Konflikt zwischen Polen und Ukraine eskaliert – Hintergründe und Ursachen erklärt
Obwohl Polen und die Ukraine eigentlich enge Verbündete sind, hat sich ihre Beziehung durch das umstrittene Gedenken in Kiew an ehemalige Nationalisten merklich verschlechtert. Dieser vielschichtige Konflikt bietet wenig Raum für Kompromisse. Ein genauerer Blick in die Westukraine hilft, die historischen Hintergründe zu verstehen.
Wer aus Polen kommend über den Grenzübergang Korczowa in die Ukraine reist, bemerkt bald zahlreiche kleine Friedhöfe entlang der Landstraßen. Dort ruhen ukrainische Männer, die ihr Leben im Kampf gegen die russische Invasion verloren haben. Die Gedenkstätten sind häufig mit großen Porträtfotos, Blumen und vielen Flaggen geschmückt – vorwiegend in Blau-Gelb, aber auch in Schwarz-Rot, den Farben der 1942 gegründeten Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA) sowie der Bandera-Fraktion der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN-B), die bereits zuvor aktiv war.
Auf den ersten Blick erscheint die Geschichte klar: Ukrainer, die heute ihr Land gegen russische Aggression verteidigen, erinnern an Nationalisten, die vor Jahrzehnten für die Unabhängigkeit kämpften. Dieser Zusammenhang wirkt nachvollziehbar und unproblematisch.
Aus polnischer Perspektive stellt sich die Lage jedoch ganz anders dar. Die polnische Regierung sowie der rechtspopulistische Präsident Karol Naworcki übten in den letzten Wochen scharfe Kritik am ukrainischen Gedenken, an dem auch hochrangige Vertreter aus Kiew teilnahmen. So wurde Präsident Wolodymyr Selenskyj kürzlich sogar die höchste polnische Auszeichnung, der Orden des Weißen Adlers, aberkannt. Um die tiefgreifenden Differenzen zu begreifen, muss man weiter in die Vergangenheit zurückblicken.
Die Organisation Ukrainischer Nationalisten
Schon Ende der 1920er Jahre war die radikale Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) vor allem in den damals zu Polen gehörenden Gebieten Galizien und Wolhynien (heute Westukraine) aktiv. Sie betrachtete Polen und die Sowjetunion als Kolonialmächte, die die ukrainische Bevölkerung unterdrückten. Die Sowjetunion hatte beispielsweise beim Holodomor Anfang der 1930er Jahre etwa vier Millionen Ukrainer durch gezielte Hungersnot ums Leben gebracht – ein Völkermord.
1939 besetzte die Sowjetunion im Rahmen des Hitler-Stalin-Pakts Galizien und Wolhynien. Ein Jahr später spaltete sich die OUN in die Melnyk-Fraktion (OUN-M) und die Bandera-Fraktion (OUN-B). Die UPA fungierte später als militärischer Arm der OUN-B, die laut Experten Anfang der 1940er Jahre das Ziel verfolgte, einen ethnokratischen ukrainischen Staat zu etablieren – eine damals in Europa verbreitete Ideologie.
Das unermüdliche Streben der OUN nach Unabhängigkeit von Polen und der Sowjetunion hatte jedoch auch Schattenseiten. Um ihre Ziele durchzusetzen, beging die Organisation Verbrechen an Zivilisten und kooperierte zunächst mit den Nationalsozialisten, bis die Zusammenarbeit endete.
Insbesondere in Orten, in denen im Juni 1941 sowjetische Massenmorde an Gefängnisinsassen stattfanden, kam es bei der Bergung der Leichen zu pogromartigen Ausschreitungen gegen jüdische Bewohner, an denen sowohl Milizen als auch Anwohner beteiligt waren. „Oft wurden diese von anwesenden SS- und Polizeieinheiten der Deutschen gefördert“, erläutert Struve. Nach der zweiten Jahreshälfte 1941 sei die Zusammenarbeit zwischen OUN und Nationalsozialisten jedoch beendet gewesen.
