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Ungleiche Wirtschaftskraft: Ostdeutschland verabschiedet sich von der Aufholjagd

Wirtschaftskraft bleibt ungleich: Ostdeutschland muss sich "von der Aufholjagd verabschieden"

Seit 35 Jahren nach der Wiedervereinigung hat Ostdeutschland bei Lebensqualität und Wirtschaftskraft stetig zum Westen aufgeschlossen. Eine aktuelle Studie zeigt jedoch, dass dieser Fortschritt bald seinen Höhepunkt erreichen wird – und dieser weiterhin unter dem westdeutschen Niveau liegt. Bestimmte strukturelle Hindernisse lassen sich nur schwer überwinden.

Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl versprach den neuen Bundesländern „blühende Landschaften“ – ein Versprechen, das größtenteils eingehalten wurde: Zwischen Sassnitz und Zittau finden sich sowohl wirtschaftlich prosperierende Regionen als auch Naturoasen, in denen abgesehen von der schönen Natur wenig geschieht. Laut dem neuen „Wettbewerbsreport Ostdeutschland“ ist es jedoch unwahrscheinlich, dass sich der gesamte Osten auf das westdeutsche Niveau bei Wirtschaftskraft und Lebensstandard angleicht. „Der Aufholprozess ist für mich ab sofort vorbei“, erklärte Frank Nehring, Präsident des Ostdeutschen Wirtschaftsforums (OWF), bei der Präsentation des Berichts im Beisein der Ostbeauftragten der Bundesregierung, Elisabeth Kaiser.

Die Studienautoren heben zahlreiche Erfolge in Ostdeutschland hervor. Die Wirtschaftsleistung pro Erwerbstätigen liegt mittlerweile bei 84 Prozent des westdeutschen Durchschnitts – ein Anstieg von 78 Prozent im Jahr 2016 und nur 34 Prozent zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung. Einige Regionen haben sogar den gesamtdeutschen Durchschnitt erreicht oder übertroffen. „35 Jahre nach der Vereinigung ist es daher nicht mehr gerechtfertigt, pauschal von einer Benachteiligung Ostdeutschlands zu sprechen“, heißt es im Report. Dennoch bestehen weiterhin viele strukturelle Hemmnisse, die ein vollständiges Angleichung verhindern, darunter vor allem der Rückgang der erwerbsfähigen Bevölkerung und das geringere Vermögen.

Welche Folgen hat der AfD-Effekt?

SPD-Politikerin Kaiser plädierte angesichts der Ergebnisse des Wettbewerbsreports für gezielte Investitionen in Ostdeutschland. Perspektiven vor Ort seien essenziell, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken und die Demokratie zu festigen – „gerade in der aktuellen Zeit“, betonte sie, ohne die AfD direkt zu erwähnen. Bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern droht die AfD als stärkste Kraft hervorzugehen, was eine Regierungsbildung ohne sie erschweren könnte.

Wirtschaftsexperte Joachim Ragnitz vom ifo-Institut Dresden warnt vor den negativen Auswirkungen einer AfD-Regierungsbeteiligung auf die Attraktivität der Region für Arbeitsplätze, Fachkräfte und Investitionen. Die Wahlen stellen laut dem Mitautor des Wettbewerbsreports ein Risiko für den weiteren Aufholprozess dar. Ostdeutschland benötigt dringend ausländische Arbeitskräfte, wird durch weitere Erfolge der AfD jedoch für Zuwanderer – auch aus dem Inland – weniger attraktiv. Der dadurch verstärkte Fachkräftemangel wirkt sich zusätzlich negativ auf Unternehmensinvestitionen aus. Ohne eine stärkere Zuwanderung werde die Erwerbsbevölkerung im Osten „sehr stark schrumpfen“, warnt Ragnitz.

