Wer gibt zuerst nach?: „Der Iran verengt die Lebensader Schritt für Schritt“
Der Waffenstillstand zwischen den USA, Israel und dem Iran besteht weiterhin, doch eine echte Lösung rückt nicht in Sichtweite. Aktuell läuft die Zeit für die Iraner ab. Welche Möglichkeiten bleiben Donald Trump noch?
Seit über einem Monat herrscht zwischen dem Iran und der Koalition aus Israel und den USA eine fragile Waffenruhe. Diese Fragilität zeigt sich unter anderem darin, dass sowohl Kuwait als auch die Vereinigten Arabischen Emirate heute von abgewehrten Luftangriffen berichteten, die vermutlich vom Iran ausgingen. Die englische Redewendung „It takes two to tango“ beschreibt treffend, dass ein Krieg nicht einfach endet, nur weil der US-Präsident es so wünscht.
Im Weißen Haus werden laut amerikanischen Quellen verschiedene Szenarien durchgespielt, darunter eine einseitige Siegeserklärung der USA oder eine verstärkte Blockade des iranischen Öltransports durch die Straße von Hormus. Unter den zahlreichen, teils willkürlichen Entscheidungen in diesem Konflikt zählt die militärische Blockade der Straße von Hormus zu den wenigen strategisch durchdachten Maßnahmen Trumps, die potenziell Wirkung zeigen könnten.
Es besteht kein Zweifel daran, dass Teheran massiv unter Druck steht: Zum einen wirtschaftlich durch anhaltende Sanktionen, hohe Arbeitslosigkeit, den starken Wertverlust der Landeswährung und die Blockade der wichtigen Seehandelsroute, die der Iran teilweise durch den Schienenverkehr nach China zu umgehen versucht.
Zum anderen hat der Iran auch militärisch erhebliche Einbußen erlitten. Westliche Experten schätzen die Schäden an Infrastruktur und militärischem Material auf mehrere hundert Milliarden Dollar. Dies ist ein schmerzhafter Verlust. Zudem wurden führende Persönlichkeiten in einem gezielten Enthauptungsschlag zu Kriegsbeginn sowie in weiteren Angriffen auf höheren Führungsebenen eliminiert.
Der Nahost-Experte des österreichischen Bundesheeres sieht darin eine langfristig geplante Strategie des Iran, die bislang keine großflächigen militärischen Maßnahmen zur Blockade der Straße von Hormus erforderte. „Vereinzelt wurden Tanker festgesetzt und mit der Moskito-Flotte Aktionen durchgeführt, aber eine umfassende Sperrung fand bisher nicht statt“, erklärt Wasinger. „Es genügt bereits, dass der Iran diese wichtige Route schrittweise einschränkt, um eine Eskalation zu provozieren.“
Darüber hinaus hat der Iran durch gezielte Angriffe andere Golfstaaten in den Konflikt hineingezogen. Besonders schwerwiegende Luftangriffe auf eines der bedeutendsten LNG-Zentren in Katar sowie auf Raffinerien in Kuwait verursachten enorme und teilweise langfristige Schäden.
Mit seiner Taktik ist es dem Iran gelungen, trotz der technologisch überlegenen Gegner punktuelle Schmerzpunkte zu setzen und den Konflikt regional auszuweiten, so Wasinger. Der Oberst sieht keine verlässlichen Anzeichen dafür, dass das iranische Regime in den kommenden Wochen oder Monaten zusammenbrechen wird.
Auch die jüngsten sogenannten Friedensangebote, die der Iran über Pakistan an die USA übermittelte, lassen nicht auf eine Regierung schließen, die unter Druck bereit ist, ernsthafte Zugeständnisse zu machen. Trump wies das Angebot mit dem Kommentar „völlig inakzeptabel“ zurück. Nachdem er zuvor mehrfach den baldigen Sieg und das Kriegsende angekündigt hatte, verlängert der Präsident mittlerweile seine Zeitfenster deutlich: In einem Fernsehinterview äußerte er sich zuversichtlich, das angereicherte Uran des Irans „irgendwann“ zu erhalten, „zusammen mit allem, was wir verlangen“. Welche Möglichkeiten bleiben ihm noch?
Option 1: Fortsetzung der bisherigen Strategie?
Es hat sich gezeigt, dass auch für Donald Trump die Regel gilt: Ein feindliches Regime ist nicht allein aus der Luft zu besiegen. Bodentruppen sind unverzichtbar. Dennoch könnten die USA die Luftangriffe fortsetzen, um den Iran weiter zu schwächen.
Die „New York Times“ resümierte bereits im April, kurz nach Beginn der Waffenruhe, dass die USA seit Kriegsbeginn rund 1100 ihrer für einen Konflikt mit China entwickelten, gut getarnten Langstrecken-Marschflugkörper eingesetzt hätten. Hinzu kommen über 1200 Patriot-Abfangraketen (mit einem Stückpreis von vier Millionen Dollar), mehr als 1000 bodengestützte Präzisions- und ATACMS-Raketen sowie etwa 1000 Tomahawks.
Als Trump kürzlich Deutschland mit großem Tamtam die zugesagten Tomahawk-Marschflugkörper verweigerte, lag ein Grund darin, dass die USA schlichtweg keine mehr zur Verfügung haben, um sie anderswo zu stationieren. Eine Fortführung des Krieges mit den bisherigen Mitteln, zu hohen Kosten und ohne gesicherten Sieg erscheint für die US-Regierung wenig empfehlenswert.
