Israel als „David“ beliebter: Rekordzahl an Boykottierenden – Warum fünf Länder den ESC meiden
Zum ersten Mal in der Geschichte des European Song Contests verzichten gleich fünf Länder auf eine Teilnahme. Der Grund ist einheitlich: die israelische Teilnahme und die militärischen Aktionen Israels im Gazastreifen. Ein Blick auf die einzelnen Länder offenbart eine klare Tendenz.
Es ist nicht das erste Mal, dass Staaten dem Eurovision Song Contest fernbleiben, weil sie mit dem Gastgeberland oder einem anderen Teilnehmer unzufrieden sind. Doch eine derart hohe Anzahl von Boykotteuren gab es bisher nie.
Fünf Nationen nehmen 2025 nicht am ESC teil: Irland, die Niederlande, Slowenien, Spanien und Island. Ihr gemeinsamer Nenner ist die Kritik an Israels Vorgehen im Gazastreifen. Zudem verzichten Irland, Spanien und Slowenien sogar auf die Übertragung des Wettbewerbs.
Der ESC war schon immer politisch aufgeladen. So verzichtete das Gastgeberland Österreich 1969 auf die Teilnahme am „Grand Prix Eurovision de la Chanson“, um gegen die Franco-Diktatur in Spanien zu protestieren. Solche Protestformen traten immer wieder auf. Kein Boykott, sondern ein Ausschluss erfolgte nach Russlands Angriff auf die Ukraine: Seit 2022 ist Russland ausgeschlossen.
Acht Länder forderten Israels ESC-Ausschluss
Schon vor dem jüngsten Gazakonflikt gab es Boykottaufrufe gegen Israel, insbesondere 2019 während des ESC in Tel Aviv. Diese Forderungen kamen meist von Randgruppen wie der BDS-Bewegung, die seit Jahren zu einem umfassenden Boykott Israels aufruft.
Mit dem Ausbruch des Gazakriegs, bei dem Israel auf die tödlichen Angriffe der Hamas reagierte, änderte sich die Lage. Am 7. Oktober 2023 überfiel die Hamas israelische Orte und ein Festival, bei dem über 1100 Menschen starben. 251 Personen wurden von der Hamas in den Gazastreifen verschleppt, von denen mehr als die Hälfte dort ums Leben kam.
Die israelische Militäraktion nach Beginn der Bodenoffensive führte beim ESC 2024 in Malmö zu Protesten, die vor allem von der BDS-Szene getragen wurden. Mit der Dauer des Krieges wuchs die Kritik. 2025 beantragten acht Länder in der Vollversammlung der Europäischen Rundfunkunion (EBU), die den ESC organisiert, eine Abstimmung über den Ausschluss Israels. Diese Abstimmung fand nicht statt. Im November wurde bestätigt: Israel nimmt teil.
Irland: Die eigene Geschichte als Spiegel der Palästinenser
Schon am 11. September 2025 erklärte der irische öffentlich-rechtliche Sender RTÉ, dass Irland bei einer Teilnahme Israels nicht am Wettbewerb teilnehmen werde. „RTÉ hält eine Beteiligung Irlands angesichts der anhaltenden und tragischen Verluste an Menschenleben in Gaza für unverantwortlich“, so die Begründung.
In Irland, das mit sieben ESC-Siegen zusammen mit Schweden Rekordsieger ist, stieß der Boykott kaum auf Widerstand. Das Land zählt zu den EU-Staaten mit der stärksten pro-palästinensischen Haltung. 2024 erkannte Irland zusammen mit Spanien und Norwegen Palästina als Staat an. In ihrer ersten Rede nach der Amtseinführung sprach die neue irische Präsidentin Catherine Connolly im November von einem „laufenden Genozid“. Sie nannte Israel zwar nicht explizit, doch die Botschaft war klar.
Eine Schwester Connollys war auf einem der Schiffe, die kürzlich versuchten, die israelische Blockade des Gazastreifens zu durchbrechen. Im Wahlkampf hatte Connolly Israel als „Terrorstaat“ bezeichnet und die Hamas als „Teil des palästinensischen Volkes“ bezeichnet. Als parteilose Linke wählt sie eine Rhetorik, die selbst für irische Verhältnisse sehr scharf ist.
Die Kritik am israelischen Vorgehen gegen die Palästinenser kommt in Irland aus allen politischen Lagern. Bei einer UN-Generalversammlungsrede warf der konservative Ministerpräsident Micheál Martin zwei Mitgliedern der israelischen Regierung „genozidale Absichten“ vor.
