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Extrem lange Wartezeiten für Visa: Russen erhalten schneller Termine als Türken – Systematische Benachteiligung deutscher Botschaften?

Extrem lange Visa-Wartezeiten: Russen schneller dran als Türken - "bestrafen" deutsche Botschaften mit System?

Deutschland wirbt international um Fachkräfte und präsentiert sich als einladendes Land – dennoch müssen viele Menschen an deutschen Auslandsvertretungen teilweise bis zu anderthalb Jahre auf einen Termin für ein Schengen-Visum warten, selbst bei kurzfristigen Reisen. Während einige Staaten stark ausgebremst werden, zeigt sich Russland überraschend privilegiert.

Als Weronika Malischewskaja (Name auf Wunsch geändert) ihren Neffen in Berlin zum ersten Mal in den Armen hielt, war das Kind bereits anderthalb Jahre alt. So lange hatte die Frau aus Belarus auf einen Termin für ein Schengen-Visum gewartet. Die deutsche Botschaft in Minsk gibt auf ihrer Website Wartezeiten von bis zu 18 Monaten an, dazu kommen nochmals circa zwei Wochen Bearbeitungszeit.

Malischewskaja erhielt jedoch nur eine einmalige Einreiseerlaubnis, was bedeutete, dass sie sich nach der langen Wartezeit lediglich eine einwöchige Reise zu ihrer Schwester und dem inzwischen nicht mehr ganz neugeborenen Kind leisten konnte. Für einen erneuten Besuch in Deutschland muss sie wieder monatelang auf einen Termin warten und ein neues Visum beantragen.

„Es gibt keine politischen Vorgaben“

Das Auswärtige Amt führt die Wartezeiten von bis zu eineinhalb Jahren auf eine „rasante Nachfragezunahme“ zurück, die zusätzlich durch eingeschränkte Visaerteilungen anderer Schengen-Staaten in Belarus verstärkt werde. Seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine verfolgen insbesondere die baltischen Länder sowie Polen und Tschechien eine restriktive Visa-Politik gegenüber Russland und Belarus.

In Russland nur wenige Wochen Wartezeit

Gleichzeitig sind bei der deutschen Botschaft in Moskau Termine für Visa innerhalb weniger Wochen verfügbar. Eine Stichprobe im Online-System der deutschen Botschaft in Russland zeigt: Für Mitte August sind viele freie Termine buchbar. Zwar sind spontane Reisen dadurch nicht möglich, doch von Wartezeiten von anderthalb Jahren ist man hier weit entfernt.

Das Auswärtige Amt verweist zwar auf die schwierige Situation vor Ort – die Aussetzung des Visaerleichterungsabkommens mit Russland und die Ausweisung deutschen Personals hätten dazu geführt, dass die Visumbearbeitung „nicht mehr im gewohnten Umfang und in der gewohnten Geschwindigkeit“ erfolgen könne.

Dennoch sind im System Termine für Schengen-Visa innerhalb weniger Wochen sichtbar, deutlich schneller als die 18 Monate Wartezeit in Minsk. Bürger eines Landes, das einen Angriffskrieg in Europa führt, erhalten somit faktisch leichter Zugang zu Visa-Terminen als andere. Dabei handelt es sich bei den extrem langen Wartezeiten in deutschen Auslandsvertretungen nicht nur um ein Problem in Belarus.

„Das Problem ist längst politisch, nicht nur bürokratisch“

In der Türkei betragen die Wartezeiten für Schengen-Visa aktuell bis zu elf Monate. Selbst dringende Besuche wie Hochzeiten, Krankenhausaufenthalte oder Beerdigungen scheitern an den monatelangen Verzögerungen – so beschreibt es Filiz Polat, Parlamentarische Geschäftsführerin und Migrationsexpertin der Grünen-Bundestagsfraktion, gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

„Das Problem ist längst nicht mehr nur bürokratisch, sondern politisch“, erklärt Polat. Deutschland werbe weltweit um Fachkräfte, Studierende und Investoren, behandele aber viele Antragsteller und insbesondere deren Familien so, als seien sie in erster Linie ein Sicherheits- oder Migrationsrisiko. Obwohl Polat die Türkei benennt, trifft ihre Einschätzung auf zahlreiche weitere Länder ebenso zu.

