„Warum treffen sie uns?“: Der Krieg erreicht Moskau und erschüttert die Bevölkerung
Die Luftangriffe der Ukraine auf Moskau haben ein Land erschüttert, das sich bislang vor den Folgen des Ukraine-Krieges geschützt glaubte. Dass nun selbst die Eliten der Hauptstadt Angst verspüren, sorgt nicht nur bei oppositionellen Russen für Genugtuung.
Jahrelang war der Krieg für viele Moskauer nur ein fernes Fernsehbild – doch plötzlich sind Explosionen in den Vororten zu hören, Wohnhäuser brennen, und Menschen flüchten ohne Vorwarnung in Badezimmer. Während russische Staatsmedien die Drohnenangriffe kleinreden, zeigen Videos aus Moskau eine Mischung aus Schock, Wut und erstmals auch leisen Zweifeln an der eigenen Rolle in diesem Konflikt.
„Was soll das? Warum bombardieren die uns? Wir haben euch doch nichts getan!“ Diese Worte eines Mannes mittleren Alters, der an einem sonnigen Maitag 2026 auf dem Balkon eines Moskauer Hochhauses steht, verbreiten sich in zahlreichen Telegram-Chats. Mit ausgestrecktem Arm filmt er den Himmel, seine Stimme klingt ehrlich verwirrt und fast verletzt. Im Hintergrund hört man kaum etwas – nur ein entferntes, kaum wahrnehmbares Summen. Gelegentlich blitzen die Flugabwehrgeschütze auf. Kein nächtliches Spektakel, sondern ein ganz gewöhnlicher Tag, der plötzlich aus den Fugen gerät. Dieses Video steht exemplarisch für die Stimmung vieler Bewohner der Hauptstadt in jenen Stunden.
Opfer unter Zivilisten und lahmgelegte Flughäfen
In der Nacht zum 17. Mai 2026 sowie in den folgenden Tagen startete die Ukraine einen der bislang größten Drohnenangriffe seit Beginn des Krieges. Russische Stellen berichteten von mehreren Hundert bis über 500, teils sogar mehr als 1000 Drohnen, die auf Moskau und umliegende Regionen gerichtet waren. Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin schrieb auf Telegram: „Innerhalb von 24 Stunden wurden über 120 Drohnen abgeschossen.“ Auch Gouverneur Andrej Worobjow sprach von einem „umfangreichen Angriff“.
Trotz der angeblichen Abwehr gab es zahlreiche Treffer. Die Ölraffinerie Kapotnja wurde beschädigt, Industrieanlagen in Zelenograd erlitten Schäden, und Wohnhäuser in Khimki, Krasnogorsk, Mytishchi sowie weiteren Vororten wurden getroffen. Mindestens drei bis vier Menschen kamen ums Leben, darunter eine Frau in Khimki und weitere Opfer in der Region. Dutzende wurden verletzt. Die Flughäfen Vnukovo und Domodedowo mussten zeitweise geschlossen werden.
Unübersehbare Folgen trotz gegenteiliger Beteuerungen
Bürgermeister Sobjanin und Gouverneur Worobjow betonten in ihren Telegram-Kanälen, die Schäden seien gering und die Luftabwehr habe heroisch reagiert. Staatsnahe Medien wie TASS, Gazeta.ru und Lenta.ru übernahmen diese Darstellung und hoben die „erfolgreiche Abwehr“ sowie „geringe Schäden“ hervor. Sobjanin versicherte zudem, die Produktion in der Raffinerie laufe weiter und es habe nur „kleinere Schäden“ durch Trümmerteile gegeben. Doch die Videos aus den betroffenen Gebieten erzählen eine andere Geschichte: Explosionen mitten in Wohnvierteln, brennende Hochhäuser, Menschen, die ohne rechtzeitige Sirenenwarnung Schutz im Treppenhaus oder Badezimmer suchen. Zahlreiche Anwohner berichteten von Panik.
Für viele Moskauer war der Ukraine-Krieg über vier Jahre hinweg eine abstrakte Realität – etwas, das im Fernsehen gezeigt wurde, irgendwo im Donbass, im Rahmen von Wladimir Putins „Spezialoperation“. Nun ist der Krieg direkt vor ihrer Haustür angekommen. In Chatgruppen, Social-Media-Stories und auf Balkonen hört man immer wieder dieselben Fragen: „Warum gerade wir? Wir sind doch Zivilisten. Der Krieg sollte doch woanders bleiben. Wir haben damit nichts zu tun.“ Viele zeigen sich schockiert und empört, dass die Hauptstadt nun selbst betroffen ist.