Die israelische Regierung reagiert auf solche Vorwürfe oft mit Antisemitismusvorwürfen. Deutlich plausibler erscheint jedoch das Motiv, das der frühere irische Premier Leo Varadkar vor zwei Jahren am St. Patrick’s Day erläuterte: Auf Reisen werde er oft gefragt, warum die Iren so viel Mitgefühl für die Palästinenser empfinden. Seine Antwort: „Wir erkennen unsere eigene Geschichte in ihren Augen.“
Niederlande: Mehrheit zeigt Gleichgültigkeit
Einen Tag nach Irland erklärten auch die niederländische Rundfunkgesellschaft AVROTROS und der slowenische Sender RTV Slovenija ihren Verzicht auf den ESC. Wie RTÉ verwiesen sie auf das Leid in Gaza und die eingeschränkte Pressefreiheit durch Israel.
In den Niederlanden ist die Unterstützung für den Boykott weniger ausgeprägt als in Irland: Während dort 79 Prozent den Boykott befürworteten, waren es in den Niederlanden 47 Prozent, 34 Prozent lehnten ihn ab.
Eine breite öffentliche Debatte blieb in den Niederlanden aus, auch vor der Parlamentswahl im November. Generell gilt zum Nahost-Konflikt in den Niederlanden: „Am Rand gibt es starke Meinungen, doch die Mehrheit zeigt eher Gleichgültigkeit“, so der Historiker Bart Wallet vor drei Jahren.
Slowenien: Dokumentationen statt ESC
Die Niederlande übertragen trotz Nicht-Teilnahme das ESC-Finale, Slowenien hingegen sendet die Filmreihe „Voices of Palestine“ statt des Wettbewerbs.
„Wir nehmen nicht teil, solange Israel dabei ist, und das im Namen der 20.000 Kinder, die in Gaza gestorben sind“, erklärte Natalija Gorščak, Vorstandsvorsitzende von RTV Slovenija, während der EBU-Versammlung, in der über Israels Teilnahme entschieden wurde.
Diese Haltung spiegelt auch die slowenische Regierung wider: Im September erklärte sie Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu zur unerwünschten Person, nachdem sie im August als erstes europäisches Land ein Waffenembargo gegen Israel verhängt hatte – symbolische Maßnahmen, die von Israel als „völlig bedeutungslos“ abgetan wurden.
Doch die slowenische Position könnte doch Wirkung zeigen. Im März wurde die grün-liberale Freiheitsbewegung unter Ministerpräsident Robert Golob zwar stärkste Kraft, verlor jedoch die Parlamentsmehrheit. Wahlkampf-Videos, die die Regierung als korrupt darstellten, sollen laut der Wochenzeitung „Mladina“ von der israelischen Firma Black Cube stammen, einer privaten Spionageagentur ehemaliger Geheimdienstoffiziere.
Spanien: Gemeinsame Linie von Franco-Nachfolge und Linken
Am 16. September schloss sich der spanische Sender RTVE den Boykottierenden an. Für die EBU ist dies besonders bedeutsam, da Spanien zu den „Big Five“ gehört und seit 1961 ununterbrochen am ESC teilgenommen hat. Diese Länder – Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Spanien – sind automatisch für das Finale qualifiziert, da sie den größten Beitrag zur Finanzierung der EBU leisten.
In Spanien ist Kritik an Israel nahezu alltäglich. Nur die rechtsextreme Partei Vox unterstützt uneingeschränkt die amtierende israelische Regierung. Die politische Linke und separatistische Gruppierungen in Katalonien und dem Baskenland stehen dagegen aufseiten der Palästinenser.
Eine weitere pro-palästinensische Tradition in Spanien geht auf die Franco-Diktatur zurück, die nach dem Zweiten Weltkrieg enge Beziehungen zu arabischen Ländern pflegte. Die diplomatischen Beziehungen zwischen Spanien und Israel wurden erst 1986 aufgenommen. Mittlerweile stehen sie kurz vor dem Abbruch: Die Botschafterinnen wurden bereits 2023 zurückgerufen.
Dennoch ist die Kritik an Israel in Spanien vor allem eine Angelegenheit der Linken. Im 15-köpfigen Verwaltungsrat von RTVE stimmten die vier Vertreter der Volkspartei gegen den Boykott.