Option 2: Eskalation durch eine Bodenoffensive?
Geografisch und topografisch wäre der Iran von Land aus gut geschützt. „Am Seestrand müsste man amphibisch landen, ähnlich wie die Alliierten im Zweiten Weltkrieg in der Normandie. Das wäre äußerst verlustreich, ressourcenintensiv und wurde lange nicht mehr durchgeführt“, erläutert Wasinger. Hinzu kommen Berichte über dramatisch leere Munitionslager in den USA. Die Golfstaaten, die versuchen, sich möglichst aus dem Konflikt herauszuhalten, würden kaum bereit sein, US-Truppen Aufmarschräume anzubieten. „Ich sehe keine Möglichkeit, im Irak oder anderswo in der Region Truppen zusammenzuziehen, um dann in den Iran einzumarschieren.“
Option 3: Eskalation in Form einer teilweisen Öffnung der Straße von Hormus?
Die USA könnten militärisch vorübergehend die Fähigkeiten des Iran in der Region so stark einschränken oder ausschalten, dass eine Passage durch die Meerenge wieder möglich wäre. Allerdings macht das nur Sinn, wenn die Wasserstraße dauerhaft offen bleibt – was eine weit größere Herausforderung darstellt.
„Der Iran setzt nicht nur auf seine Moskito-Flotte, sondern verfügt auch über an Land versteckte Anti-Schiffs-Raketen, die für Angriffe bereitstehen“, erklärt Wasinger. Ein dauerhaftes Offenhalten der Straße erfordert daher nicht nur Schiffe, sondern auch Landstreitkräfte entlang der Küste. Der Experte schätzt, dass dafür das Vierfache der derzeitigen US-Truppenstärke notwendig wäre, wobei aktuell bereits rund zwei voll einsatzfähige Flugzeugträger, ein großer Teil der US Marines und Luftstreitkräfte vor Ort sind.
Auch gegen elektronische Kriegsführung müssten die USA vorgehen. Gelingt es dem Iran, Funksignale zu stören, wären die Schiffe in der Meerenge blind. „Die Wasserstraße ist mit einer Gesamtbreite von 30 Kilometern und einer drei Kilometer breiten Fahrrinne in beide Richtungen sowie einer mittleren Zone zur Kollisionsvermeidung sehr eng. Die Durchfahrt wäre äußerst riskant und für Reedereien irgendwann unwirtschaftlich“, so Wasinger.
Option 4: Den Waffenstillstand in ein dauerhaftes Kriegsende überführen?
Trump verfolgte in diesem Krieg zahlreiche Ziele, eines davon war, zu verhindern, dass der Iran sich von einer regionalen Macht zu einem globalen Akteur mit nuklearen Fähigkeiten entwickelt. Paradoxerweise hat der Krieg den Iran trotz militärischer Verluste aufgewertet. Mit der Kontrolle über die Straße von Hormus hat Teheran einen Hebel geschaffen, der weit von einer nuklearen Bedrohung entfernt ist, aber den internationalen Handel und den Weltmarkt erheblich beeinflusst. So wurde der Iran erst zum internationalen Akteur.
Für das iranische Regime stellt dies einen großen Erfolg dar, und das Kriegsziel lässt sich einfach mit „den Konflikt überstehen“ zusammenfassen. Die Iraner könnten mit einigen Zugeständnissen bei den Nuklearkapazitäten einer Beendigung des Krieges zustimmen, ohne ihr Gesicht zu verlieren. Zugleich hat sich in den letzten Wochen der Einfluss des Militärs in Teheran verstärkt, während die religiösen Führer an Bedeutung verloren. Zwar hat Modschtaba Chamenei, der Sohn des bisherigen Ajatollahs, offiziell die Macht übernommen – er stammt jedoch aus dem Militär und pflegt seit Jahren enge Verbindungen zu den Revolutionsgarden.
Das Militär könnte pragmatischer agieren als die religiösen Hardliner. Doch die jüngsten Friedensvorschläge aus Teheran zeigen klar: Das Regime will sich nicht billig verkaufen. Ein diplomatischer Weg zu einem Kriegsende und stabilen Frieden erfordert Geschick und Feingefühl – beides ist im Weißen Haus derzeit kaum vorhanden.
Dennoch ist eine Friedenslösung dringend erforderlich – nicht nur im Interesse Trumps, sondern auch der USA. Die Position der Vereinigten Staaten im globalen Gefüge hat durch den Krieg erheblich gelitten. Eine Supermacht, die an einem wirtschaftlich schwachen, rückwärtsgewandten, aber überraschend widerstandsfähigen Regime scheitert? Das ist kein gutes Zeichen – außer für die geopolitische Konkurrenz.
„Historisch betrachtet war es meist ein US-Flugzeugträger, der China davon abhielt, in Taiwan zu landen. Momentan ist jedoch keiner dort“, stellt Oberst Wasinger fest. „Die USA geben hier einen strategisch wichtigen Raum für einen Nebenkriegsschauplatz preis.“
Die Golfstaaten fühlen sich durch den Krieg unfreiwillig in Mitleidenschaft gezogen, während ihre bisherige Schutzmacht weder als effektiv noch als stark wahrgenommen wird. Eine schnelle Alternative werden die Golfstaaten nicht finden, doch China, Russland und Pakistan sind bereit, ihre Beziehungen auszubauen. Dies sind gewichtige Gründe für Trump, ernsthafte Kompromisse mit dem Iran anzustreben.