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Bedrohung aus Belarus? Im Westen herrscht Stille an der Grenze

Angriff aus Belarus? In Westen herrscht Funkstille

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj warnt seit Wochen vor einem möglichen Angriff aus Belarus und verlangt den Abbau von Signalverstärkern im Grenzgebiet. Mindestens eine dieser Anlagen soll sich im Westen des Landes befinden. Die Grenzschützer dort haben seit Langem keinen Kontakt zur Gegenseite.

Bereits viele Kilometer vor der ukrainisch-belarussischen Grenze, nördlich der Stadt Luzk, stehen erste Barrikaden auf einer Straße. Mehrere Soldaten kontrollieren den Verkehr, der sich hier jedoch auf wenige Autos, Lkw und Busse beschränkt. Ohne entsprechende Genehmigung ist die Durchfahrt verboten. Obwohl die Front im Osten des Landes weit entfernt ist, erinnert die Region Wolyn (Wolhynien) dennoch an ein Kriegsgebiet.

Wiederholt sich ein solches Szenario? Die ukrainische Regierung hat dies in den letzten Wochen mehrfach angedeutet. Russland wolle Belarus verstärkt in den Krieg involvieren, so die Einschätzung. Minsk hingegen betont, keine Angriffsabsichten zu haben.

Kürzlich warf Präsident Selenskyj dem nördlichen Nachbarn vor, mindestens vier Signalverstärker für russische Drohnen an der Grenze installiert zu haben. Von Diktator Alexander Lukaschenko forderte er deren Entfernung binnen einer Woche – andernfalls werde die Ukraine selbst aktiv. Die Anlagen sollen sich in den belarussischen Regionen Gomel und Brest befinden und Angriffe auf die ukrainischen Gebiete Schytomyr, Riwne und Wolyn ermöglichen.

Die belarussische Region Brest teilt mit dem ukrainischen Wolyn eine rund 200 Kilometer lange Grenze. In den Wäldern nördlich von Luzk sind zahlreiche Bunkeranlagen mit Schießscharten sowie Schützengräben zu erkennen. In den vergangenen Jahren entstanden offenbar mehrere Verteidigungslinien.

Herausforderndes Terrain

Die ukrainischen Grenzschützer bezweifeln, dass belarussische Truppen hier im Westen nahe der polnischen Grenze einen Bodenvormarsch starten. Das sumpfige Terrain erschwert ein Vorstoßen erheblich. Sollte es zu einem größeren Angriff kommen, wird dieser vermutlich eher weiter östlich stattfinden. Dennoch bereiten sich die Ukrainer auch hier sorgfältig auf alle möglichen Ereignisse vor.

Der Grenzschützer berichtet von überschwemmten und unpassierbaren Bereichen, die weder zu Fuß noch mit Fahrzeugen durchquert werden können. Hinter Bogdan sind große Betonblöcke aufgetürmt, darüber spannt sich Stacheldraht, der laut seinem Kollegen Igor entlang der gesamten Grenze verlegt wurde. Er soll potenzielle Angreifer verletzen und deren Vorstoß verzögern, bis Verstärkung eintrifft.

Das Gebiet ist nicht flächendeckend stark militärisch besetzt. Präsident Selenskyj erklärte laut dem Blog Wartranslated kürzlich, dass an der Grenze zu Belarus derzeit keine ausgeprägte Frontlinie bestehe. Für einen größeren Angriff müsste Personal verlegt werden, doch insbesondere Infanteristen sind knapp und werden im Osten dringend benötigt.

Kein Austausch zwischen den Grenztruppen

Auch auf Panzerangriffe sind die Ukrainer vorbereitet: Parallel zur Betonmauer verläuft ein mehrere Meter breiter und tiefer Graben, dahinter liegen sogenannte Drachenzähne. Igor weist zudem auf den sandigen und torfigen Boden hin, in dem Fahrzeuge leicht stecken bleiben. Das Gebiet ist zudem umfangreich vermint.

Ein Beobachtungsposten ist mit einer Attrappe in ukrainischer Uniform besetzt, die in Richtung des Nachbarlandes blickt. Belarus hat das Grenzgebiet hier nicht vergleichbar befestigt, lediglich ein einzelner Grenzpfahl steht hinter den Betonmauern.

„Zur Überwachung der Staatsgrenze setzen wir Drohnen ein“, erklärt Sprecherin Werschynina. „Zudem kommen Kameras und ein Fernüberwachungssystem zum Einsatz, das unseren gesamten Abschnitt abdeckt.“ Auch das belarussische Gebiet werde so weit wie möglich beobachtet.

Seit 2021 besteht zwischen den belarussischen und ukrainischen Grenzschutzkräften kein Kontakt mehr, seitdem die Belarussen den Abschnitt geschlossen haben. Der 203 Kilometer lange Grenzabschnitt in der ukrainischen Region Wolyn ist mit Befestigungsanlagen ausgebaut, so Werschynina. „Wir erweitern das System kontinuierlich entlang der Staatsgrenze und in der näheren Umgebung.“

Russische Drohnen starten weiterhin aus Belarus

Eine Bewohnerin namens Nadiia berichtet vor einem kleinen Laden, dass der Krieg sie nervös und ängstlich mache. Bei tieffliegenden Hubschraubern beginne sie zu zittern und denke oft an ihre im Dienst stehenden Enkelkinder.

Belarus zählt zu den wichtigsten Unterstützern Russlands im Angriffskrieg gegen die Ukraine. Dass Staatschef Lukaschenko in einem Interview mit dem Fernsehsender Al Arabija zuletzt mildere Töne anschlug, findet wenig Beachtung. Vermutlich steht er unter starkem Druck aus Moskau.

Der Diktator erklärte, ein militärischer Sieg sei für beide Seiten unrealistisch und die Ukraine müsse vor Belarus keine Angst haben. Diese Aussage wirkt absurd, da russische Drohnen weiterhin aus belarussischem Luftraum in die Ukraine eindringen. Im Jahr 2022 nutzten die Kreml-Truppen Belarus als Aufmarschgebiet für ihre Invasion.

Die Ukraine kündigte laut der Plattform Kyiv Independent vor einigen Tagen an, neue Drohneneinheiten für den Norden des Landes zu etablieren, um sich auf mögliche Entwicklungen vorzubereiten. Wo genau diese entlang der über 1000 Kilometer langen Grenze stationiert werden, wurde nicht bekannt gegeben. Lukaschenko bezeichnete die ukrainischen Truppen in der Region Ende Mai als „Kanonenfutter“.

(Übersetzungen von Oleksij Obolenskyj)