Reisners Einschätzung zur Front: „Putin erwähnt erstmals ein Kriegsende“
Oberst Markus Reisner vermutet, dass hinter dem russischen Angebot zu Friedensgesprächen ein gewisser Ernst stecken könnte. Die ukrainischen Streitkräfte verhindern nach wie vor größere Vorstöße der Kreml-Truppen. Neben dem früheren Kanzler Gerhard Schröder wird auch ein weiterer Deutscher als potenzieller Vermittler genannt.
Markus Reisner: Zum ersten Mal spricht Putin offen von einem möglichen Ende des Krieges. Eine derart deutliche Äußerung haben wir bisher nicht gehört. Nachdem Putin Schröder als Verhandlungsführer vorgeschlagen hatte, lehnte Berlin jedoch ab. Man betonte, dass Schröder nicht allein diese Rolle mit Putin übernehmen könne. Nach meinen Informationen wird nun erwogen, ob Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gemeinsam mit Schröder ein Verhandlungsduo bilden könnte.
Sind Schröder und Steinmeier aus Ihrer Sicht passende Kandidaten?
Die mediale Debatte zeigt, dass dies innenpolitisch sehr kontrovers ist, vor allem wegen Schröders engen Verbindungen zu Putin. Auch Steinmeier stand wegen seiner Russland-Nähe in der Kritik, da er als damaliger Außenminister und Bundespräsident an der Realisierung der Gaspipeline Nord Stream 2 festhielt. Berlins Haltung spielte zudem eine Rolle beim Zustandekommen des Minsker Abkommens zur Beendigung des Donbas-Konflikts. Dieses scheiterte jedoch, weil die von Moskau unterstützten Separatisten das Abkommen systematisch missachteten und der Westen Verstöße nicht konsequent ahndete.
Glauben Sie also, dass Putins Vorschlag mit Schröder mehr als reine Propaganda ist?
Das ist möglich, aber ich bleibe äußerst vorsichtig. In den letzten Jahren gab es immer wieder vermeintliche Friedensinitiativen von russischer Seite, die sich letztlich als Luftnummern entpuppten oder dazu dienten, Zeit zu gewinnen. Auffallend ist, dass es Putin nicht allein gelang, die Ukraine zu einer Feuerpause zu bewegen. Dafür musste US-Präsident Donald Trump eingreifen. Trump hatte sich bereits zuvor als Vermittler zwischen Wolodymyr Selenskyj und Putin inszeniert. Der aktuelle Waffenstillstand, der heute endet, hat im Wesentlichen gehalten.
Wirklich? Beide Kriegsparteien berichten von Angriffen in den letzten Tagen.
Solche Verletzungen von Feuerpausen sind historisch betrachtet keine Seltenheit. Es ist schwierig, die Truppen bis auf die unterste Ebene vollständig zu kontrollieren. Besonders in der Übergangsphase zwischen intensivem Krieg und fragilem Waffenstillstand kommt es zu solchen Zwischenfällen. Dieses Hintergrundrauschen besteht auch hier. Dass weder die Ukraine noch Russland von großflächigen Angriffen sprechen, ist jedoch ein positives Zeichen.
Die unabhängigen russischen Medien Mediazona und Meduza berichten von 352.000 gefallenen russischen Soldaten seit Kriegsbeginn. Der ukrainische Generalstab meldet teils über 1000 russische Verluste innerhalb von 24 Stunden. Wie bewerten Sie diese Zahlen?
Die Zahl von 352.000 russischen Gefallenen erscheint durchaus plausibel. Eine Mitarbeiterin dieser Portale hat auch die ukrainischen Verluste recherchiert und kam auf etwa 250.000 gefallene oder vermisste Soldaten. Diese Zahlen stimmen mit jenen der USA überein, die in der Vergangenheit sehr präzise waren.
Wie setzen sich diese Zahlen zusammen?
Verluste im Krieg umfassen drei Kategorien: getötete, vermisste und verletzte Soldaten. Betrachtet man alle zusammen, sind die Verluste noch deutlich höher. Die Ukraine versucht, dies teilweise zu verschleiern. Präsident Selenskyj nennt 55.000 getötete Soldaten, was korrekt ist. Allerdings ist die Zahl der vermissten, die vermutlich ebenfalls gefallen sind, aufgrund der russischen Vorstöße in den letzten Jahren deutlich höher.
Die Ukraine trifft Ziele wie eine Ölpumpstation bei Perm, rund 1500 Kilometer von der Front entfernt. Dabei setzt sie auf neue Systeme wie den selbst entwickelten Marschflugkörper Flamingo. Wie stark verändert diese Fähigkeit den strategischen Kriegsverlauf?
