Reisners Einschätzung zur Front: „Der Wettlauf beider Seiten bis zum Winter beginnt jetzt“
Oberst Markus Reisner betont, dass Präsident Wolodymyr Selenskyj entspannt auf den Dialog mit seinem US-Amtskollegen Donald Trump blicken könne. Beide Seiten teilen gemeinsame Interessen. Militärisch setzt die Ukraine jetzt voll auf Angriff – denn der Countdown bis zum Winter läuft.
Markus Reisner warnt vor vorschnellen Urteilen, da die tatsächliche Produktionsrate russischer Raketen weiterhin streng geheim gehalten wird. Im Sommer 2022 wurde noch vermutet, dass Putin bis Jahresende keine Raketen mehr zur Verfügung haben würde. Doch tatsächlich sind die russischen Drohnenangriffe deutlich zurückgegangen. Das liegt unter anderem an der hohen Abschussrate der ukrainischen Luftabwehr und der Umstellung der russischen Produktion auf raketengetriebene Drohnen der Typen Geran 4 und 5. Zusätzlich nimmt der Einsatz von Marschflugkörpern fast dauerhaft ab. Auch hier spielen verschiedene Faktoren eine Rolle, möglicherweise ebenfalls die gesteigerte Abschussleistung der Ukraine. Zudem richten sich russische Angriffe zunehmend gegen andere Ziele, etwa ukrainische Frachtschiffe, die Getreide transportieren.
Heißt das, dass die Gründe für den Anstieg der ballistischen Raketen nur spekulativ sind?
Genau. Es bleibt unklar, ob Russland seine Arsenale absichtlich überbeansprucht, um den Druck auf die Ukraine zu erhöhen, oder ob der gesteigerte Einsatz auf eine höhere Verfügbarkeit zurückzuführen ist. Diese Fragen sind nicht abschließend klärbar, doch meiner Einschätzung nach verschärft Russland seine strategischen Luftangriffe gezielt – ähnlich wie die Ukraine. Fakt ist: Die Ukrainer haben große Schwierigkeiten, ballistische Raketen abzuwehren, da es besonders bei der Versorgung mit Patriotraketen Engpässe gibt.
Kann dieser Engpass überwunden werden?
Derzeit sieht es nicht danach aus. Medienberichten zufolge hat US-Präsident Donald Trump eine Eskalation gegenüber dem Iran wegen fehlender Patriotraketen verschoben. Das Pentagon hat im Konflikt mit dem Iran bereits über 1200 dieser Raketen verbraucht, die jeweils rund vier Millionen Dollar kosten. Dadurch sind die Bestände auf ein kritisches Niveau gesunken. Ein größerer US-Angriff hätte eine stärkere Reaktion des Iran zur Folge gehabt und die Luftabwehr in den USA und den Golfstaaten weiter geschwächt, da noch mehr Patriotraketen verbraucht worden wären.
Wenn Trump seinen Konflikt mit dem Iran wegen fehlender Patriotraketen einschränkt, hat das auch negative Folgen für die Ukraine?
Das ist richtig. Präsident Selenskyj sieht darin die größte Herausforderung für die Ukraine im bevorstehenden Winter. Der letzte Winter war kaum zu bewältigen. Die damals zerstörte und beschädigte kritische Infrastruktur ist noch immer nicht vollständig wiederhergestellt. Patriotraketen sind entscheidend, um Marschflugkörper und ballistische Raketen abzuwehren und so weitere Zerstörungen an der Infrastruktur zu verhindern.
Ist der kommende Winter also von entscheidender Bedeutung?
Ja. Jetzt beginnt der Wettlauf beider Seiten bis zum Winter. Russland versucht, die Ukraine bis dahin zu schwächen, während die Ukraine alles daran setzt, sich zu behaupten. Im Sommer liefert das ukrainische Stromnetz rund 11 bis 12 Gigawatt, im Winter steigt der Bedarf auf etwa 18 bis 19 Gigawatt. Damit entsteht eine große Versorgungslücke, denn mit der Heizperiode wächst der Energiebedarf stark. Gleichzeitig verfügt Russland trotz eigener Rückschläge weiterhin über Mittel und Möglichkeiten, die ukrainische Energieinfrastruktur anzugreifen. Die Raketenproduktion läuft auf Hochtouren. Vor diesem Hintergrund ist auch die Zunahme ukrainischer Angriffe auf russische Energie- und Logistikziele im Hinterland zu sehen. Die Ukraine versucht, diese asymmetrische Lage rechtzeitig zu verändern.
Selenskyj reist nach Washington, um mit Trump zu sprechen, und erwähnt einen „ehrenvollen Frieden“. Wie stehen die Chancen für konstruktive Gespräche?
Selenskyj wird versuchen, Trump vollständig auf seine Seite zu ziehen. Trump ist vermutlich offen dafür, da die Lage im Iran für ihn problematisch ist und die Ukraine eine Gelegenheit bietet, vor den US-Zwischenwahlen im November einen Erfolg präsentieren zu können. Selenskyj will, dass die USA den Druck auf Russland aufrechterhalten. Das geschieht bisher durch die Bereitstellung von US-Aufklärungsdaten für die Ukraine sowie durch Unterstützung großer US-Tech-Firmen, insbesondere im Bereich Künstlicher Intelligenz. Die Angriffe auf russische Logistikzentren sowie Öl- und Gasraffinerien zeigen, dass die Ukraine voll auf Angriff setzt.
