Das wissen wir über FIFA-Präsident Gianni Infantinos Plan, Anteile an der WM an private Investoren zu verkaufen
Der FIFA wird nachgesagt, sie erwäge, privaten Investoren den Erwerb von Anteilen an einem neuen Unternehmen zu ermöglichen, das einige der wertvollsten kommerziellen Vermögenswerte des Weltfußballs bündelt.
Abgesehen davon bleiben jedoch viele der entscheidenden Details unklar.
Laut einem Bericht der Financial Times (Abonnement erforderlich) arbeitet die FIFA mit der Bank JPMorgan an Plänen zur Gründung eines Handelsunternehmens mit einem geschätzten Wert von rund 20 Milliarden US-Dollar. Externe Investoren sollen demnach eingeladen werden, eine bedeutende Minderheitsbeteiligung von etwa 20 % zu erwerben, wodurch Milliarden für den globalen Fußballverband generiert werden könnten.
Wer führt die Investition bei FIFA’s Vermögensveräußerung an?
Der Investmentfonds Thrive Eternal von Joshua Kushner befindet sich laut FT-Bericht in Verhandlungen, um die Investition anzuführen. Kushner ist der jüngere Bruder von Jared Kushner, dem Ehemann von Ivanka Trump, der Tochter von Präsident Donald Trump. FIFA-Präsident Gianni Infantino hat in den letzten Jahren eine besonders enge Beziehung zu Trump aufgebaut.
Verkauft die FIFA also die Weltmeisterschaft?
Nicht ganz, zumindest nicht im einfachen Sinne, wie es manche Schlagzeilen über den Vorschlag suggerieren.
Private Investoren würden nicht direkt 20 % des WM-Turniers besitzen. Stattdessen sollen sie angeblich eine Minderheitsbeteiligung an einer neuen Unternehmenseinheit erwerben, die einige der kommerziellen und operativen Aktivitäten der FIFA bündelt.
Diese Unterscheidung ist wichtig, beantwortet jedoch nicht die wesentlichen Fragen.
Was würden Investoren an FIFA’s Handelsunternehmen tatsächlich besitzen?
Das erste große Unbekannte betrifft genau jene FIFA-Vermögenswerte, die in das neue Unternehmen eingebracht werden sollen.
Würden die kommerziellen Rechte nur der Männer-WM darin gebündelt? Oder auch die Frauen-WM, die Klub-WM, die Streaming-Angebote, Sponsoringverträge, Lizenzen, Hospitality und Ticketing?
Berichte beschreiben das geplante Unternehmen als Träger der kommerziellen und veranstaltungsbezogenen Aktivitäten der FIFA, doch eine detaillierte Auflistung der Vermögenswerte wurde nicht veröffentlicht.
Das erschwert das Verständnis dessen, was eine 20 %-Beteiligung tatsächlich bedeutet.
Besäßen Investoren etwa gewöhnliche Unternehmensanteile, die ihnen einen Anteil am Gewinn und Mitspracherechte bei bestimmten Entscheidungen einräumen? Würde die FIFA besondere Stimmrechte behalten? Bekämen Investoren Sitze im Vorstand?
Oder würde es sich eher um eine Finanzierungsform handeln, bei der Investoren feste oder variable Zahlungen aus den künftigen Einnahmen der FIFA erhalten?
Wie würden Investoren von FIFA profitieren?
Der FT-Bericht spricht von einer Minderheitsbeteiligung an Eigenkapital, nicht von einer Anleiheemission. Das deutet darauf hin, dass Investoren eine Eigentümerposition am neuen Unternehmen erwerben, statt lediglich Geld zu verleihen. Die vorgeschlagenen Aktionärsrechte, Dividendenregelungen, Ausstiegskonditionen und Governance-Strukturen wurden jedoch nicht offengelegt.
Wie würden Investoren also ihr Geld verdienen?
Private Investmentfonds investieren in der Regel nicht Milliarden ohne die Erwartung einer erheblichen Rendite.
Diese Rendite könnte aus jährlichen Dividenden stammen, die aus den Einnahmen der WM durch Übertragungsrechte, Sponsoring, Ticketverkauf und Lizenzen gezahlt werden. Ebenso denkbar ist eine Wertsteigerung des Unternehmens, durch die Investoren ihre Anteile später mit Gewinn verkaufen könnten.
Unklar ist bislang, ob die FIFA regelmäßige Ausschüttungen zusagen würde, ob die Investoren ihre Anteile an Dritte veräußern könnten oder ob die FIFA verpflichtet wäre, diese zurückzukaufen.
Diese Details sind entscheidend. Investoren, die am künftigen Gewinn beteiligt sind, hätten ein starkes finanzielles Interesse daran, Einnahmen zu steigern und Kosten zu senken.
Das könnte mehr Sponsoren, teurere Tickets, zusätzliche Werbeunterbrechungen, größere oder häufigere Turniere bedeuten. Gleichzeitig könnte der Druck steigen, Veranstaltungen und kommerzielle Verträge nach Rentabilität statt nach sportlichen oder gemeinnützigen Gesichtspunkten zu vergeben.
