Kiews Drohneneinsätze zeigen Wirkung: Russland gerät auf der Krim in Bedrängnis
Die Menschen auf der von Russland besetzten Krim spüren die Folgen des Krieges hautnah: Die zunehmend effektiven Drohnenangriffe der Ukraine führen zu einer ernsten Versorgungskrise, die sowohl die russischen Streitkräfte als auch die Zivilbevölkerung stark belastet. Der Kreml scheint keine Lösung in Sicht zu haben.
Die Bewohner der 2014 annektierten Halbinsel erleben derzeit eine besonders schwierige Lage. Viele verbringen ihre Tage in langen Warteschlangen, sei es für Treibstoff oder Lebensmittel. Die Versorgungssituation hat sich durch die ukrainischen Luftangriffe drastisch verschlechtert. Am Donnerstag kündigte Robert „Madjar“ Browdi, Kommandeur der unbemannten Streitkräfte der Ukraine, sogar eine baldige Isolation der Krim an. „Wir werden Bedingungen schaffen, die es Militärangehörigen und Mitarbeitern der Rüstungsindustrie extrem erschweren, sich auf der Krim und in den vorübergehend besetzten Gebieten aufzuhalten, und ihnen die Nutzung der Zugangswege unmöglich machen“, erklärte der oberste Drohnenkommandant der Ukraine.
Seit Beginn der umfassenden Invasion im Februar 2022 dient die Krim Russland als wichtiger logistischer Stützpunkt für die Truppen im Süden der Ukraine. Doch seit die ukrainische Armee Landwege von der russischen Region Rostow über den besetzten Süden der Ukraine bis zur Krim mit Mittelstreckendrohnen angreift, ist kein Lastwagen mehr sicher – trotz der beträchtlichen Entfernung zur Front. Dadurch entstehen erhebliche Probleme für die russischen Einheiten auf der Krim, im teilweise besetzten Cherson nordwestlich der Halbinsel sowie in Teilen von Saporischschja.
Wie ernst die Drohungen von Browdi zu nehmen sind, wurde diese Woche deutlich: In der Nacht auf Donnerstag griff die Ukraine gleich drei entscheidende Brücken an, die die Halbinsel mit den besetzten Festlandgebieten verbinden. Beim Drohnenangriff auf die Armiansk-Brücke zwischen Krim und Cherson wurden nach ukrainischen Angaben 50 russische Militärfahrzeuge zerstört. Die Brücke gilt nun als dauerhaft blockiert, teilten die Verteidigungskräfte mit.
Ein sichtbares Zeichen des Erfolgs der ukrainischen Luftangriffe ist die sich verschärfende Treibstoffknappheit auf der Krim. Nach der Annexion 2014 war die Halbinsel zunächst vollständig vom russischen Festland abgeschnitten und auf wetterabhängige Fähren angewiesen, bis Moskau einige Jahre später die 17 Kilometer lange Krim-Brücke über die Kertsch-Straße fertigstellte. Diese war insbesondere während der Tourismussaison häufig überlastet. Nach der russischen Großoffensive 2022 wurde die Brücke mehrfach Ziel ukrainischer Angriffe. Umso wichtiger wurde für Russland die Einrichtung einer „Landbrücke“ über Mariupol, Berdjiansk und Melitopol. Die dortigen Straßen entwickelten sich zur zentralen Versorgungsroute für die Krim und die dort stationierten Truppen.
Erinnerungen an sowjetische Zeiten
Seit Ende Mai haben die russischen Besatzungsbehörden den Verkauf von Benzin auf der Halbinsel eingeschränkt. Zu Beginn der Krise herrschte Chaos: Wer schnell genug und mit genügend Geld an einer geöffneten Tankstelle war, versuchte, so viel Kraftstoff wie möglich zu kaufen. An manchen Tankstellen war nach nur einer Stunde kein Tropfen mehr verfügbar. Schließlich führte die Besatzerregierung ein Coupon-System ein, das vielen Einwohnern noch aus sowjetischer Zeit bekannt ist: Nur wer einen Coupon vorlegen konnte, durfte maximal 20 Liter tanken. Das Befüllen von Kanistern wurde untersagt. Die Coupons wurden vor allem an verschiedene Behörden verteilt.
Die örtlichen Besatzungsbehörden versuchten, die Bevölkerung mit Online-Karten über die Verfügbarkeit von Treibstoff an Tankstellen zu informieren. Dies funktionierte jedoch nur unzureichend. Am 4. Juni gab die Lokalregierung in Simferopol bekannt, dass ein freier Verkauf von Coupons in absehbarer Zeit nicht möglich sei.
