Drohnen und KI in der Kriegsführung: Russland punktet mit Masse, die Ukraine mit Tempo
Russland besitzt eine größere Anzahl an Soldaten, mehr Panzer und umfangreichere Produktionskapazitäten. Dennoch gelingt es der Ukraine wiederholt, technologische Neuerungen schneller an die Front zu bringen – mit zunehmendem Erfolg. In Kiew wird deutlich, wie das Land Hightech-Unternehmen und militärische Einsätze miteinander verknüpft.
Etwa eine halbe Stunde außerhalb von Kyjiw lässt sich an einem speziell mit Hindernissen ausgestatteten Feldtag die Zukunft der Kriegsführung erahnen. Über dem Testgelände neben einer Militärbasis fliegen die modernsten Luft- und Bodendrohnen. Rund um den Parcours haben Entwickler sowie Start-ups ihre Stände aufgebaut, präsentieren Prototypen und werben um das Interesse von Kommandeuren und Militärvertretern. Drohnen sind längst nicht mehr die einzigen Protagonisten: Auch Anti-Drohnen-Systeme, Schwärme von Marinedrohnen und autonome Kriegsführung stehen im Fokus.
Veranstaltet wurde die Demonstration vom ukrainischen Accelerator Defence Builder, einem speziell eingerichteten Rüstungsprogramm. Zwar handelt es sich momentan noch um eine reine Vorführung, eine von zahlreichen Tests, die wöchentlich in der Ukraine stattfinden. Das hochkarätige Publikum zeigt jedoch, dass es hier um mehr als eine technische Präsentation geht. In einem Krieg, der zunehmend von der Geschwindigkeit technologischer Innovationen bestimmt wird, können solche Events darüber entscheiden, wer schneller lernt – und somit einen entscheidenden Vorteil erhält.
Wenn Anwender zu Mitentwicklern werden
Vor einem Stand erläutert Yuriy Humenchuk vor Soldaten, Kommandeuren und Vertretern des Nato-Büros in Kiew das neueste Produkt seiner Firma Trident Group: ein modulares KI-System für Angriffs- und Aufklärungsdrohnen. Dieses soll ukrainischen Drohneneinheiten ermöglichen, auch unter elektronischer Kriegsführung des Gegners einsatzfähig zu bleiben. So kann eine Kamikaze-Drohne in den letzten Sekunden ohne Verbindung zum Piloten selbstständig ihr Ziel ansteuern.
Humenchuk wirbt jedoch nicht nur für das Produkt, sondern informiert die anwesenden Einheiten auch darüber, welche Anpassungen das Team seit den letzten Feldtests vorgenommen hat und wie das Feedback der Drohnen-Kampfeinheiten direkt in die Weiterentwicklung eingeflossen ist. Denn genau darum geht es: Die Endnutzer sind aktiv in den Entwicklungsprozess eingebunden.
Auf dem Testfeld steht Vlad, Kampfname „Pirat“, und verfolgt den Start der KI-gesteuerten Drohne der Trident Group. „Ich unterstütze verschiedene Brigaden sowie das Verteidigungs- und Innenministerium als Berater der Luftoperationen. Ich bin überall und gleichzeitig nirgendwo.“ Seit 2022 pendelt er monatlich zwischen Front und Hinterland, organisiert Technologietests und bringt Entwickler mit Militär zusammen – so entsteht ein neues Innovationsökosystem mit kurzen Wegen.
„Je weiter man von der Front entfernt ist, desto später erhält man aktuelle Informationen. Das ist leider eine Art ungeschriebenes Gesetz“, erklärt Vlad. Wer wirklich verstehen wolle, was benötigt wird, müsse regelmäßig an die Front. Für ausländische Firmen ist das meist unmöglich. Auch ukrainische Hersteller haben oft Schwierigkeiten, den Kontakt zu den Einheiten im Einsatz aufrechtzuerhalten. Deshalb braucht es eine Schnittstelle, die den Austausch zwischen Front und Technologieentwicklung beschleunigt. Vlad übernimmt genau diese Rolle.
Technische Ausfälle gehören dazu
Rund um das Testgelände fährt ein modifizierter BRDM-2M, ein sowjetischer Spähpanzer. Gesteuert wird das Fahrzeug jedoch nicht vom Fahrersitz, sondern aus einem kleinen Zelt des estnischen Start-ups Telearmy. Ein Mitarbeiter steuert einen Nissan-Allradler sogar aus etwa tausend Kilometern Entfernung in Tallinn über das Gelände. Das Team hat eine Lösung für die nahtlose Fernsteuerung militärischer und ziviler Fahrzeuge entwickelt, die verschiedene Funknetzwerke parallel nutzt, um auch in Gefechtssituationen eine stabile Verbindung zu gewährleisten.
Die Bedingungen könnten hinsichtlich der Kommunikation kaum realitätsnäher sein: Aufgrund anhaltender russischer Angriffe auf die Hauptstadt kommt es in der Region immer wieder zu Netzausfällen – vergleichbar mit Störungen an der Front. Vor den Augen der Militärs bricht die Verbindung ab, Techniker greifen ein, beheben Fehler und starten Systeme neu. Die Kommunikation zwischen Fahrzeug und Pilot läuft noch nicht reibungslos. Entscheidend ist jedoch die dahinterstehende Idee und ihr Entwicklungspotenzial.