Hätten Investoren Einfluss auf die WM?
Die FIFA plant angeblich, die Mehrheitsanteile zu behalten. Spätere Berichte beschreiben die geplanten externen Beteiligungen als Minderheits- und nicht kontrollierend. Formal würde die FIFA also weiterhin die Fußball-Governance bestimmen.
Doch „nicht kontrollierend“ bedeutet nicht zwangsläufig „ohne Einfluss“.
Minderheitsinvestoren können Vorstandsvertretung, Stimmrechte, Schutzrechte gegen bestimmte Entscheidungen und Zugang zu Unternehmensinformationen erhalten. Große Investoren können zudem informellen Einfluss ausüben, vor allem wenn das Unternehmen später weiteres Kapital benötigt.
Bislang wurde nicht genau erläutert, ob Investoren Mitspracherechte bei der kommerziellen Strategie, Sponsoring, Übertragungsrechten, Turnierplanung oder der Wahl von Austragungsorten und -frequenz der FIFA-Wettbewerbe hätten.
Die FIFA könnte darauf bestehen, dass Entscheidungen wie die Vergabe der WM-Ausrichtung und die Festlegung des Formats vollständig getrennt vom kommerziellen Unternehmen bleiben. Solange die rechtlichen und Governance-Dokumente nicht veröffentlicht sind, lässt sich diese Trennlinie jedoch nicht überprüfen.
Warum benötigt die FIFA das Geld?
Die FIFA ist bereits außerordentlich vermögend. Für den aktuellen Vierjahreszyklus erwartet sie Einnahmen von mindestens 13 Milliarden US-Dollar, begünstigt durch den kommerziellen Erfolg der WM 2026 in den USA, Kanada und Mexiko. Für den folgenden Zyklus, der mit der WM 2030 in Spanien, Portugal und Marokko endet, werden Einnahmen von mindestens 14 Milliarden prognostiziert.
Die FIFA verfügt zudem über andere Finanzierungsmöglichkeiten als den Verkauf von Anteilen an ihren kommerziellen Aktivitäten. Sie könnte gegen künftige Einnahmen Kredite aufnehmen, Anleihen ausgeben, neue Übertragungs- und Sponsoringverträge aushandeln, bestimmte Rechte separat verkaufen oder Mitgliedsverbände schrittweise aus zukünftigen Einnahmen bedienen.
Der Verkauf von Eigenkapital unterscheidet sich, da Investoren dabei üblicherweise einen dauerhaften Anspruch auf künftige Gewinne erhalten.
Das Argument der FIFA scheint zu sein, dass eine sofortige Einnahme von Milliarden es ihr erlaubt, kurzfristig stärker in den Fußball weltweit zu investieren. Eine mit den Plänen vertraute Person sagte der FT, die Erlöse würden helfen, mehr Geld an die 211 Nationalverbände zu verteilen, die derzeit jährlich etwa 2 Millionen US-Dollar erhalten – unabhängig von ihrer Größe.
Neuere Berichte deuten darauf hin, dass der Plan eine Einmalzahlung von bis zu 20 Millionen US-Dollar an jeden Mitgliedsverband sowie anschließend erhöhte jährliche Ausschüttungen umfassen könnte. Das endgültige Arrangement müsste jedoch noch innerhalb der FIFA genehmigt werden.
Das würde vielen kleineren Verbänden einen starken Anreiz bieten, den Vorschlag zu unterstützen.
Allerdings bedeutet eine sofortige Zahlung auch den Verzicht auf zumindest einen Teil der künftigen Einnahmen dieser Vermögenswerte. Die zentrale finanzielle Frage lautet, ob die FIFA einen fairen Preis erhält oder einen Teil ihres wertvollsten Geschäfts zu günstig verkauft.
Wer hat den Wert von 20 Milliarden US-Dollar für FIFA’s neues Unternehmen bestimmt?
Die angegebene Bewertung erfordert ebenfalls eine genauere Betrachtung.
Eine Bewertung von 20 Milliarden US-Dollar bedeutet nicht, dass so viel Geld auf einem Bankkonto liegt. Es handelt sich um eine Schätzung des möglichen Unternehmenswerts basierend auf erwarteten zukünftigen Einnahmen und Gewinnen.
Unklar ist, wer die Bewertung erstellt hat, welche Annahmen zugrunde lagen oder ob konkurrierende Investoren Gebote abgeben dürfen.
Wenn eine Investorengruppe die Transaktion ohne Wettbewerb anführt, müsste die FIFA erklären, wie sie zu der Einschätzung eines fairen Preises gelangte. Das ist besonders wichtig für eine gemeinnützige Organisation, die Vermögenswerte verwaltet, die nicht ihr persönliches Eigentum sind.
Auch die Rolle von JPMorgan wirft Fragen auf. Berät die Bank die FIFA, organisiert sie die Finanzierung, sucht sie Investoren oder übernimmt sie mehrere dieser Aufgaben? Wie wird sie bezahlt, und hängt ihre Vergütung vom Zustandekommen der Transaktion ab?