Was versteht Selenskyj unter einem „ehrenvollen Frieden“?
Aus ukrainischer Sicht bedeutet er, dass der Donbass nicht aufgegeben wird und die Frontlinie eingefroren bleibt. Zudem fordert die Ukraine glaubwürdige Sicherheitsgarantien von Verbündeten für den Fall eines erneuten russischen Angriffs.
Wie kann Trump von diesen Forderungen überzeugt werden?
Bemerkenswert sind Selenskyjs jüngste Aussagen, in denen er offenlegt, dass russische Satelliten vor allem US-Militärstützpunkte in der Golfregion beobachten und die Bilder an den Iran weitergeben. Dadurch können die Iraner ihre Angriffe auf US-Basen planen und im Nachhinein bewerten. Diese Attacken waren in den letzten Wochen mehrfach erfolgreich. Politisch zielt Selenskyj damit auf einen empfindlichen Punkt in Washington: Er stellt Russland und im Hintergrund auch China als Verbündete des Iran dar – ein Szenario, das Trump nicht akzeptieren will.
War Trump nicht ohnehin bewusst, dass Russland und Iran Verbündete sind?
Ja, aber vor dem Krieg mit dem Iran war nicht klar, wie eng die Zusammenarbeit tatsächlich ist und welche weitreichenden Folgen sie hat. Die Überraschung kam nach den ersten US- und israelischen Angriffen auf den Iran, woraufhin Teheran mit präzisen Drohnenangriffen auf amerikanische Militärbasen effektiv konterte.
Welchen Vorteil zieht Russland daraus?
Der Konflikt mit dem Iran eröffnet Russland und China mehrere Möglichkeiten. Erstens können sie genau beobachten, wie die US-Streitkräfte diesen Krieg führen – wo sie vorbereitet sind und wo Schwächen bestehen. Zweitens spiegeln die Russen das Vorgehen der USA im Ukrainekrieg wider, da die USA Kiew mit Echtzeit-Aufklärungsdaten unterstützen. Es war abzusehen, dass Russland im Falle eines US-Konflikts mit einem anderen Staat ähnliche Mittel einsetzen würde – wie es jetzt im Iran-Konflikt zu sehen ist.
Welche langfristigen Auswirkungen hat das?
Wenn beide Seiten über umfangreiche Aufklärung und Zielzuweisung verfügen, wird ein entscheidender Sieg immer schwerer. Deshalb sehen wir immer wieder überraschende Resultate – wie die erfolgreichen iranischen Angriffe auf US-Basen im Nahen Osten oder die weitreichenden ukrainischen Angriffe im russischen Hinterland.
Zurück zur Front in der Ukraine: Russland meldet Geländegewinne im Donbass und versucht, die Verteidigungslinie um Slowjansk und Kramatorsk zu durchbrechen. Gibt es echte Fortschritte der Russen?
Russland versucht im Nord-, Mittel- und Südabschnitt der Front Gelände zu gewinnen. Im Süden gab es zuletzt bei Dobropillja einen überraschenden Vorstoß mechanisierter Einheiten, der jedoch am ukrainischen Drohnenschutz scheiterte. Im Zentrum der Front erstreckt sich ein zusammenhängender Verteidigungsring vom Süden bei Kostjantyniwka bis nach Slawjansk im Norden. Die Russen versuchen, diesen Gürtel von zwei Seiten einzukesseln – von Kostjantyniwka aus und aus dem Raum Lyman mit einem Vorstoß von Norden nach Süden.
Wie erfolgreich sind diese Versuche?
Die Russen machen Fortschritte, aber nur langsam. Die Ukraine gelingt es immer wieder, kleinere russische Stoß- und Sturmtrupps, die infiltrieren wollen, rechtzeitig zu entdecken und zurückzuschlagen. In dieser Pattsituation versuchen beide Seiten, mit intensiven Luft- und Raketenangriffen zu eskalieren.
Wenn Russland mit ballistischen Raketen eskaliert, wie reagiert die Ukraine?
Die Ukraine setzt verstärkt auf Drohnen. Auf operativer Ebene kommen weitreichende, teilweise mit künstlicher Intelligenz gesteuerte Drohnen vom Typ „Hornet“ zum Einsatz, die russische Versorgungs- und Logistikrouten Richtung Krim unterbrechen sollen. Anfangs war das erfolgreich, inzwischen haben sich die Russen angepasst, sind aber noch weit davon entfernt, stabile, kriegsentscheidende Logistikstrukturen aufzubauen. Sie konzentrieren sich vor allem darauf, die massiven ukrainischen Drohnenangriffe mit eigenen Drohnenabwehreinheiten zu bekämpfen. Strategisch nutzt die Ukraine Drohnenangriffe auf Basis eines Lagebildes, das das US-Unternehmen Palantir mit seinem System Maven liefert.
Im Gespräch mit Markus Reisner: Lea Verstl