Umland betont, dass es unter den ukrainischen Nationalisten zwar Antisemiten gab, das Hauptmotiv jedoch ein Befreiungsnationalismus gewesen sei. „‚Ukraine über alles‘ hat einen anderen Kontext als ‚Deutschland über alles‘. Letztere sahen sich als Herrenrasse und wollten ihr Imperium ausweiten, erstere strebten ein Leben frei von sowjetischem, polnischem und deutschem Einfluss an.“
Die Bedeutung Banderas in der Westukraine
Auf dem Soldatenfriedhof Field of Mars in Lwiw sind schwarz-rote Fahnen heute allgegenwärtig. Die ukrainische Großstadt, im historischen Galizien gelegen, gehörte nach dem Ersten Weltkrieg zu Polen, ab 1939 zur Sowjetunion, wurde 1941 von den Deutschen besetzt und ab 1945 Teil der Ukrainischen SSR. Erst seit Ende 1991 ist die Ukraine unabhängig.
Lwiw ist heute der einzige Ort in der Ukraine mit einem großen Denkmal für Stepan Bandera. Wird hier ein Antisemit geehrt, weil die von ihm geführte OUN-B umstrittene Taten beging? Diese Frage wird bis heute diskutiert. „Es gibt kaum belegte oder schriftlich dokumentierte antisemitische Äußerungen Banderas“, erklärt Struve. In anderen Teilen der Ukraine, fernab des Westens, erfährt Bandera deutlich weniger Anerkennung oder wird abgelehnt.
Die Ausrufung eines ukrainischen Staates durch die OUN-B in Lwiw im Juni 1941, nur wenige Tage nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion, führte zum Bruch mit den Nationalsozialisten, die das Gebiet als Teil ihres Lebensraums betrachteten. Bandera wurde verhaftet und als Ehrenhäftling mit besseren Haftbedingungen im Konzentrationslager Sachsenhausen festgehalten. „Obwohl er nicht völlig isoliert war, hatte er kaum Einfluss auf die UPA“, so Struve.
1959 wurde Bandera vom sowjetischen Geheimdienst KGB in München ermordet. Dessen Vorgänger, der NKWD, war nach dem Krieg der Hauptfeind der UPA. Zwei von Banderas Brüdern wurden 1942 von den Deutschen in Auschwitz getötet.
Massaker der UPA in Wolhynien
Auch die Geschichte der UPA ist nicht frei von Makeln, obwohl der Bruch mit den Deutschen bereits 1942 erfolgte und diese bekämpft wurden. In der UPA fanden sich unter anderem Männer, die zuvor von den Nazis in den Bataillonen Nachtigall und Roland ausgebildet worden waren und mit ihnen gegen die Sowjetunion kämpften.
Nach Gefechten zwischen UPA und Nazis kam es im Frühjahr 1944 in bestimmten Gebieten zu einem Waffenstillstand und Informationsaustausch, als sich die sowjetische Armee näherte. „Es gab eine weitgehende antisowjetische Übereinstimmung, aber nur eingeschränkte ideologische Gemeinsamkeiten und keine stabile Kollaboration zwischen Nazis und UPA“, erklärt Umland.
„Das schlimmste Verbrechen der UPA waren die Massenmorde an der polnischen Bevölkerung in Wolhynien 1943, vor allem im Sommer. Die Befehle sollen von einem regionalen UPA-Kommandeur ausgegangen sein“, erläutert Struve. Schätzungen zufolge fielen den Massakern 40.000 bis 60.000 Polen zum Opfer.
Auch in Galizien fanden weitere Gewalttaten gegen Polen statt, die auf Anweisung der UPA-Führung erfolgten. Ziel war es, Angst zu verbreiten und die polnische Bevölkerung aus den gemischten Gebieten zu vertreiben. Die Opferzahl wird auf 20.000 bis 25.000 geschätzt, so Struve.