„Zeitstrafe“ für ärmere Länder

Eine im Januar veröffentlichte Studie von Forschenden der Europa-Universität Flensburg und des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung in Berlin zeigt, dass diese Fälle Teil eines umfassenderen Musters sind. Die Autoren werteten zwischen November 2023 und September 2024 insgesamt 16.182 Terminanfragen an 130 deutschen Botschaften und Konsulaten weltweit aus und erfassten jeweils den nächstmöglichen Termin für einen Visaantrag im Online-System. Sie fanden heraus, dass in fast der Hälfte der Fälle keine Termine verfügbar waren – die Website zeigte schlicht an, dass derzeit keine Buchungen möglich sind. Dort, wo Termine angeboten wurden, lagen die Wartezeiten meist zwischen wenigen Tagen und maximal etwa drei Monaten.

Die Studie stellte einen deutlichen Zusammenhang fest: Je ärmer das Herkunftsland, desto schlechter sind die Chancen auf einen Termin und desto länger die Wartezeit. Die Forschenden sprechen deshalb von einer „Zeitstrafe“ für den Globalen Süden: Menschen aus bestimmten Ländern zahlen nicht nur die Visagebühren, sondern verlieren auch Monate ihres Lebens, in denen ihr Alltag und ihre Pläne praktisch stillstehen.

Die Studie interpretiert diese Praxis als eine Form von Grenzpolitik. Die Selektion, wer einreisen darf, findet demnach nicht erst bei der eigentlichen Visumsentscheidung statt, sondern bereits vorher – durch die Frage, ob und wann überhaupt ein Termin im Online-Kalender erscheint. Auf dem Papier können Menschen aus visumpflichtigen Staaten mit einem Schengen-Visum nach Deutschland einreisen. In der Praxis ist es jedoch häufig nahezu unmöglich, einen Termin für den Visumantrag zu ergattern.

Nicht nur ein Personalmangelproblem

Die Studie legt nahe, dass die langen Wartezeiten nicht allein auf Überlastung zurückzuführen sind. Wären fehlende Kapazitäten die einzige Ursache, würden Engpässe zufällig über alle Standorte verteilt auftreten – statt vor allem in ärmeren oder politisch schwierigen Ländern. Dass die größte Hürde für viele schon darin besteht, überhaupt einen Termin zu erhalten, zeigt, dass es weit mehr als ein bürokratisches Problem ist.

Das Auswärtige Amt verweist auf eine „weltweit deutlich gestiegene Nachfrage“ nach Visa, die an einigen Standorten die bereits erweiterten Kapazitäten übersteige. Die Beschleunigung der Visumverfahren habe daher Priorität. Als zentrale Maßnahmen nennt das Ministerium mehr Personal, weitere Digitalisierung und den Ausbau der sogenannten Visainlandsbearbeitung beim Bundesamt für Auswärtige Angelegenheiten – also zusätzliche Bearbeitung in Deutschland, um überlastete Botschaften zu entlasten. Ob und wann diese Schritte in Ländern wie Belarus oder der Türkei spürbar werden – und warum es in Russland trotz Angriffskrieg und Sanktionen besser funktioniert – bleibt offen.

Für Weronika Malischewskaja ist die Konsequenz dieser Visa-Politik konkret: Sie hat anderthalb Jahre warten müssen, um ihren Neffen eine Woche lang besuchen zu können. Und bis zum nächsten Wiedersehen wird es vermutlich erneut sehr lange dauern. Deshalb hat sie sich bereits auf die Warteliste setzen lassen, noch bevor sie die erste Reise angetreten hat.