Pochettino bewies Recht: Dominante USMNT fegt Paraguay im WM-Debüt vom Platz
Fast zwei Jahre lang gab Mauricio Pochettino dieselbe Botschaft aus: Die USMNT gewinnt vielleicht nicht die Weltmeisterschaft, doch ihr Spielstil macht den Weg zu diesem Traum unvergesslich schön. Am Freitagabend fegte seine blitzschnelle Mannschaft eine paraguayische Elf vom Platz, die in Trikots und Kampfgeist kaum wiederzuerkennen war.
Unter Flutlicht präsentierte sich Team USA wie aus Hollywood, angetrieben von einem elektrisierenden Auftritt eines entfesselten Folarin Balogun und einem neu belebten Christian Pulisic in der ersten Halbzeit. „Das Wichtigste ist die Weltmeisterschaft“, wiederholte Pochettino immer wieder. Er sagte es, weil er einen Plan hatte.
Die Vereinigten Staaten legten los wie ein Sturm. Folarin Balogun bedrohte früh die Abwehr, als Christian Pulisic mutig gegen Gustavo Gómez und Cáceres antrat – und gewann. Der Flügelspieler von AC Mailand war in seinem Element, dribbelte energisch voran, bevor Weston McKennie die temporeiche Aktion am Leben hielt. In seiner Panik lenkte Paraguays Raúl Bobadilla den Ball ins eigene Netz – ein eiskalt vollendetes Eigentor, das selbst Balogun neidisch machen würde – eine tragikomische Szene, die Mark Twain würdig gewesen wäre.
Ab diesem Moment bestrafte die USMNT die Trägheit Paraguays gnadenlos immer wieder. Bei jedem Angriff brandete Jubel auf, das unverkennbare Geräusch einer sich entwickelnden Fußballkultur. Pochettinos Team war hungrig und spielte mit der unterdrückten Wut der vergangenen zwei Jahre.
Der Angriffsdruck ließ nicht nach. Der Ball lief harmonisch durch das Pulisic-McKennie-Tillman-System, während Sergiño Dest eine perfekte, schnelle taktische Umstellung auf dem Flügel vollzog. Eine Meisterklasse im Passspiel mit dem ersten Kontakt: Balogun legte ab, um mit McKennie zu kombinieren, Dest tauschte Pässe mit Freeman und stürmte die rechte Seite hinunter. Total Football, könnte man sagen.
Paraguays Trainer Gustavo Alfaro konnte während der Trinkpause nichts gegen den Abwärtstrend ausrichten. La Albirroja wirkte weiterhin zerbrechlich wie Porzellan. Pochettino hingegen forderte unermüdlich mehr Einsatz. Folarin Balogun hatte Torwart Carlos Miguel Coronel bereits einmal überwunden und blickte zweimal mit einem Hauch von Zweifel zum Schiedsrichter, bevor die Szene abgepfiffen wurde. Doch das war unerheblich.
Kurze Zeit später stürmte Pulisic an Cáceres vorbei und flankte präzise. Dieses Mal zeigte Balogun die gleiche Genauigkeit wie zuvor Bobadilla, ließ Gustavo Gómez und Omar Alderete wie erstarrt zurück – ebenso wie den ganzen Nachmittag über. Wenig später traf ein Kopfball von Chris Richards die rechte Torstange, bevor Sergiño Dest – der mit etwas Fantasie an Cafu erinnert (von den Proportionen abgesehen), ein in den Niederlanden erfahrener Außenverteidiger mit rein amerikanischem Blut – Junior Alonso ausspielte und knapp am Tor vorbeischoss. Der Abpraller von Weston McKennie wurde von Alderete abgefälscht, erreichte aber sicher den geschlagenen paraguayischen Torwart.
Das Fußball-Spektakel endete mit einem letzten, perfekten Spielzug. Wie ein erstklassiger Quarterback spielte Malik Tillman einen geschmeidigen, punktgenauen Pass – ein typischer Tom-Brady-artiger Assist. Balogun ließ den Ball an sich vorbeigleiten, um Alderete auszutricksen, stürmte an Gómez vorbei und verwandelte eiskalt im Tor. Nur zwei Tage nach Turnierbeginn war das Tor des Turniers gefallen. Applaus ertönte.
Das Rätsel um Pulisic
Gustavo Alfaros Umstellung zur Halbzeit reichte zumindest, um den Schaden zu begrenzen. Paraguay schloss endlich die Räume, in denen Weston McKennie und Malik Tillman – die heute wie drei Spieler agierten – ungestört agieren konnten. Von da an zwang La Albirroja Matt Turner zu Paraden und brachte den amerikanischen Torwart zum Schwitzen.
Doch die USMNT-Maschinerie lief weiter, auch ohne den strahlenden Christian Pulisic, der nach der Pause mysteriöserweise nicht mehr aufs Feld zurückkehrte. In seiner Abwesenheit setzten Sergiño Dest, Folarin Balogun und Tillman ihren Sturm fort, durchbrachen weiterhin die Lücken, die Andrés Cubas und Mauricio Magalhães nicht schließen konnten. Das Team verlor etwas von der Eleganz der ersten Halbzeit, doch das taktische Gefüge blieb intakt. Es fehlte nur noch der finale Pass – der letzte Nagel im Sarg.
Paraguay besitzt jedoch weiterhin diesen legendären südamerikanischen Kampfgeist. Aus dem Nichts schlug Torwart Carlos Miguel Coronel einen hohen Ball, den Alex Arce himmelwärts annahm. Julio Enciso eröffnete das Spielfeld mit der feinen Technik und Übersicht eines echten Spielmachers, spielte einen Pass zu Mauricio Magalhães, der einen Steilpass spielte, der die kalte US-Abwehr völlig überraschte. ¡Avy’a! Die Guaranís sind wahre Krieger.
Die USMNT ließ sich durch den späten Schrecken nicht aus der Ruhe bringen und schaltete sofort wieder in den Angriffsmodus. Malik Tillman – oder einer seiner unermüdlichen Klone – kombinierte mit McKennie, um Timothy Weah auf der rechten Seite völlig frei zu finden, dessen Direktabnahme nach einer Fingerspitzenparade von Coronel knapp am Tor vorbeiging. Minuten später schoss Ricardo Pepi nach einem Pass von Gregg Berhalter weit über das Tor, bevor Gustavo Gómez, das ewige Herzstück Paraguays, eine elegante Kombination zwischen Gio Reyna und Antonee Robinson unterband.
Das war nur das Vorspiel für das große Finale, das Sahnehäubchen: Gio Reyna setzte einen wunderschönen, gebogenen Schuss in den hinteren Eckwinkel – eine spektakuläre Trivela, auf die selbst Luka Modrić stolz gewesen wäre. Ein Spiel mit erstklassigem Kino-Flair, untermalt von einem temporeichen Jazz-Soundtrack. Genau das meinte Pochettino: Total Football.