Unvergesslicher FDP-Parteitag: Kubicki setzt sich gegen Hälfte der Partei durch
Unter der Führung des neuen Vorsitzenden Kubicki nimmt die FDP einen weiteren Anlauf, den drohenden Absturz abzuwenden. Nach einem turbulenten Parteitag ist deutlich geworden, wie die Kräfteverhältnisse innerhalb der Partei aussehen. Allerdings bleibt fraglich, ob Kubicki die nötige Sensibilität für die Lage besitzt.
Dieser FDP-Parteitag wird in Erinnerung bleiben. Selbst in zehn Jahren wird man sich noch an den Moment erinnern, als Marie-Agnes Strack-Zimmermann überraschend ihre Gegenkandidatur zu Wolfgang Kubicki bekanntgab. Das sorgte für Aufsehen!
Die entscheidende Frage ist jedoch, wer sich daran erinnern wird: Historiker, die den Niedergang einer einst bedeutenden Kraft in der Bundespolitik dokumentieren? Oder Delegierte einer wiederbelebten FDP, die mit Stolz auf den Moment zurückblicken, als ihre Partei den Aufstieg schaffte?
Nach dem Berliner Parteitag ist das Ergebnis noch offen. Klar ist allerdings die Situation: Im Frühjahr 2026 befindet sich die FDP weiterhin im Sinkflug. Die Aufgabe des neuen Vorsitzenden besteht darin, schnell einen Rettungsschirm aufzuspannen und den Liberalen neue Impulse zu verleihen.
Christian Dürr, engagiert aber erfolglos, konnte dies nicht erreichen. Nach der verlorenen Landtagswahl in Baden-Württemberg, der Hochburg der Liberalen, war seine Zeit abgelaufen. Seit der Bundestagswahl 2025 und dem Rücktritt Christian Lindners sind zwölf Monate vergangen, in denen Kanzler Friedrich Merz zwar Schulden anhäuft und Reformen ankündigt, diese jedoch nicht umsetzt. Die FDP könnte die politische Lücke füllen, die sich durch Forderungen nach weniger Staat, geringeren Schulden und mehr Eigenverantwortung auftut. Doch bislang gelingt ihr das nicht – sie steht abseits.
Raus aus der Bedeutungslosigkeit der „Sonstigen“
Kubicki soll diesen Kurswechsel bewirken. Den Rettungsschirm hat er bereits ausgebreitet: Mit seiner Kandidatur tauchte die FDP plötzlich wieder in den Umfragen auf und verließ das politische Niemandsland der „Sonstigen“. Kubicki bringt wichtige Eigenschaften mit, die die FDP benötigt: Bekanntheit und mediale Präsenz. Er ist kein glattgebügelter Politiker, sondern wirkt authentisch, manchmal rau, und man hört ihm gern zu. Talkshow-Einladungen sind ihm sicher – eine willkommene Atemluft für eine Partei, die ums Überleben kämpft.
Ob das jedoch ausreicht, bleibt fraglich. Zweifel daran wurden in den letzten Wochen laut. Kubicki zeigte wenig Feingefühl für die Parteistimmung. Offensiv und fast trotzig erklärte er, dass ihm Mehrheiten mit der AfD keine Probleme bereiten würden, sofern diese FDP-Vorschläge unterstütze. Doch spätestens der Parteitag offenbarte den Widerstand innerhalb der FDP gegen eine solche Haltung.
Trotzdem weckt Kubicki Hoffnungen: Er könnte Wähler zurückgewinnen, die zur AfD abgewandert sind. Er gilt als unbelastet vom linken Mainstream, ist fußballbegeistert und spricht offen. Ob das gelingt, ist jedoch umstritten. Friedrich Merz hat Ähnliches versucht und sogar mit der AfD gemeinsame Abstimmungen zugelassen – ohne Erfolg, gelinde gesagt.