Die praktischen Folgen des Angriffs führten zu zusätzlichem Ärger und Beschwerden. In zahlreichen Instagram-Videos und Stories beklagten sich Moskauer über massive Flugausfälle. Hunderte Flüge wurden gestrichen oder verzögerten sich stundenlang, Reisende saßen teils über 16 Stunden an den Flughäfen fest, ohne ausreichende Verpflegung oder klare Informationen. „Wir kommen nicht weg, die Kinder sind müde, niemand sagt uns etwas“, klagte eine Frau in einem viral verbreiteten Video. Andere filmten überfüllte Terminals und fragten sich laut, warum der Alltag in der Hauptstadt plötzlich zusammenbricht. Diese Störungen machten den Angriff für viele spürbar – nicht mehr nur als entfernte Explosionen, sondern als direkte Beeinträchtigung ihres Lebens. Auch russische Medien wie Kommersant berichteten vom Chaos an den Flughäfen.
Spott nicht nur aus dem Exil
Viele Russen schildern in sozialen Netzwerken Panik, weinende Kinder und Nachbarn, die sich in Tiefgaragen verstecken. Einige filmen die fernen Lichter am Himmel fast sensationslüstern mit dem Handy, während andere bereits Notfalltaschen packen und überlegen, zu Verwandten aufs Land zu fahren. Die Wut richtet sich vor allem gegen die Ukrainer oder den Westen. Die offizielle Kreml-Erzählung von Terroranschlägen des Kiewer Regimes findet bei vielen Zuspruch. Kritik an der eigenen Führung bleibt meist verhalten oder beschränkt sich auf Fragen zur Effektivität der Luftabwehr.
Während in Moskau vor allem Gefühl von Ungerechtigkeit und Überraschung vorherrscht, äußern sich russische Exilanten auf Instagram, YouTube und in oppositionellen Telegram-Kanälen deutlich offener. In kurzen Clips stellen sie die Frage, die vielen in Russland unangenehm ist: Was erwartet man, wenn man selbst seit Jahren solche Angriffe in der Ukraine durchführt? Sie zeigen Archivaufnahmen zerstörter Wohnviertel in Charkiw, Kiew, Odessa oder Sumy neben aktuellen Bildern aus Moskau. Der Ton ist oft eine Mischung aus Trauer, Frust und gelegentlicher Schadenfreude: Jetzt spürt ihr, was ukrainische Familien seit 2022 erleiden müssen.
Diese Stimmen stammen vor allem von Journalisten, Aktivisten und Bürgern, die Russland nach 2022 verlassen haben. Innerhalb Russlands sind sie kaum hörbar – Zensur und Angst vor Strafverfolgung verhindern das. Dennoch erreichen sie über soziale Medien ein russischsprachiges Publikum weltweit und verdeutlichen die tiefe Spaltung der Gesellschaft.
Die Menschen in den an die Ukraine angrenzenden Regionen bringen eine weitere Sichtweise ein. In Telegram-Kanälen aus Kursk, Belgorod und Rostow liest man Kommentare wie: „Willkommen in unserer Welt, liebe Moskauer. Wir erleben das seit Jahren, und ihr habt es ignoriert.“ Der Krieg, der für die Hauptstadt lange nur ein Fernsehereignis war, wird plötzlich sehr real – und entfacht alte Ressentiments gegen die verwöhnte Moskauer Elite.
Der Mythos der unantastbaren, sicheren Hauptstadt hat Risse bekommen. Psychologisch stellt das einen Wendepunkt dar. Der Krieg ist nun hörbar, sichtbar und spürbar. Ob daraus echter politischer Unmut erwächst, bleibt offen. Bisher dominieren bei vielen Schock, Fatalismus und die Suche nach einem Schuldigen außerhalb Russlands. Der Mann auf dem Balkon, der fragt „Was haben wir euch getan?“, steht symbolisch für eine Gesellschaft, die sich noch nicht bereit zeigt, ihre eigene Rolle im Krieg kritisch zu hinterfragen. Der Krieg ist zurückgekehrt – nach Hause. Und er stellt Fragen, denen viele Moskauer bislang ausweichen wollten.