Desinformation und Sabotage: EU und London verhängen Sanktionen gegen russische Cyber-Angreifer
Der russische Geheimdienst versucht fortlaufend, europäische Staaten anzugreifen. Dabei wird ausgespäht, Desinformation verbreitet und Sabotage betrieben, so die EU und Großbritannien. Deshalb wurden nun zahlreiche Personen und Organisationen mit Sanktionen belegt.
Aufgrund einer Reihe von Cyberattacken haben die EU und Großbritannien koordinierte Sanktionen gegen Russland verhängt. Die EU setzte neun Personen sowie vier Organisationen auf ihre Sanktionsliste, während Großbritannien 24 Personen und Einrichtungen erfasste. Unter den Betroffenen befinden sich unter anderem hochrangige Mitarbeiter des russischen Militärgeheimdienstes GRU sowie mutmaßliche Cyberkriminelle, die mit staatlichen Stellen kooperieren. In Berlin wurde der russische Botschafter angesichts der Cyberangriffe vom Auswärtigen Amt einbestellt.
Nach Angaben aus Brüssel und London handelt es sich um das erste gemeinsame Sanktionspaket von EU und Großbritannien, das gezielt auf Cyberangriffe abzielt. Die Maßnahmen umfassen Vermögenssperren sowie Einreiseverbote. Unter den Sanktionierten befindet sich auch eine Gruppe, die sich zu Destabilisierungsversuchen gegen die Olympischen Spiele 2024 in Paris bekannt hat.
Erstmals machten EU und Großbritannien gemeinsam das 16. Zentrum des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB für einen versuchten Angriff auf kritische Infrastruktur in Polen verantwortlich. Der Angriff, der unter anderem auf das polnische Stromnetz abzielte, scheiterte, hätte laut britischen Angaben jedoch im Winter bis zu 500.000 Menschen von der Stromversorgung abschneiden können.
Die russische Cyberkampagne richtet sich laut EU seit Jahren auch gegen Deutschland, Frankreich, die Niederlande, Österreich, Finnland, Rumänien, die Slowakei und Zypern. Aus diesem Grund bestellte das Auswärtige Amt in Berlin den russischen Botschafter Sergej Netschajew ein. Cyberangriffe auf Deutschland, EU-Partner und die Ukraine seien „inakzeptabel“ und würden „entschlossen“ beantwortet, erklärte das Ministerium.
Polnische Eisenbahninfrastruktur Ziel der Attacke
Auch Frankreich plant, den russischen Botschafter in den nächsten Tagen einzuberufen. Außenminister Jean-Noël Barrot erklärte, dass sich die Angriffe gegen Ministerien, Unternehmen und Betreiber richteten. Ziel sei es gewesen, „entweder Informationen zu stehlen oder den Betrieb zu sabotieren“. Als Beispiel nannte Barrot die Eisenbahninfrastruktur in Polen.
Frankreich habe seine Verteidigungsmaßnahmen deutlich verstärkt und verfüge mit der Behörde für digitale Einflussabwehr Viginum sowie der nationalen Cybersicherheitsagentur Anssi über „eines der fortschrittlichsten Systeme in Europa und weltweit“, so Barrot. Dadurch könne Frankreich auch Desinformationskampagnen erkennen, die etwa Wahlen beeinflussen sollten.
Zu den russischen Angriffsmethoden zählt auch „Turla“ – ein Set von Werkzeugen und Vorgehensweisen, das seit 2004 für langfristige und möglichst unauffällige Spionageaktivitäten genutzt wird. Experten ordnen Turla dem FSB zu. Im Gegensatz zu dem für spektakuläre Sabotageakte bekannten GRU-Tool „Sandworm“ zielt Turla vor allem darauf ab, dauerhaft in Regierungsnetzwerke einzudringen und Informationen auszuspähen.
Französischen Behörden zufolge wurden Turla-Angriffe in rund 50 Ländern festgestellt. In Frankreich waren unter anderem die E-Mail-Konten des Verteidigungsministeriums, das Netzwerk der französischen Botschaft in Moskau sowie 2025 ein Forschungsinstitut mit Verbindungen zur Rüstungsindustrie betroffen. Die für Frankreich eingesetzten Teams gehören demnach zur Einheit 61240 des 16. FSB-Zentrums nahe Sankt Petersburg.
Parallel dazu verhandelten die EU-Außenminister in Brüssel über ein 21. Sanktionspaket gegen Russland aufgrund des Angriffskriegs gegen die Ukraine. Bundesaußenminister Johann Wadephul zeigte sich zuversichtlich, dass noch in dieser Woche eine Einigung erzielt wird. Besonders wichtig sei ein Ölpreisdeckel, der „ein sehr wirkungsvolles Instrument“ darstelle und Moskau klar mache, „wo wir stehen“.