Verschiedene Systeme und Rahmenbedingungen ermöglichen es, Ziele in Russland zu erreichen. Erstens baut Kiew mit Unterstützung europäischer Rüstungsfirmen weitreichende Drohnen. Zweitens verfügt die Ukraine über Eigenentwicklungen wie den Marschflugkörper Flamingo. Drittens erhält Kiew von Europa und den USA Aufklärungsdaten, um russische Ziele präzise anzugreifen. Diese Kombination erlaubt es der Ukraine auch im fünften Kriegsjahr, erheblichen Druck auf Russland auszuüben.
Woran erkennen Sie, wie stark Russland diesen Druck spürt?
Das zeigt sich eindrucksvoll an der Siegesparade, bei der Moskau aus Angst vor Drohnenangriffen mit massiven Drohungen reagierte. Dies deutet darauf hin, dass Russland keinen vollständigen Luftabwehrschirm aufgebaut hat und ukrainische Systeme immer wieder durchdringen. Ein Angriff bei diesem symbolträchtigen Ereignis hätte das russische Narrativ, der Krieg finde „woanders“ statt, erschüttert. Nach einem Telefonat Putins mit Trump intervenierten die USA, um Kiew von Angriffen abzuhalten.
Es gab Vorfälle mit ukrainischen Drohnen im lettischen Luftraum, die laut ukrainischer Darstellung mit russischer elektronischer Kriegsführung zusammenhängen. Fallen ukrainische Drohnen in den baltischen Staaten häufiger wegen russischer technologischer Überlegenheit ab?
Russland und die Ukraine setzen sich mit strategischen Luftangriffen gegenseitig unter Druck. Lange Zeit hatte Russland die Oberhand, doch mittlerweile kann die Ukraine besser mithalten und Angriffe erwidern. Es ist ein ständiges Katz-und-Maus-Spiel: Sobald eine Seite technologisch vorne liegt, kann sie zahlreiche Ziele angreifen, bis die andere nachzieht und wieder ausgleicht. Diese Luftkampagne basiert auf technischen Faktoren, die von außen kaum sichtbar sind: präzise Aufklärung, zuverlässige Navigation und Systeme, die auch bei starken Funkstörungen treffen.
Wie bewerten Sie den Absturz der ukrainischen Drohne vor diesem Hintergrund?
Russland hat seine Fähigkeiten kontinuierlich ausgebaut, etwa mit Relaisstationen und Signalverstärkern in Belarus, die als Funkkette dienen. Dadurch können russische Drohnen tief in die Ukraine eindringen, da Steuerungssignale verstärkt und weitergeleitet werden, was Störungen erschwert. Die Ukraine versucht, diese Drohnen mit Störmaßnahmen und Luftabwehr abzufangen. Dabei können Drohnen vom Kurs abkommen und in Nachbarstaaten abstürzen – zuletzt wohl ukrainische Drohnen in den baltischen Ländern. Russland nutzt solche Vorfälle propagandistisch und behauptet, die baltischen Staaten und Polen würden ihren Luftraum für ukrainische Angriffe auf russische Ziele wie St. Petersburg öffnen.
Zur taktischen Ebene: Die Ukraine gibt an, die russische Frühjahrsoffensive an mehreren Frontabschnitten durch massiven Drohneneinsatz, etwa bei Kostjantyniwka, gestoppt zu haben. Wie bewerten Sie diesen Erfolg?
Auf der taktischen Ebene hat die Ukraine mit zahlreichen Drohnen entlang der Front russische Vorstöße stark erschwert oder verhindert. Dadurch konnte die russische Frühjahrsoffensive nur wenig Boden gewinnen. Moskau reagiert, indem es den Druck auf andere Frontabschnitte verlagert, vor allem in die Regionen Charkiw, Sumy und den Süden bei Saporischschja. Die Ukraine hat somit das übliche Frühjahrsmomentum Russlands deutlich abgeschwächt.
Wie dauerhaft ist diese Lage?
In den nächsten Wochen wird sich zeigen, ob Russland an einzelnen Stellen weiter vorankommt. Insgesamt besteht auf taktischer und operativer Ebene eine Pattsituation: Keine Seite hat bislang eine überzeugende Strategie, um die Situation nachhaltig zu ihren Gunsten zu wenden. Wer sich im stark drohnendominierten Gefechtsfeld exponiert, riskiert hohe Verluste.
Bedeutet das, die Ukraine hat es trotz personeller Nachteile geschafft, Putin in Verhandlungsbereitschaft zu bringen?
Das wäre eine optimistische Interpretation. Im Kern stehen zwei Narrative gegenüber: Die Ukraine sieht im massiven Einsatz von Drohnen und Robotik einen Weg, den russischen Abnutzungskrieg zu kontern und Personalengpässe auszugleichen. Russland hingegen hält an seinen Kriegszielen fest und kämpft weiter bis zum Sieg. Gleichzeitig zeigt sich in Russland, dass der operative Fortschritt hinter den Erwartungen zurückbleibt – was durchaus zu einem Nachdenken führen kann, das meiner Ansicht nach bereits begonnen hat.
Das Interview führte Lea Verstl mit Markus Reisner