trifft endlich den passenden Ton

Wieduwilts Woche: Der Bundeskanzler findet endlich den richtigen Ton

Friedrich Merz hat endlich eine Formulierung gefunden, die nicht wie eine Standpauke von Bernd Stromberg klingt: „Wohlstand für die Jugend“ ist das neue Leitmotiv. Diese Botschaft könnte Wirkung zeigen, denn sie verbindet Herausforderungen mit einer klaren Zukunftsperspektive.

In Deutschland herrscht Hitze, was eine bemerkenswerte Harmonie erzeugt: Draußen tragen die Menschen Sonnenhüte, und immer mehr Frauen – längst nicht nur asiatische Touristinnen – gehen mit Sonnenschirmen spazieren. Die glühende Hauptstadt erinnert, wenn man die Augen leicht zusammenkneift, ein wenig an Havanna.

Auch klimatisch nähert sich unser Land dem globalen Süden an. Wirtschaftlich entwickeln wir uns ähnlich: Die Industrie schrumpft, Stromausfälle häufen sich, und vor Kurzem fiel die Bahn aus – und zwar im gesamten Land. Haben Sie das mitbekommen? Im ganzen Land!

Die gute Nachricht: Der Mensch ist anpassungsfähig. Der mentale Sonnenschutz gegen den Verfall heißt Gelassenheit. „T.I.A.“, „This is Africa“ – ein resignierter Ausdruck, den jeder kennt, der schon einmal südlich von Tunesien unterwegs war. T.I.A. bedeutet: Man akzeptiert, wenn etwas nicht funktioniert, Verspätungen auftreten oder alles chaotisch verläuft.

D.I.D. – Das ist Deutschland!

Als also die Eilmeldung auf den Smartphones eintraf, dass die Bahn im ganzen Land ausgefallen sei – ich wiederhole: im ganzen Land! – geschah … nichts. Früher hätte ein solches Ereignis für großen Aufruhr gesorgt, man wäre landesweit in Erinnerungen an die unverwüstliche Bahn der 80er Jahre versunken und hätte die deutsche Ingenieurskunst gefeiert. Doch diesmal: D.I.D. – Das ist Deutschland.

Das ist einerseits beruhigend, denn Aufregung tut bei über 40 Grad nicht gut. Bei Hitze sollte man gelassen irgendwo sitzen und auf ausreichende Flüssigkeitszufuhr achten. Andererseits ist diese neue Gleichgültigkeit beunruhigend: Wir wollen doch wachsen – wäre da nicht mehr Zorn und Energie zielführender? Was zumindest die armen Demokratien von den wohlhabenden unterscheidet, ist der Ehrgeiz.

Wer etwas erreichen will, muss Opfer bringen. Paris verbietet aktuell wegen der Hitze Alkohol. Die Begründung ist nachvollziehbar: Krankenhäuser sind durch die Hitzewelle überlastet, und es gibt keine Kapazitäten mehr für Betrunkene, die vom Tretroller fallen oder sich Streitereien liefern. Genau dieser Geist ist gefragt!

Der Kanzler ruft zu Opfern auf

Immerhin hat der Kanzler verstanden, worum es geht. Er fordert Opfer. In dieser Woche spürte er den Schwung, nicht zuletzt wegen der Rentenkommission, deren Vorschläge er „eins zu eins“ übernehmen will – so seine Aussage gefühlt 17 Sekunden nach der Vorstellung der 33 Maßnahmen.

Merz hat nun endlich getan, was Kommentatoren und Ihr Kolumnist seit Monaten von ihm verlangen: Er hat erklärt, warum wir uns zusammenreißen müssen, und dabei eine Vision formuliert – er benutzte sogar selbst das Wort „Vision“! Nach „Wohlstand für alle“ muss es jetzt heißen: „Wohlstand für die Jugend“.

Wie kraftvoll diese Gegenüberstellung wirkt, zeigte sich beim Tag der Industrie. Die „Zeit“ berichtete dazu: „Jetzt hängt ihm der Saal an den Lippen.“ Das ist ein neuer Klang. Statt dem Volk zu sagen, es solle gefälligst mehr arbeiten, erinnert Merz endlich an das Potenzial, das in der alten Bundesrepublik steckt.

Wohlstand – bewusst nicht „für alle“

„Was vor 70 Jahren möglich war – unter schwierigsten Bedingungen nach zwei verlorenen Weltkriegen und einem Land in Trümmern –, muss heute auf diesem stabilen Fundament erneut erreichbar sein.“

Das klingt vielversprechend und könnte Merz vor den unvermeidlichen Kommunikationsfehlern schützen: „Wer die Sehnsucht nach dem alten Leistungsdeutschland der 50er, 80er oder 2000er Jahre wecken kann, dem werden Fehler nicht so sehr vorgeworfen.“ Das schrieb ich bereits in einer Kolumne im April.

Die Formel „Wohlstand für die Jugend“ ist kein leeres Schlagwort – sie enthält eine unbequeme Wahrheit: Wir arbeiten heute für die nächste Generation, nicht für uns selbst. Wer Wohlstand „für die Jugend“ fordert, schließt damit bewusst „für alle“ aus.

Leere Versprechen wirken nicht mehr

Das unterscheidet kluge Forderungen von leeren Parolen. „Mehr für Dich“ etwa, eine einfache Formel der SPD, setzt keine Prioritäten. Auch die CDU hat früher solche Floskeln benutzt, wie das sinnfreie „Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben.“ Das sagt weniger aus als „20 Prozent auf alles“ – wobei bei letzterem bekanntlich Tiernahrung ausgenommen ist.

Leere Versprechen, die niemandem wehtun, überzeugen nicht mehr. Die Menschen wissen, dass Opfer notwendig sind, und sie verstehen, dass Führung auch Opfer einfordern muss. Argentiniens Präsident Javier Milei ist darin ein Beispiel: Er sagte seinem Volk, es werde erst unangenehm – und dann besser. Schmerz und Vision.

Nun also: Wohlstand für die Jungen. Ein starker Satz, und ich hoffe, es bleibt nicht der einzige dieser Art. Merz scheint seinen Bürgerinnen und Bürgern endlich etwas zuzumuten. Gleichzeitig gibt er die Verantwortung zurück an das Volk und die Volksvertretung.

Schmerz und Vision – sind die Fraktionen bereit?

Ein Prüfstein für die Entschlossenheit des Landes wird sein, ob die Vorschläge der Rentenkommission, einschließlich der unangenehmen Maßnahmen für die SPD, unbeschadet den Bundestag passieren.

Deutschland könnte jetzt beweisen, dass es nicht träge in der Hitze schlummert – und bei landesweiten Zugausfällen nicht resigniert seufzt: „Das ist Deutschland!“