Alternde und sinkende Bevölkerung in Ostdeutschland

Laut der jüngsten Bevölkerungsprognose des Statistischen Bundesamts wird die Bevölkerung in Ostdeutschland bis 2070 drastisch zurückgehen: Die Anzahl der Kinder, Jugendlichen und Erwerbsfähigen könnte im Vergleich zu 2021 um 30 Prozent sinken. Im Westen ist der Rückgang mit 18 Prozent bei Kindern und Jugendlichen sowie 20 Prozent bei Erwerbsfähigen ebenfalls spürbar, jedoch weniger ausgeprägt. Während der Westen erst seit kurzem schrumpft, ist der Osten insbesondere in ländlichen Gebieten seit Jahrzehnten demographisch rückläufig. Besonders Frauen und gut ausgebildete Personen wandern in ostdeutsche Städte oder in den Westen ab. Kaiser sieht in der Überalterung auch Chancen: Der wachsende Life-Science-Sektor, der sich mit der Versorgung einer älteren Gesellschaft beschäftigt, bietet dem Osten vielfältige Möglichkeiten.

Der Abwanderung junger, gut ausgebildeter Menschen ist eine der Ursachen für die weiterhin starke Vermögensungleichheit. „2023 verfügten ostdeutsche Haushalte inklusive Berlin im Median über etwa 35.900 Euro Nettovermögen, während westdeutsche Haushalte bei 143.200 Euro lagen“, erläutert Wirtschaftsforscher Ragnitz. Der Medianwert ist aussagekräftiger als der Durchschnitt, da er weniger durch extrem hohe Vermögen verzerrt wird. Die Gründe für diese Differenz sind vielfältig: niedrigere Einkommen, geringere Sparmöglichkeiten, weniger Erbschaften und Schenkungen, niedrigere Immobilienwerte sowie eine geringere Beteiligung an renditestarken Anlageformen.

Vollzeitbeschäftigte verdienen im Westen inklusive Berlin durchschnittlich 4.810 Euro brutto monatlich, im Osten sind es 3.973 Euro. Sowohl Staatssekretärin Kaiser als auch Report-Mitautor Achim Oelgarth vom Ostdeutschen Bankenverband begrüßten die Pläne der Bundesregierung, die private Altersvorsorge stärker zu fördern. Die Eigentumsquote liegt im Osten bei 34 Prozent, im Westen bei 46 Prozent, wobei Immobilienwerte im Westen durchschnittlich höher sind. Zudem besitzen im Westen mit 20 Prozent doppelt so viele Menschen Aktien als im Osten, wo nur 10 Prozent diese renditestarke Anlageform nutzen.

Kapitalmangel hemmt Wachstum

Die finanzielle Schwäche der Ostdeutschen spiegelt sich auch in den regionalen Unternehmen wider. Von 2019 bis 2023 lagen die Bruttoanlageinvestitionen pro Kopf bei 75 Prozent des westdeutschen Niveaus. Pro Erwerbstätigen investieren Firmen im Osten 25 Prozent weniger. Zudem liegt die Zahl der Unternehmensneugründungen deutlich unter dem Westniveau. In Thüringen gab es zuletzt netto mehr Unternehmensaufgaben als Neugründungen, was oft auf fehlende Nachfolger zurückzuführen ist.

Um den strukturellen Unterschieden, die der Wettbewerbsreport auch in Bildung und Forschung feststellt, entgegenzuwirken, empfehlen die Autoren gezieltes und planvolles Handeln: „Investitionen, Innovationen und Bildung müssen Priorität haben.“ Diese Bereiche kann die regionale Wirtschaftspolitik – im Gegensatz zur demografischen Entwicklung – aktiv gestalten und so die Produktivität steigern.

Kaiser unterstrich, dass ihr jeder Arbeitsplatz im Osten wichtig sei. Die Bundesregierung setze auf Entbürokratisierung und die Senkung der Energiekosten, um dies zu fördern. „Wir versuchen, die beeinflussbaren Faktoren konsequent anzugehen“, sagte die 39-Jährige aus Gera. „Einige Effekte benötigen allerdings mittelfristig bis langfristig Zeit.“ OWF-Präsident Nehring sieht das mögliche Ende der ostdeutschen Aufholjagd nicht negativ: Ostdeutschland brauche eine neue Erzählung – nicht mehr als Region, die westdeutschen Verhältnissen hinterherläuft, sondern als „Zukunftsregion“, in der einzelne Wirtschaftsstandorte besonders stark wachsen.