Kremls verdeckte Truppenverstärkung: So füllt Russland seine Armee heimlich auf
Um die erheblichen Verluste an der Front in der Ukraine auszugleichen, benötigt Russland eine steigende Zahl an Soldaten. Eine offene Mobilisierung scheint für Präsident Putin derzeit keine Option zu sein. Daher erfolgt die Truppenverstärkung auf verdeckte Weise.
In den letzten Wochen kursieren auf russischen Telegram-Kanälen immer wieder ähnliche Aufnahmen: Männer in ziviler Kleidung, eng zusammengedrängt in weißen Kleinbussen. Frauen, die sich vor die Fahrzeuge stellen, um deren Abfahrt zu verhindern. Uniformierte, die aufgebrachte Passanten zur Rede stellen. Der Schauplatz ist die Oblast Pensa, eine rund 600 Kilometer südöstlich von Moskau gelegene Region, die sich in den letzten Wochen zum Symbol eines Phänomens entwickelt hat, das Experten als „Schattenmobilisierung“ bezeichnen.
Nach Berichten unabhängiger Medien und Menschenrechtsorganisationen greifen Wehrämter in Pensa unter Mitwirkung von Sicherheitskräften systematisch Männer ab – auf offener Straße, in Bussen oder bei Verkehrskontrollen – mit dem Ziel, sie zur Unterzeichnung eines Vertrags mit dem Verteidigungsministerium zu bewegen. Ein Mann aus der Kleinstadt Sursk berichtete dem Portal Mediazona, dass Polizisten ihn unter dem Vorwand einer fehlenden Meldeadresse zum Wehramt brachten, wo er Formulare für eine angebliche „Datenerfassung“ unterschrieb – in Wahrheit jedoch einen Militärvertrag. Noch am selben Tag wurde er nach Rostow-am-Don gebracht und kurze Zeit später an die Front in der Ukraine versetzt, wo er verwundet wurde.
Ein weiterer Fall aus der Stadt Nischni Lomow verlief ähnlich: Laut seiner Partnerin wurde die betroffene Person über Rostow in die von Russland besetzte ukrainische Stadt Mariupol gebracht. Trotz einer Epilepsie-Diagnose bestand er dort den medizinischen Eignungstest.
Solche „Razzien“ finden in Pensa inzwischen alle paar Tage statt, berichtet die exilrussische Organisation „Idite Lesom“, die Menschen bei der Flucht vor dem Wehrdienst unterstützt. Sie dokumentiert allein aus dieser Region dutzende Fälle. Besonders oft betroffen sind Personen mit Schulden oder Vorstrafen. Die Behörden weisen diese Vorwürfe zurück und betonen, dass die Rekrutierung von Vertragssoldaten ausschließlich auf freiwilliger Basis erfolge.
Geheime Mobilisierungstaktiken
Besonders auffällig ist die wiederkehrende Rolle Rostow-am-Don als Zwischenstation. Bereits während der Teilmobilisierung 2022 diente die Stadt als Sammel- und Ausbildungszentrum. Auch aktuell werden Betroffene aus Pensa offenbar dorthin gebracht, bevor sie an die Front weitergeleitet werden. Dies deutet eher auf ein koordiniertes, regionsübergreifendes Vorgehen hin statt auf isolierte lokale Vorfälle. Der Begriff „Busifizierung“, ursprünglich in der Ukraine geprägt, wird inzwischen auch auf diese russischen Ereignisse angewandt.
Der Verzicht des Kremls auf eine offizielle Mobilisierung hat politische Gründe: Als Putin im September 2022 eine Teilmobilisierung anordnete, flohen Hunderttausende Männer, und die Bilder von den Grenzen wurden zum Symbol für innenpolitische Sprengkraft. Die US-Denkfabrik Institute for the Study of War (ISW) bewertet die aktuellen Entwicklungen daher als „verdeckte Mobilisierung“: Der Kreml kompensiere Verluste, ohne eine neue Massenmobilmachung auszurufen. Diese Maßnahme ist nötig, weil im Januar 2026 laut ISW die Zahl der neu rekrutierten Soldaten erstmals unter die Verlustzahlen fiel. Zudem verpflichtet ein Dekret aus der Region Rjasan vom März größere Unternehmen, Mitarbeiter für Militärverträge zu benennen – was den Unmut eher gegen Arbeitgeber und regionale Behörden lenkt als gegen die Moskauer Regierung.