Fokus auf Strack-Zimmermann
Die zentrale Frage lautet nun: Wie weit ist Kubicki bereit, inhaltliche Kompromisse einzugehen und die FDP nach rechts zu rücken? Allein die Wahl seines Generalsekretärs Martin Hagen sorgte für Unruhe. Hagen ist Geschäftsführer des Thinktanks R21, der sich immer wieder für eine Öffnung zur AfD ausgesprochen hat. Ist dies der neue Weg der FDP? Diese Frage beschäftigte die Partei in den vergangenen Wochen intensiv.
Viele Blicke richteten sich daher auf Strack-Zimmermann. Die Europaabgeordnete steht für einen anderen Kurs: weltoffen, liberal und ohne jegliche Annäherung an rechts. Gleichzeitig kann sie ebenso scharf argumentieren wie Kubicki. Viele Mitglieder hätten sich bei ihr gemeldet und über einen Austritt nachgedacht, sagte sie bei Phoenix. „Das tun sie jetzt nicht“, erklärte sie nach der verlorenen Abstimmung. Dass Kubicki auf dem Parteitag klarstellte, keine Zusammenarbeit mit der AfD anzustreben, begrüßte sie. Im Gespräch mit der dpa reichte sie ihm die Hand – bereits am Samstagnachmittag gehörte sie zu den ersten Gratulanten. Kubicki erwiderte den Handschlag jedoch nur distanziert.
Nächster Prüfstein: Sachsen-Anhalt
Für die Kritiker in der Partei – immerhin stimmten knapp 40 Prozent für Strack-Zimmermann – zeigte Kubicki auch später keine Annäherung. „Gar nicht“, antwortete er in der ARD auf die Frage, wie er auf seine Gegner zugehen wolle. Entscheidend seien nun gute Wahlergebnisse, nicht das Selbstbild der Partei. Für diese Ergebnisse wolle er sorgen.
Der erste Test steht unmittelbar bevor: Sachsen-Anhalt. Dort ist die FDP derzeit noch in der Regierung, doch es droht erneut der Einzug ins Landesparlament zu scheitern. Laut Umfragen könnte die AfD am 6. September mit 40 Prozent gewinnen, eine absolute Mehrheit ist nicht ausgeschlossen. Dort wird sich zeigen, ob Kubickis Kurs und Auftreten Wirkung zeigen. Die Chancen schwanken zwischen Außenseiterrolle und Hoffnung.
Gelingt ihm der Erfolg, würde das Rückenwind für die bevorstehenden Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und für die Abgeordnetenhauswahl in Berlin Ende September bedeuten. Das entscheidende Spiel für die FDP wird die Wahl in Nordrhein-Westfalen im kommenden Jahr sein. Verlieren sie dort den Landtag, bricht endgültig Endzeitstimmung aus.
Was wird aus der Einheit?
Kubicki und Strack-Zimmermann bezeichnen sich gerne als kämpferische Persönlichkeiten – und die Landtagswahlen werden definitiv Schlachten. Fraglich bleibt jedoch, ob Kubicki es sich leisten kann, auf Strack-Zimmermann zu verzichten. Offenbar ist er nicht bereit, auf sie zuzugehen.
Die Einheit der Partei ist genauso wichtig wie mediale Präsenz und Auftritte auf dem Marktplatz. Doch mit seinem Auftreten, seiner Sprache und der Wahl seines Generalsekretärs hat Kubicki die Partei gespalten. Auch nach der Kampfabstimmung änderte sich daran nichts. Der neue Generalsekretär Hagen erhielt nur knappe 59 Prozent der Stimmen, obwohl er keinen Gegenkandidaten hatte.
Kubicki reagierte nicht auf diese Spaltung und setzt seinen Kurs unbeirrt fort. Offen bleibt nun, in welche Richtung sich die FDP entwickeln wird: Rechts, Mitte oder eine Mischung? Der Parteitag war ein Sturm, aber keine Klärung.