Reisners Analyse der Front: „Die Drohnenangriffe spiegeln den Einfluss von Trumps Tech-Bros wider“
Seit mehreren Tagen richten die ukrainischen Streitkräfte hunderte Drohnenangriffe auf die Nachschublinien der Halbinsel Krim. Dieser Plan, der vor drei Jahren noch scheiterte, gewinnt nun an Erfolgschancen. Oberst Reisner sieht darin eine neue Dynamik, da Kiew Unterstützung von Trumps Tech-Bros erhält.
Markus Reisner: Erinnern Sie sich an die Sommeroffensive der Ukraine im Jahr 2023? Damals scheiterte der Versuch, mit zwei Landangriffen bis zum Asowschen Meer vorzudringen, kombiniert mit Angriffen auf die Kertsch-Brücke. Ziel war es, die Krim von der Versorgung abzuschneiden und durch diesen Druck Wladimir Putin zu Verhandlungen zu zwingen.
Dieser Plan schlug damals fehl.
Weder gelang es, die Kertsch-Brücke zu zerstören, noch zeigten die Landangriffe die erhoffte Wirkung. Heute ist bekannt, dass General Saluschnyj, der damalige Oberbefehlshaber, bereits vier Tage nach Beginn der Offensive wegen hoher Verluste den Abbruch anordnen musste. Bemerkenswert ist, dass die Ukraine nun erneut dasselbe Ziel verfolgt – diesmal jedoch mit Drohnen, was den Krieg ins 21. Jahrhundert katapultiert.
Welche Rolle spielen die Drohnen konkret?
Teilweise KI-gesteuert, zielen sie darauf ab, die Nachschubwege zur Krim zu unterbrechen. Gleichzeitig bereitet die Ukraine offenbar neue Angriffe auf die Kertsch-Brücke vor. Das Ziel bleibt unverändert: Die Krim logistischerseits zu isolieren, um den Druck auf Russland zu erhöhen und Verhandlungen zu erzwingen.
Wie weit ist dieser Prozess fortgeschritten? Stehen die Ukrainer noch am Anfang oder sind sie schon weit vorangekommen?
Videos deuten darauf hin, dass täglich etwa 10 bis 30 russische Fahrzeuge zerstört werden, was rund 100 Angriffen pro Tag entspricht. Das übt enormen Druck auf die russische Logistik aus.
Sie betonen stets, dass ein Erfolg erst messbar sein muss. Gibt es bereits spürbare Auswirkungen der Zerstörungen?
Zwar lässt sich der tatsächliche Treibstoffbedarf der russischen Truppen auf der Krim nicht genau bestimmen, doch ist erkennbar, dass der Treibstoff dort rationiert wird und für Zivilisten nicht mehr verfügbar ist. Demnach sind die abgefangenen Treibstoffkonvois bereits in einem Umfang, der für die Russen schmerzhaft und messbar ist.
Der Drohnentyp Hornet wird oft erwähnt. Wird er bei den Angriffen eingesetzt?
Man unterscheidet zwischen strategischen Drohnenangriffen auf weit entfernte Ziele wie Raffinerien, Energieanlagen oder Moskau und operativen Angriffen, etwa auf die Versorgung der Krim. Bei letzteren kommen sogenannte Mid-Range-Systeme wie die Hornet zum Einsatz, die dank KI Ziele autonom anvisieren und gezielt einschlagen können.
Und das zu sehr günstigen Kosten.
Mit Herstellungskosten von etwa 5000 Dollar pro Stück ist die Hornet vergleichsweise preiswert und kann in großen Stückzahlen produziert werden. Dadurch können die Ukrainer den Druck konstant aufrechterhalten. Ein Video zeigt einen Hornet-Angriff, bei dem ein russischer LKW im letzten Moment ausweicht. Die Hornet entstand in Zusammenarbeit internationaler Unternehmen und einer ukrainischen Drohneneinheit, den sogenannten Wild Hornets. Ähnlich wie bei den Hornets gab es auch auf strategischer Ebene kürzlich mehrere Angriffswellen mit mindestens 300 Drohnen pro Tag, was einen enormen Unterschied bewirkt hat.