Mit ihrer Technologie will das Team um Mitgründerin Tuuli Tolmats eines der größten Probleme an der Front und in der ukrainischen Rüstungsindustrie lösen: Luftdrohnen greifen alles an, was sich bewegt. Der Verschleiß an Fahrzeugen und das Risiko für die Fahrer ist enorm. Ein System, das jedes Fahrzeug in eine Drohne verwandeln kann, würde Logistik- und Evakuierungsprozesse deutlich schneller und kostengünstiger automatisieren als der Bau komplett neuer Plattformen. Vlad bestätigt den Ansatz von Telearmy: „Das Hauptproblem an der Front ist aktuell die Logistik, da viele Fahrzeuge vorhanden sind, aber es an Fahrern mangelt.“
Vier Monate Entwicklung – nun der Praxistest
Wenige Wochen später, in einer Tiefgarage in Kiew, dominieren statt Uniformen nun dunkle Anzüge, Poloshirts und weiße Sneaker das Bild. Zwischen Messeständen mit Drohnen, Sensoren und Software wird Espresso serviert, und die Unternehmen präsentieren erneut ihre Ideen – diesmal jedoch vor Investoren. Über vier Monate hinweg haben mehr als 30 Mentoren mit Erfahrung in Verteidigung und Unternehmensgründung eng mit den Start-ups zusammengearbeitet. Unterstützt wurden sie von einem Netzwerk aus Investoren, Anwälten, Rüstungsherstellern, staatlichen Stellen, dem Büro der Europäischen Kommission in Kiew sowie der Nato-Delegation in der Ukraine.
Die Dänin Line Rindvig, CEO des Defence Builder Accelerators, begrüßt die Gäste: „Heute endet unser viermonatiges Beschleunigungsprogramm. Die Unternehmen hatten die Möglichkeit, ihre Lösungen Militär, Investoren und Rüstungsfirmen vorzustellen und ihre Fortschritte zu präsentieren. Solche Gespräche sind essenziell – sie können Partnerschaften hervorbringen, die an der Front wirklich einen Unterschied machen.“
Bemerkenswert sei, dass keine der neuen Technologien sofort einsatzbereit sei. Sobald die Ausrüstung bei den Einheiten ankomme, müsse sie fast immer umgebaut, angepasst und erweitert werden. Rindvig betont: „Das zeigt, dass wir zwar eine Standardisierung anstreben können, aber je nach Mission, Einsatzart und Nähe zum Feind sind individuelle Anpassungen nötig – was mehrere Tage in Anspruch nehmen kann.“
Volodymyr „Dym“, Kommandeur des „Black Raven“ Bataillons für unbemannte Systeme der 93. Brigade, richtet eine Bitte an die Hersteller: „Bitte nutzt das Zeitfenster, das uns durch das Abschalten von Starlink eröffnet wurde.“ Der Feind arbeite zwar ebenfalls an Lösungen, wenn auch langsamer, so der Kommandeur. Er weiß auch: Sollte Musk das satellitengestützte Internet für die Ukraine deaktivieren, stünde das Land vor demselben Problem wie der Gegner.
Kein klassischer Wettbewerb
An den Kaffeetischen dreht sich fast jedes Gespräch um dieselbe Frage: Wie lässt sich der Weg von Problem zu Lösung verkürzen? Zentral dabei ist Marko Kushnir von General Cherry. Die Firma zählt zu den größten ukrainischen Drohnenherstellern und ist der wichtigste Partner der Veranstaltung: Jeweils 25.000 US-Dollar hat sie den vier vielversprechendsten der neun teilnehmenden Start-ups verliehen, darunter auch der Trident Group. Das KI-System sei für die eigenen Drohnen von Interesse, erklärt Kushnir. „Wir sind sehr offen für die Zusammenarbeit mit diesen kleinen Teams und teilen Ressourcen sowie Know-how.“
„Unser größter Konkurrent ist nicht ein anderes ukrainisches Rüstungsunternehmen, sondern die russische Rüstungsindustrie. Deshalb herrscht hier kein klassischer Wettbewerb, denn uns verbindet ein gemeinsames Ziel: Russland militärisch zu besiegen“, sagt Kushnir. „Entscheidend ist vor allem das Rennen um die beste Technologie – und das findet auf beiden Seiten statt.“
„Dezentral entwickeln, zentral skalieren“
Anton Verkhovodov von der Risikokapitalfirma D3 – Dare to Defend Democracy – sieht den Erfolg der Ukraine in diesem dezentralen Ansatz begründet. „Für Innovationen braucht es Dezentralisierung, für deren Skalierung einen zentralen Ansatz.“ Die Ukraine habe dies bereits gemeistert, so Verkhovodov. „Würde ich ein Buch darüber schreiben, nannte ich es ‚Der ukrainische Weg‘.“ Während die Ukraine auf private Initiativen zur Entwicklung neuer Lösungen setze, gingen viele Nato-Armeen noch den entgegengesetzten Weg: „Sie definieren zunächst ihre Anforderungen und beauftragen dann die Industrie – was oft wenig überzeugende Resultate bringt.“
In der Ukraine sei man von Anfang an gezwungen gewesen, Innovationen mit eigenem Kapital voranzutreiben – dieser Weg zahle sich nun aus. „Die Innovationen stammen vor allem aus der Privatwirtschaft. Die Regierung schafft die richtigen Rahmenbedingungen und integriert die Innovationen.“ Start-ups würden gezielt gefördert und Entwickler mit Militärs vernetzt. „So gelangen neue Technologien schnell zu den Truppen – und die Soldaten lernen, sie optimal einzusetzen.“
Angst, dass Russland aufholen könnte, hat Verkhovodov nicht: „Wir fürchten nicht, dass Russland unser Ökosystem kopiert.“ Die Russen seien zwar Meister im Skalieren, doch „jetzt, wo wir unser Land zurückerobern, funktioniert unser System besser.“ Es lasse sich nicht einfach auf China oder Russland übertragen, da dort die kulturellen und gesellschaftlichen Voraussetzungen anders seien, so Verkhovodov. „Dort fehlen vor allem horizontale Verbindungen wie bei uns.“