Könnte die WM erweitert werden, um Investoren höhere Gewinne zu ermöglichen?
Der Investitionsvorschlag kommt zu einer Zeit, in der Infantino weiterhin nach Möglichkeiten sucht, die Einnahmen der FIFA zu steigern.
Er hat bereits die Klub-WM wiederbelebt und ausgeweitet, was Spannungen mit nationalen Ligen und regionalen Verbänden verursacht hat. Die FIFA prüft, ob dieses Turnier weiter ausgebaut oder häufiger ausgetragen werden sollte.
Infantino hat zudem angekündigt, die Möglichkeit zu diskutieren, die Männer-WM von 48 auf 64 Teams zu erweitern.
Es gibt keine Hinweise darauf, dass potenzielle Investoren eine dieser Änderungen gefordert hätten.
Der Verkauf eines Teils von FIFA’s kommerziellem Geschäft würde jedoch eine neue Interessengruppe mit direktem finanziellen Interesse an mehr Spielen, mehr Turnieren und höheren Einnahmen einführen.
Wie reagierte die UEFA?
Der europäische Fußballverband UEFA hat auf den Vorschlag scharf reagiert.
Die UEFA bezeichnete den Plan als Grenzüberschreitung, die Fußballverbände niemals überschreiten sollten.
„UEFA nimmt diese Angelegenheit äußerst ernst“, heißt es in einer Stellungnahme. „Das sollten auch alle nationalen Fußballverbände und alle Beteiligten im Spiel: Ligen, Vereine, Spieler, Fans, Regierungen und jeder, dem die Zukunft dieses Sports am Herzen liegt.“
„Die Seele und die Führung des Fußballs sind keine Handelsgüter, insbesondere wenn keinerlei Transparenz darüber besteht, wer finanziell profitiert.“
„Fußball gehört niemandem. Er ist nicht Eigentum der FIFA, das verkauft werden kann.“
Die Einwände der UEFA basieren offenbar teilweise auf der Befürchtung, dass die FIFA nicht nur Geld gegen kommerzielle Einnahmen aufnimmt, sondern eine Struktur schafft, in der private Finanzinteressen dauerhaft an der Führung und Erweiterung der großen Fußballwettbewerbe beteiligt sind.
Die FIFA betont, die Kontrolle zu behalten. Die Antwort der UEFA lautet im Wesentlichen, dass bislang niemand genug über die Struktur weiß, um sicher zu sein, dass diese beiden Bereiche getrennt bleiben können.
Könnte Infantino später das neue Unternehmen leiten?
Es wird auch spekuliert, dass Infantino nach seiner Amtszeit als FIFA-Präsident eine führende Rolle im neuen Handelsunternehmen übernehmen könnte.
Die Associated Press berichtete, die FIFA habe Gespräche über Infantinos mögliche Ernennung zum künftigen CEO oder Kommissar des Unternehmens dementiert.
Trotzdem verdeutlicht diese Möglichkeit eine weitere offene Governance-Frage.
Die FIFA müsste strenge Regeln aufstellen, die verhindern, dass aktuelle Funktionäre sich eine lukrative Position im Privatsektor schaffen, die sie später selbst übernehmen. Ebenso müsste sie erklären, wie Führungskräfte berufen, bezahlt und abberufen werden.
Wie geht es mit FIFA’s Plan weiter?
Der Vorschlag der FIFA ist noch nicht abgeschlossen. Die Pläne werden seit mehreren Monaten entwickelt, die Transaktion benötigt jedoch noch die endgültige Zustimmung. Berichte deuten darauf hin, dass der FIFA-Rat und die Mitgliedsverbände an der Genehmigung der neuen Struktur beteiligt sein werden.
Vor einer Abstimmung wird von der FIFA erwartet, deutlich mehr Informationen als bisher zu veröffentlichen.
Dazu sollten eine vollständige Auflistung der Vermögenswerte, die Aktionärsstruktur, Investorenrechte, Governance-Regeln, Bewertungsverfahren, Dividendenpolitik, Interessenkonfliktschutz und Bedingungen für einen späteren Verkauf von Anteilen gehören.
Außerdem sollte erklärt werden, warum der Verkauf von Eigenkapital vorteilhafter sein soll als das Aufnehmen von Krediten oder die Nutzung künftiger Einnahmen der FIFA.
Solange diese Fragen offen bleiben, ist die Aussage, die FIFA plane den „Verkauf der Weltmeisterschaft“, eine Vereinfachung.
Ebenso ist die wahrscheinlich von der FIFA vorgebrachte Gegenbehauptung, sie nehme lediglich eine passive Minderheitsbeteiligung an, zu kurz gegriffen.
Die eigentliche Frage ist nicht allein, welchen Anteil Investoren besitzen. Entscheidend sind die damit verbundenen Rechte, die finanziellen Renditen und wie ihre Präsenz die Entscheidungen der FIFA in Bezug auf das weltweit größte Sportereignis verändern könnte.