Island: Erste Knesset-Rede und frühe Palästina-Anerkennung
Als letztes Land erklärte Island seinen Boykott. Der isländische Sender RÚV begründete am 10. Dezember die Entscheidung mit der Aussage, eine Teilnahme bringe „weder Freude noch Frieden“. RÚV-Generaldirektor Stefán Eiríksson verwies auf die Stimmung im Land: Künstlerverbände und die Öffentlichkeit seien gegen eine Teilnahme, zudem sei es schwierig gewesen, Künstler für den Wettbewerb zu gewinnen.
Umfragen zeigen, dass 71 Prozent der Isländer mit dem ESC-Boykott zufrieden sind, weitere 14 Prozent eher zufrieden. Nur 17 Prozent äußerten Unzufriedenheit. Die Haltung gegenüber Israel ist auch in Island politisch geprägt: Anhänger der konservativen Zentrumspartei kritisierten die Senderentscheidung mehrheitlich.
Ähnlich wie in den Niederlanden hat sich die traditionell israelfreundliche Stimmung in Island gewandelt. 1966 war der isländische Präsident Ásgeir Ásgeirsson das erste ausländische Staatsoberhaupt, das in der Knesset sprach. 2011 war Island das erste europäische Land, das Palästina anerkannte.
Ist Antisemitismus der Grund?
Auf den ersten Blick liegt es nahe, den Boykottländern Antisemitismus zu unterstellen. Doch das trifft nicht zu: In Irland ist Antisemitismus nicht stärker verbreitet als im benachbarten Großbritannien, und in den Niederlanden nicht höher als in Deutschland.
Eine Studie der Universität Tel Aviv kommt zu dem Ergebnis, dass Antisemitismus nur eine „sehr schwache“ Erklärung für die Boykotte darstellt. Untersucht wurde eine Ländergruppe, die vor rund einem Jahr eine gemeinsame Erklärung veröffentlichte: Island, Irland, Luxemburg, Malta, Norwegen, Slowenien und Spanien forderten darin Israel zu einem sofortigen Kurswechsel auf: „Angesichts der menschengemachten Katastrophe im Gazastreifen werden wir nicht schweigen.“
Der Studienautor Uriya Shavit nennt mehrere Motive für den ESC-Boykott. Linke Regierungen neigen stärker zu Israel-Kritik. Zudem sind es oft Länder, in denen Holocaust-Erinnerung und Auseinandersetzung mit aktuellem Antisemitismus nur eine geringe Rolle spielen – mit Ausnahme der Niederlande trifft dies auf alle Boykottländer zu. Auch die Größe der jüdischen Gemeinschaft im jeweiligen Land ist ein Faktor.
Hinzu kommen nationale Besonderheiten, die eine Identifikation mit den Palästinensern erleichtern. Dies gilt nicht nur für Spanien und Irland. Shavit verweist darauf, dass Slowenien seine Unabhängigkeit in einem kurzen Krieg gegen einen übermächtigen Gegner erstritt. 1948 hätte sich ein solches Land mit dem neu gegründeten Israel identifiziert – heute ist das nicht mehr der Fall.
Der „Goliath“ verliert an Sympathien
Die fünf Boykottländer haben offen gelassen, wie sie 2026 entscheiden werden. Aktuell erscheint eine Rückkehr zum ESC unwahrscheinlich. Vielmehr könnte sich der Boykott ausweiten: Am Montag verhängte die Europäische Union Sanktionen gegen mehrere israelische Siedlergruppen, die für Gewalt im Westjordanland verantwortlich gemacht werden. Länder wie Irland begrüßten diese Maßnahmen.
Israels Premier Benjamin Netanjahu reagierte gewohnt scharf: Er warf der EU vor, „ihren moralischen Bankrott offenbart zu haben, indem sie eine falsche Gleichsetzung zwischen israelischen Bürgern und Hamas-Terroristen vornimmt“, schrieb er auf X.
Aus Sicht von Shavit sind solche Reaktionen jedoch kontraproduktiv. In seiner Studie zieht er das Fazit, dass Europa Israel lieber mochte, als das Land als „David“ um sein Überleben kämpfte. Das moderne Israel müsse sich zwar nicht entschuldigen, ein „Goliath“ zu sein, sollte jedoch erkennen, dass ein Goliath unbeliebt wird, wenn er arrogant auftritt und glaubt, keine Verbündeten zu benötigen.