Seit Ende Juni kommt ein weiterer Unsicherheitsfaktor hinzu: Nach Berichten der Portale Meduza, iStories und Verstka wird innerhalb der Armee auf mehreren Ebenen offen über eine neue Rekrutierungswelle diskutiert. Eine Entscheidung steht noch aus, doch ein Mitarbeiter einer Rekrutierungsbehörde berichtete iStories von Vorbereitungen für Maßnahmen, die offiziell nie als Mobilmachung bezeichnet werden sollen. Als möglicher Zeitpunkt wird der Oktober nach den Duma-Wahlen genannt.
Telefonischer Druck auf Frauen
Das zugrundeliegende Problem bleibt der Personalmangel: Laut Russland-Experten Janis Kluge von der Stiftung Wissenschaft und Politik wurden im ersten Quartal 2026 täglich nur noch etwa 800 neue Militärverträge abgeschlossen – der niedrigste Wert seit drei Jahren. Bemerkenswert ist, dass solche Gerüchte überhaupt aus dem Machtapparat nach außen dringen – ein Hinweis darauf, dass Putins Versprechen gegen eine Generalmobilmachung ins Wanken gerät. Das Mobilisierungsdekret von September 2022 wurde bislang formal nicht aufgehoben.
Neu hinzugekommen ist eine bislang wenig beachtete Zielgruppe: Frauen. Laut dem ukrainischen Portal Obozrevatel und der exilrussischen Nachrichtenseite Verstka erhalten immer mehr Frauen Anrufe mit Vertragsangeboten – oft von Callcentern oder Nummern, die als Freiwilligenorganisationen getarnt sind. Ein Fall aus Kaliningrad, den eine Betroffene auf Instagram schilderte, verdeutlicht die Ausmaße: Sie wurde vom Wehramt angerufen mit dem Hinweis, dass ihr Kind einen Kindergartenplatz erhalten habe – im Gegenzug bot man ihr einen Vertrag über mehrere Millionen Rubel an. Als sie ablehnte und ihr Kind als Grund anführte, wurde ihr entgegnet, der Staat werde sich darum kümmern. Sie ist weder wehrpflichtig noch Medizinerin, sondern Fleischverarbeitungstechnologin; andere Nutzerinnen berichteten von ähnlichen Anrufen.
Recherchen von Verstka zeigen, dass hinter diesen Anrufen ein professionell organisiertes System steckt. Private Agenturen mit Verträgen zu einzelnen Wehrämtern beschäftigen eigene „Manager“, häufig Frauen, teils in Elternzeit, die über Telegram und VKontakte – eine Art russisches Facebook – werben und Anrufe entgegennehmen. Behörden, etwa in der Region Stawropol, bestätigten offiziell, dass solche Anrufe derzeit stattfinden. Im Gegensatz zu den Razzien in Pensa handelt es sich hierbei nicht um Zwang, sondern um ein aggressives Vertriebssystem, bei dem Vermittler pro Vertragsabschluss bezahlt werden. Im Fokus stehen vor allem Frauen unter 45 ohne Kinder sowie medizinisches Personal. Dass auch fachfremde Frauen angesprochen werden, weist auf eine Ausweitung der Zielgruppe hin.
Ein Wiederholen von 2022 soll vermieden werden
Neben den gut dokumentierten Fällen aus Pensa mehren sich Berichte über ähnliche Vorfälle in anderen Regionen. Diese sind jedoch derzeit nicht verlässlich einzuordnen: Es handelt sich meist um Einzelaussagen ohne unabhängige Verifikation durch mehrere Medien, Menschenrechtsorganisationen oder geprüfte Videos, wie sie für Pensa vorliegen. Auffällig ist jedoch, dass solche Meldungen in den letzten Wochen vermehrt auftauchen. Ob dies eine tatsächliche Ausweitung der Praxis oder eine gesteigerte Aufmerksamkeit für ein länger bestehendes Phänomen widerspiegelt, lässt sich anhand der aktuellen Quellenlage nicht abschließend beurteilen.
Das Vorgehen in Pensa folgt einem erkennbaren Muster: Männer werden unter Druck oder durch Täuschung zur „freiwilligen“ Unterschrift eines Vertrags gedrängt und über Rostow an die Front geschickt. Frauen werden vermehrt durch Callcenter kontaktiert, während im Hintergrund Gerüchte über eine Mobilisierung nach den Wahlen zunehmen – all das ohne offizielle Ankündigung einer neuen Mobilisierungswelle durch den Kreml. Ob sich dieses Muster auf weitere Regionen ausweitet, bleibt unklar. Sicher ist nur: Je länger der Krieg andauert und je knapper die personellen Ressourcen werden, desto größer wird der Druck auf den Kreml, die Armee aufzufüllen, ohne an die belastenden Bilder von 2022 zu erinnern.