Israel beginnt neue Bodenoffensive im Libanon
Im Libanon steigt die Befürchtung vor einer möglichen israelischen Besatzung des südlichen Landesteils. Mit den jüngsten Militäreinsätzen und Evakuierungsanordnungen überschreitet die israelische Armee gleich mehrere Grenzen. Diese Entwicklungen könnten auch die Verhandlungen über ein Kriegsende mit dem Iran beeinflussen.
Nach eigenen Angaben hat die israelische Armee eine Bodenoffensive nördlich der sogenannten gelben Linie im Süden Libanons eingeleitet. Ein Armeesprecher erklärte, dass das Militär gezielt über die erste Verteidigungslinie hinaus operiere, um unmittelbare Bedrohungen für die israelische Bevölkerung und Soldaten zu neutralisieren. Konkrete Einsatzorte wurden nicht genannt.
Vorab hatten israelische Medien bereits von Aktivitäten der Truppen nördlich der „gelben Linie“ berichtet. Diese Linie bezeichnet eine Pufferzone im Süden Libanons, die etwa zehn Kilometer hinter der Grenze verläuft. Innerhalb dieser Zone sind israelische Streitkräfte stationiert, während eine Rückkehr der geflohenen Bevölkerung untersagt ist.
Auch libanesische Sicherheitskreise beobachteten eine mögliche Ausweitung der Bodenoffensive in nördliche Richtung. Seit der Aufforderung der israelischen Armee zur Evakuierung der Stadt Nabatija wurden mindestens 20 Angriffe verzeichnet.
„Zu ihrer eigenen Sicherheit“
Zum ersten Mal rief die israelische Armee zur Evakuierung von Nabatija nördlich des Litani-Flusses auf. Der arabischsprachige Armeesprecher Avichay Adraee forderte die Bewohner über den Onlinedienst X auf, ihre Häuser zu verlassen und sich in Gebiete nördlich des Flusses Sahrani zurückzuziehen. Dieser Fluss liegt weiter nördlich als der bisherige Einsatzbereich der israelischen Truppen.
Die Armee begründete die Aufforderung mit bevorstehenden Angriffen auf Stellungen der pro-iranischen Hisbollah-Miliz. In der Erklärung hieß es, dass jeder, der sich in der Nähe von Hisbollah-Mitgliedern, deren Einrichtungen oder militärischer Ausrüstung aufhalte, sein Leben riskiere.
Obwohl Nabatija in den vergangenen Wochen mehrfach Ziel israelischer Angriffe war, gab es Evakuierungsaufrufe bisher meist nur für Gebiete südlich des Litani-Flusses. Dieser Fluss verläuft rund 30 Kilometer nördlich der israelischen Grenze. Ein früheres Abkommen sah vor, dass sich die Hisbollah hinter diesen Fluss zurückzieht.
Im Libanon wächst unterdessen die Besorgnis über eine mögliche dauerhafte Besetzung des Südens durch Israel. Israel war 1982 in das Nachbarland eingefallen und zog sich erst 2000 zurück. Formal befinden sich Israel und Libanon seit 1948 im Kriegszustand und pflegen keine diplomatischen Beziehungen.
Libanon berichtet von mehreren Todesopfern
Bereits am Montagabend meldeten libanesische Quellen mehrere Todesopfer durch israelische Luftangriffe. Im Ort Maschghara in der Bekaa-Ebene im Südosten des Landes wurden laut Gesundheitsministerium elf Menschen getötet, darunter zwei minderjährige Mädchen und eine Frau. Zudem wurden 14 Personen und ein Kind verletzt. Die Bergungsarbeiten dauerten an. Die staatliche Nachrichtenagentur NNA berichtete zuvor von zwölf Toten bei dem Angriff.
Die israelische Armee erklärte, in dem Gebiet seien mehrere Angriffe auf die Infrastruktur der libanesischen Hisbollah durchgeführt worden, bei denen auch „Terroristen ausgeschaltet“ worden seien. Insgesamt seien mehr als 100 Ziele der Hisbollah in der Bekaa-Ebene und anderen südlichen Regionen angegriffen worden. Dabei wurden unter anderem Waffenlager der Hisbollah getroffen. Die Hisbollah selbst äußerte sich bislang nicht.
Außerdem berichtete das libanesische Gesundheitsministerium, dass ein Sanitäter bei einem Angriff im Südlibanon ums Leben gekommen sei. Zwei weitere Sanitäter des der Hisbollah nahestehenden Risala-Gesundheitsdienstes wurden verletzt. Die israelische Armee kündigte an, den Vorfall zu untersuchen.
Netanjahu kündigt verstärkte Angriffe an
Am Montagabend hatte Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu bereits eine Intensivierung der Angriffe auf die Hisbollah angekündigt. Zuvor hatten zwei rechtsextreme Minister in Netanjahus Kabinett eine Ausweitung des Militäreinsatzes im Libanon gefordert. Sicherheitsminister Itamar Ben Gvir verlangte, die Stromversorgung des Libanons zu unterbrechen, den Sahrani-Fluss einzunehmen und die intensive Kriegsführung fortzusetzen.
Seit Anfang März wurden im Libanon fast 3200 Todesfälle gemeldet. Obwohl seit dem 17. April eigentlich eine Feuerpause zwischen Israel und dem Libanon gilt, setzen beide Seiten ihre Angriffe fort. Die Hisbollah, die die Vernichtung Israels als Ziel erklärt hat, lehnt sowohl direkte Gespräche zwischen der libanesischen Regierung und Israel als auch die Waffenruhe ab.
Beobachter warnen, dass eine Eskalation der Kämpfe die derzeitigen Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran über ein Kriegsende erschweren könnte. Teheran besteht darauf, dass das angestrebte Rahmenabkommen sowohl den Konflikt mit den USA und Israel als auch den Streit zwischen Israel und der Hisbollah umfassen muss.