Iran rekrutiert ‚Wegwerf-Agenten‘: Experten warnen vor wachsender Bedrohung in Deutschland
Die Auswirkungen des Krieges im Iran beschränken sich offenbar nicht nur auf wirtschaftliche Folgen in Deutschland. Sicherheitsexperten warnen vor möglichen Anschlägen im Inland. Im Fokus des iranischen Mullah-Regimes stehen vor allem Angehörige der iranischen Auslandsopposition. Zudem spielen kriminelle Gruppen eine bedeutende Rolle.
Nach Angaben aus Sicherheitskreisen hat die vom Iran gesteuerte Bedrohung durch Anschläge und Spionage in Deutschland seit Beginn des Konflikts mit den USA und Israel zugenommen. Experten berichten von einer steigenden Zahl an Bedrohungen und Anschlagsplänen. Dabei nutzt der Iran vermehrt Strukturen der Organisierten Kriminalität (OK) in Deutschland, teilweise mit Verbindungen nach Skandinavien. Laut einem Bericht der „Wirtschaftswoche“ konnten deutsche Behörden seit Kriegsbeginn rund vierzig vom Iran gelenkte Sabotageakte vereiteln, darunter auch Mordanschläge. Das Magazin beruft sich auf Informationen europäischer Geheimdienste.
Konstantin von Notz, Grünen-Innenpolitiker und stellvertretender Fraktionsvorsitzender, betonte, dass die ohnehin hohe Bedrohungslage nach dem 7. Oktober nochmals deutlich zugenommen habe. „Unsere Sicherheitsbehörden und Nachrichtendienste warnen schon seit geraumer Zeit, dass die jüngste Eskalation im Nahen Osten und der zunehmende Druck auf das iranische Regime Anschläge auch in Europa und Deutschland wahrscheinlicher machen“, erklärte von Notz, der ebenfalls Vize-Vorsitzender des Parlamentarischen Kontrollgremiums der Geheimdienste (PKGr) ist. Nach der Einstufung der Revolutionsgarden als Terrororganisation durch die EU stünden auch Bundeswehrangehörige und -einrichtungen verstärkt im Fokus des iranischen Regimes, so von Notz gegenüber Reuters.
Auch SPD-Innenpolitiker Daniel Baldy, ebenfalls Mitglied im PKGr, sieht eine Verschärfung der Sicherheitslage. „Der Iran nutzt seit langem bestehende OK-Strukturen, etwa aus dem Rocker-Milieu“, sagte er gegenüber Reuters. Neu sei jedoch, dass der Iran nun zusätzlich auf sogenannte „Wegwerf-Agenten“ zurückgreift. Dabei werden junge Personen über soziale Netzwerke für geringe Geldbeträge angeworben. „Dies erhöht die ohnehin schon hohe Gefährdung insbesondere für jüdische, israelische und US-amerikanische Einrichtungen sowie Bürger in Deutschland weiter“, so Baldy.
Bayerns Innenminister Joachim Herrmann warnte davor, dass der iranische Geheimdienst Personen beschäftige, die potenziell schwere Straftaten oder sogar Anschläge in Deutschland verüben könnten. Im Gespräch mit Welt TV verwies Herrmann auf den Anschlag im April auf das israelische Restaurant Eclipse in München, bei dem der Verdacht gegen iranischstämmige Täter bestehe. „Aktuell liegen keine konkreten Hinweise auf geplante Anschläge vor, doch das Risiko ist definitiv vorhanden“, erklärte er.
„Hohe abstrakte Gefährdungslage“
Eine Sprecherin des Bundesinnenministeriums wollte keine konkrete Zunahme der Aktivitäten bestätigen, betonte jedoch, dass weiterhin eine „hohe abstrakte Gefährdungslage“ bestehe. Die Sicherheitsbehörden verfolgen Hinweise auf iranische Operationen, insbesondere gegen amerikanische und jüdische Einrichtungen sowie Regimekritiker in Deutschland. „Auch Aktivitäten iranischer Proxys sind weiterhin zu berücksichtigen“, so die Sprecherin. Als Proxys gelten Iran-nahe Gruppen wie die Hisbollah im Libanon.
Dem Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) zufolge stehen vor allem Personen aus dem Umfeld der iranischen Auslandsopposition im Fokus iranischer Nachrichtendienste. Hauptakteur ist das iranische Geheimdienstministerium MOIS, dessen zentrale Aufgabe die Überwachung und Bekämpfung oppositioneller Kräfte im In- und Ausland ist, unter anderem mittels Staatsterrorismus. Zudem sind die Revolutionsgarden (IRGC) mit ihrer Al-Kuds-Brigade in Deutschland aktiv. Das BfV hat für diese als „Transnationale Repression“ bezeichnete Vorgehensweise eine spezielle Meldestelle eingerichtet.
Besondere Besorgnis erregt bei den Behörden die neue pro-iranische Gruppierung „Harakat Aschab al-Yamin al-Islamiya“ (HAYI). Hinter dieser Organisation wird ein irakisch-schiitisches Netzwerk vermutet. Seit März 2026 bekannte sich die Gruppe zu mehreren Brandanschlägen auf jüdische und US-Einrichtungen in den Benelux-Staaten sowie Großbritannien. Personen kamen dabei bislang nicht zu Schaden. Die Gruppe drohte jedoch, ihre Anschlagsserie auszuweiten.