Die Hafenstadt Sewastopol, Hauptstützpunkt der russischen Schwarzmeerflotte und formal eine eigenständige Region neben der Republik Krim, verfolgt seit dem 6. Juni einen anderen Weg: Über den staatlichen Messenger Max kann theoretisch ein QR-Code generiert werden, der Auskunft über die Benzinverfügbarkeit an Tankstellen gibt und den Kauf ermöglicht. Die Unterversorgung ist jedoch so gravierend, dass die tägliche Benzinquote innerhalb von Sekunden vergriffen ist. Dies bestätigte auch die lokale Besatzungsverwaltung. Die wenigen Glücklichen, die trotz der Schwierigkeiten Benzin erhalten, zahlen etwa 25 Prozent mehr als der russische Durchschnittspreis pro Liter.
„Ich habe eine neue Form von Glück entdeckt: einen vollen Tank“, scherzt ein Einwohner von Bachtschissaraj gegenüber der russischsprachigen BBC-Redaktion. Solche Kommentare finden sich zahlreich in den sozialen Medien auf der Krim, während politische Diskussionen oft vermieden werden. Die Kommunikation erfolgt häufig über den staatlichen Messenger Max, der aufgrund zahlreicher Sperren fast alternativlos ist und von russischen Geheimdiensten überwacht wird. In lokalen Chatgruppen, in denen sich Bewohner gegenseitig bei der Suche nach Tankstellen und mit Verkehrstipps unterstützen, tauchen dennoch zahlreiche Sprit-Memes auf. „Es wäre lustig, wenn es nicht so traurig wäre“ zählt zu den häufigsten Reaktionen in den Kommentaren.
Sinkende Lebensmittelversorgung und Tourismuszahlen
Die seit zwei Wochen anhaltende Treibstoffkrise betrifft nicht nur Autofahrer. Die Einwohner der Krim beginnen, haltbare Lebensmittel zu hamstern. Es gibt zahlreiche Berichte über Engpässe bei Zucker, Nudeln und Salz sowie Einschränkungen bei der Abgabe bestimmter Produkte pro Kunde. Auch die lokale Wirtschaft leidet unter den Luftangriffen: Die ohnehin vom Krieg belastete Tourismusbranche verzeichnet weitere Rückgänge. Laut der russischen Wirtschaftszeitung „Kommersant“ wurden zwischen dem 24. Mai und 6. Juni rund 80 Prozent der Buchungen auf der Schwarzmeerhalbinsel storniert.
Der Besucherstrom ist seit 2022 ohnehin rückläufig. Nun fällt auch die Urlaubergruppe der Beschäftigten russischer Staatsunternehmen weg, die ihren Aufenthalt auf der Krim meist dienstlich verordnet bekamen. Da der Luftraum über der Halbinsel gesperrt ist, erreichen die meisten Urlauber die Krim derzeit mit dem Auto. Zwar bestehen Zugverbindungen über die Krim-Brücke, doch diese werden aufgrund häufiger Luftalarme oft unterbrochen. Zudem stellt die Eisenbahnbrücke ein potenzielles Ziel ukrainischer Angriffe dar. Wer aktuell mit dem Auto anreist, muss zudem befürchten, dass das Tanken auf der Krim kaum möglich ist. Auch der öffentliche Nahverkehr ist von größeren Ausfällen betroffen.
Das größte Problem für Russland bleibt, dass es bislang keine tragfähigen Lösungen für die Versorgungskrise auf der Krim gibt. Ursprünglich hatten die Besatzungsbehörden versprochen, die Versorgung innerhalb eines Monats zu stabilisieren. Moskau wird den Transport von Treibstoff verstärkt über die Krim-Brücke und wetterabhängige Fähren organisieren müssen, um nicht alle Lieferungen auf den Landweg zu konzentrieren. Allerdings dürften auch die Fähren zunehmend ins Visier ukrainischer Drohnen geraten – sei es aus der Luft oder mit Seedrohnen. Die militärische Bewachung der Transporte ist für Russland kaum möglich, da die Streitkräfte an der Front gebunden sind. Zusätzlich erschwert die Situation, dass russische Versicherer aus nachvollziehbaren Gründen immer weniger Transporte absichern wollen, was die Versorgung weiter beeinträchtigt und die Preise steigen lässt.