Einsparungen fraglich: Ärzte und Ökonomen lehnen Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag ab
Die geplante Regelung von Schwarz-Rot, die eine Krankschreibung bereits ab dem ersten Krankheitstag vorsieht, stößt auf breite Kritik: Mediziner und Fachleute warnen vor überfüllten Praxen, einer Zunahme von Infektionen und möglicherweise längeren Krankheitszeiten – trotz der verschärften Maßnahmen der Regierung.
Stefan Schwartze, Patientenbeauftragter der Bundesregierung, äußerte sich skeptisch zur vorgesehenen Pflicht, am ersten Krankheitstag einen Arzt aufzusuchen. „Bei vielen Erkrankungen stellt der Besuch in der Praxis eine unnötige Belastung dar und steigert die Gefahr der Ansteckung“, erklärte der SPD-Politiker gegenüber den Funke-Medien. Außerdem zeigte er sich kritisch gegenüber dem geplanten Ende der telefonischen Krankschreibung.
Nach Schwartzes Einschätzung könnte die neue Regelung dazu führen, dass mehr Beschäftigte trotz Krankheit zur Arbeit gehen, nicht ausreichend genesen und dadurch letztlich längere Fehlzeiten entstehen. Er appellierte an die Politik, digitale und telemedizinische Angebote weiter auszubauen.
„Eine Katastrophe für die Praxen“
Markus Blumenthal-Beier, Bundesvorsitzender des Hausärzteverbandes, warnte ebenfalls vor den Folgen der Regierungspläne: „Für unsere Praxen bedeutet das eine enorme Belastung“, sagte er den Funke-Zeitungen. Wenn Arbeitnehmer künftig bereits am ersten Krankheitstag ein Attest benötigen, müssten die Praxen mit einem massiven Anstieg der Patientenzahlen rechnen. Besonders chronisch und schwer Erkrankte würden darunter leiden, weil dann weniger Zeit für ihre Versorgung bleibe.
Nicola Buhlinger-Göpfarth, Bundesvorsitzende des Hausärzteverbandes, bezeichnete die geplanten Änderungen als „reine Symbolpolitik“. „Diese Maßnahmen werden weder die Krankheitszahlen senken noch Missbrauch verhindern“, erklärte sie gegenüber der „Rheinischen Post“. Würde man tatsächlich Missbrauch bekämpfen wollen, müsste man die unregulierte Ausweitung verschiedener Videosprechstunden stark einschränken, da dort teilweise aggressiv mit schnellen und unkomplizierten Krankschreibungen geworben werde.
Im Gegensatz dazu sei die telefonische Krankschreibung bei Hausärzten an die persönliche Kenntnis der Patienten gebunden, erläuterte Buhlinger-Göpfarth. „Das ist der beste Schutz vor Betrug. Wir kennen unsere Patienten gut und können einschätzen, wann tatsächlich eine Erkrankung vorliegt und wann andere Gründe dahinterstecken.“
Weitere Ursachen für hohe Fehlzeiten
Daniel Graeber, Ökonom am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), warnt sogar davor, dass die verschärften Regeln von Union und SPD den Krankenstand erhöhen könnten. Eine Pflicht zur Vorlage eines Attests am ersten Krankheitstag könnte die Zahl der Praxisbesuche steigern und dadurch das Infektionsrisiko in Wartezimmern erhöhen. „Wenn infolgedessen Beschäftigte trotz leichter Infekte zur Arbeit kommen, könnten sich Ansteckungen am Arbeitsplatz ausbreiten und zu mehr Fehlzeiten führen, als wenn die Betroffenen zuhause geblieben wären“, so Graeber.
Ein direkter Zusammenhang zwischen den hohen Krankenständen der letzten Jahre und der seit Ende 2023 möglichen telefonischen Krankschreibung lasse sich laut Graeber nicht feststellen. Daten der Krankenkasse Barmer zeigten keine Hinweise auf einen Anstieg der Arbeitsunfähigkeitsfälle durch Telefon- oder Video-Krankschreibungen. Der Anteil dieser digitalen Krankschreibungen lag lediglich bei etwa 0,8 bis 1,2 Prozent aller Bescheinigungen.
Wichtiger seien andere Faktoren wie die umfassendere Erfassung von Krankmeldungen durch die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU), starke Infektionswellen und langwierige Erkrankungen. So verursachten Langzeiterkrankungen von mehr als sechs Wochen im Jahr 2024 rund 40 Prozent aller Fehlzeiten, obwohl sie nur einen kleinen Teil der Krankmeldungen ausmachten. Häufig handele es sich dabei um Muskel-Skelett- oder psychische Erkrankungen. Hier könne eine stärkere gesundheitliche Prävention effektiver helfen, betonte Graeber.
Die Spitzen der schwarz-roten Koalition hatten sich am Mittwochabend im Koalitionsausschuss auf umfassende Änderungen bei der Krankschreibung verständigt. Die telefonische Krankschreibung soll abgeschafft werden. Gleichzeitig soll ab dem ersten Krankheitstag die Vorlage einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung verpflichtend werden. Die genaue Umsetzung dieser Vorgaben steht jedoch noch aus.