Wie kommt die Ukraine gerade jetzt zu dieser Fähigkeit, solche Effekte zu erzielen?
Ich bin überzeugt, dass die Ukraine derzeit umfassende Unterstützung von amerikanischen Tech-Giganten erhält. Beispiele sind Maven und Prisma von Palantir, die bei Zielerfassung und Raketenabwehr helfen. Das Hornet-Projekt geht unter anderem auf Eric Schmidt zurück, den langjährigen Google-CEO, der der Ukraine eine langfristige Zusammenarbeit angeboten hat. Dieses Format ist ein Ergebnis dieser Kooperation.
Welche Rolle spielt Schmidt konkret? Ist er Investor?
Er agiert vor allem als stiller Investor, doch es gibt auch einen Auftrag von US-Präsident Donald Trump an Persönlichkeiten wie Schmidt und Palantir-Chef Alex Karp, die Ukraine zu unterstützen. Nachdem das US-Militär bei Abnutzungskrieg und Waffenlieferungen an Grenzen stößt, zeigt sich hier die Handschrift von Trumps sogenannten Tech-Bros. Elon Musk legte mit Starlink den Grundstein.
Ist die Abhängigkeit von US-Firmen dadurch sehr direkt?
Ja. Beispielhaft sei Maven von Palantir genannt: Das Programm wertet mehrfach täglich Satellitenbilder, unter anderem vom US-Militär, aus, um Abweichungen zu erkennen. So kann die Ukraine genau feststellen, wo russische Flugabwehrstellungen sind, wo Ziele getroffen wurden und wo nicht. Darauf basieren weitere Angriffspläne. Häufig dient eine erste Drohnenwelle als Köder für russische Flugabwehr, deren Standorte anhand der Detektionssignale erfasst werden. Die zweite Welle zerstört die Abwehrsysteme, damit die dritte ungehindert zuschlagen kann. Der gesamte Ablauf ist KI-gestützt.
Wie reagieren die Russen darauf?
Sie errichten zusätzliche Pontonbrücken zur Krim, um ihre Versorgung zu dezentralisieren. Konvois werden eskortiert, Transporter mit Zebramustern getarnt, um die Bilderkennungssoftware der Drohnen zu täuschen. Tanklaster werden als Holztransporter getarnt, indem Baumstämme aufgemalt werden. Doch die Russen kämpfen gegen KI – das ist bemerkenswert.
Wird die Täuschung von der KI erkannt?
Nach Angaben ukrainischer Kameraden kann der Mensch eingreifen, wenn die KI Täuschungen nicht erkennt. Dank Starlink kann der Drohnenpilot die Kontrolle übernehmen und den Angriff überwachen – das nennt man human on the loop. So bleibt der Mensch weiterhin handlungsfähig.
Funktioniert die russische Abwehr nur eingeschränkt?
Die Ukrainer erzielen mit ihren Angriffen auf die wichtigsten Brücken im Norden der Krim große Erfolge. Die drei zentralen Brücken bei Armiansk, Henichesk und Chongar sind stark beschädigt. Ein historisches Problem der Ukraine war die Skalierung ihrer Entwicklungen, also die Produktion großer Stückzahlen. Das hat sich geändert: Seit dem 18. Juni gab es mindestens fünf große Angriffswellen mit über 300 bis 500 Drohnen auf russisches Gebiet. Das zeigt, dass die Ukraine zusammen mit ihren Verbündeten in der Lage ist, Drohnen in großen Mengen zu produzieren und umfassende Offensiven sowohl auf strategischer als auch operativer Ebene durchzuführen – vor allem in der Luftdomäne und nahezu ausschließlich mit Drohnen.