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Sommer, Sonne, Sowjetunion – Neue Reiserouten durch Russlands Geschichte

Sommer, Sonne, Sowjetunion - Russlands neue Reiserouten

Auch im Urlaub sollen Russen ihre Geschichte mit Stolz erleben: Seit dem groß angelegten Angriff auf die Ukraine unterstützt der Kreml gezielt Reiseziele, die als besonders „patriotisch“ gelten. Schulklassen besuchen nun Monumente von „Nationalhelden“, während Touristen durch bedeutende historische Festungen schlendern können.

Während eine Schulklasse das kleine Museum zur Schlacht eines russischen Fürsten gegen westliche Kreuzritter im 13. Jahrhundert stürmt, kann der Historiker Wladimir Potresow kaum seine Freude verbergen. „Unser Museum ist zwar klein, doch wir empfangen mittlerweile jährlich rund 5500 Besucher“, berichtet der 80-Jährige voller Stolz. Grund dafür ist die Aufnahme der Ausstellung „Schlacht auf dem Eis“ in die Liste der „patriotischen“ Touristenrouten.

Seit dem Beginn des Ukraine-Kriegs 2022 bemüht sich die russische Regierung, den Stolz auf die Geschichte und militärischen Erfolge Russlands zu stärken. Die Schulwoche startet nicht nur mit Flaggenhissen und Nationalhymne, sondern es wurde auch eine Liste mit über 140 „patriotischen“ Reisezielen zusammengestellt, die historische Triumphe des russischen Imperiums und der Sowjetunion hervorheben sollen.

Auftrag zur „patriotischen Erziehung“

Museumsgründer Potresow, der vor mehr als zehn Jahren von Moskau ins Dorf Samolwa zog, empfängt die Besucher persönlich. „Die Schlacht auf dem Eis beendete die erste historische Auseinandersetzung zwischen Russland und dem kollektiven Westen“, erklärt er und verwendet dabei die Kreml-Terminologie für Moskaus Gegner in NATO und Europa. Zu den Exponaten zählen Karten und nachgefertigte Helme, die besonders die Schulkinder gerne ausprobieren.

Laut der begleitenden Lehrerin findet der Museumsbesuch im Rahmen eines Programms zur „patriotischen Erziehung“ statt. „Als nächstes steht das Denkmal für Alexander Newski am Ufer des Tschuden-Sees auf dem Plan“, erklärt sie und nennt damit den russischen Namen für den Peipussee. Die 15 Meter hohe Statue des Siegers der Schlacht wurde 2021, wenige Monate vor Beginn der russischen Offensive in der Ukraine, von Präsident Wladimir Putin eingeweiht. „Die Kinder sind begeistert davon“, betont die Lehrerin.

Die Schlacht auf dem Eis fand 1242 auf dem zugefrorenen Peipussee statt, der heute die Grenze zwischen Russland und Estland bildet. Sie endete mit dem Sieg der russischen Truppen unter dem Nowgoroder Fürsten Newski und stoppte die Expansion des katholischen Deutschen Ordens nach Osten.

Seit Beginn des Militärangriffs auf die Ukraine im Jahr 2022 investiert der Kreml verstärkt in Kunstausstellungen, die die russische Armee verherrlichen, und hat einen schulischen Lehrplan eingeführt, der die militärische Stärke Russlands hervorhebt. „Patriotische Erziehung nimmt heute einen wichtigen Platz in unserem Leben ein“, sagt Kristina Kobis, Vorsitzende des Tourismuskomitees der Region Pskow im Westen Russlands.

„Die Mutter Heimat ruft“

Die etwa 140 „patriotischen“ Reiserouten, die 2023 auf Anordnung von Präsident Putin geschaffen wurden, führen oft zu Orten von Schlachten, die die russische Armee gewonnen hat – von den Eroberungen Peters des Großen bis zum Zweiten Weltkrieg. Diese Routen sollen einen „patriotischen Ring“ bilden, der sich über Russland und die annektierten Gebiete in der Ostukraine erstreckt.

Allerdings braucht nicht jeder zusätzliche Anreize. Dmitri Schukow hat bereits Tausende Kilometer mit dem Fahrrad durch Russland zurückgelegt und startet nun zu einer neuen 10.000 Kilometer langen Reise von Pskow bis Wladiwostok im Fernen Osten. „Ich konzentriere mich hauptsächlich auf die Natur, doch auch in den Städten gibt es viel zu entdecken“, sagt der 37-Jährige.

Zu den Denkmälern, die er besuchte, zählt die beeindruckende Statue „Die Mutter Heimat ruft“ in Wolgograd. Die Stadt war unter dem Namen Stalingrad Schauplatz einer der entscheidenden Schlachten des Zweiten Weltkriegs.

Inlandsreisen fast verdoppelt

„Als ich das Denkmal ‚Die Mutter Heimat ruft‘ besuchte, haben mich die Musik und die Atmosphäre tief berührt – die Stimme begann zu zittern und mir traten Tränen in die Augen“, erinnert sich Schukow an seinen Besuch.

Für viele Russen sind Reisen im eigenen Land inzwischen die einzige Option. Westliche Staaten haben seit Beginn des Ukraine-Kriegs Direktflüge aus Russland eingestellt, und zahlreiche EU-Länder schränken die Visavergabe für russische Touristen ein. Im Jahr 2025 erreichte die Zahl der Inlandsreisen fast 174 Millionen – ein Zuwachs von 43,5 Prozent gegenüber 2021, so Analysten der staatlichen Sberbank.

Irina, eine Ärztin aus Krasnodar, zählt zu den Inlandsreisenden. „Warum sollte ich woandershin fahren, wenn sich hier alles finden lässt?“, fragt die 59-Jährige beim Besuch einer Festung aus dem 14. Jahrhundert in der Stadt Isborsk. „Ich war noch nie in Europa, doch ich sehe keinen Grund, dafür zu verreisen.“