UPA-Namensgebung sorgt für Empörung in Polen
Obwohl die ukrainischen Nationalisten überwiegend Gegner der Nationalsozialisten wurden, wird ihr dunkle Seite nicht vergessen. Polen fordert Kiew auf, dies anzuerkennen – unabhängig vom Freiheitskampf. Gleichzeitig sind in der Ukraine viele Menschen nicht bereit, sich bei ihrem Gedenken an den historischen Freiheitskampf beeinträchtigen zu lassen. Eine dauerhafte Versöhnung erscheint daher schwierig.
Präsident Selenskyj, selbst jüdischer Herkunft, benannte kürzlich eine Militäreinheit nach der UPA. Kurz darauf reiste sein Bürochef Kyrylo Budanow zu Gesprächen ins verärgerte Nachbarland. „Für das polnische Volk steht die UPA vor allem für Verbrechen an wehrlosen Zivilisten“, erklärte Polens Verteidigungsminister Wladyslaw Kosiniak-Kamysz. Regierungschef Donald Tusk sprach von einer „Verletzung unserer historischen Sensibilität“.
Der Konflikt verschärfte sich nach Budanows Besuch und gipfelte in der Aberkennung des 2023 verliehenen Weißen-Adler-Ordens an Selenskyj. Polens Präsident Nawrocki betonte: „Diese Entscheidung richtet sich nicht gegen das ukrainische Volk und ändert nichts an unserer strategischen Sicherheitsausrichtung. Wir unterstützen die Ukraine weiterhin.“ Sowohl der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha als auch Budanow kündigten an, polnische Auszeichnungen zurückzugeben.
Seit Beginn des russischen Angriffskriegs hat Polen rund eine Million ukrainische Flüchtlinge aufgenommen und viele wichtige Waffenlieferungen sowie finanzielle Unterstützung für die Verteidigung bereitgestellt. Ein tiefer Bruch zwischen den Regierungen wäre fatal.
Umland berichtet, die Ukrainer bedauerten die Geschehnisse in Wolhynien, was auch in Polen bekannt sei. Selenskyj habe in der Vergangenheit an Gedenkveranstaltungen im Nachbarland teilgenommen, und es sah so aus, als habe man die Konflikte überwunden. Dennoch versuchen Teile des heutigen polnischen Nationalismus, Stimmung gegen die Ukraine zu machen. Nawrocki gilt laut Umland als „Hauptproblem“.
Kritik an Ehrung Melnyks
Für weiteren Unmut sorgte Selenskyjs Teilnahme an einer Trauerfeier für Andriy Melnyk, der nach der Spaltung 1940 die OUN-M führte. Auch er hatte zunächst mit den Nationalsozialisten zusammengearbeitet, fiel jedoch später in Ungnade und wurde unter Hausarrest gestellt sowie ins KZ gebracht.
„Östlich der früheren polnisch-sowjetischen Grenze gewann die Melnyk-OUN zunächst an Einfluss, wenn auch deutlich weniger als die OUN-B in Galizien, da es dort keine Untergrundstrukturen der OUN gab. Ende 1941 begann eine Verfolgung der OUN-M-Angehörigen durch die deutsche Sicherheitspolizei“, erklärt Struve.
Melnyk lebte später in Luxemburg und verstarb 1964. Seine Überreste wurden kürzlich exhumiert und in die Ukraine überführt. Umland bewertet Selenskyjs Teilnahme an der Zeremonie als Fehler und rät, das Thema „Geschichtspolitik“ zu meiden.
Die russische Propaganda nutzt das ukrainische Gedenken an Nationalisten gezielt. Im Kreml wird die Zeit der Kollaboration mit den Nationalsozialisten hervorgehoben, um eine vermeintliche Nazi-Problematik in der heutigen Ukraine zu suggerieren. Dies soll den russischen Angriffskrieg rechtfertigen, der die Ukraine wieder russisch machen und vom Westen abschotten will. Das ukrainische Streben nach Unabhängigkeit wird in Moskau ignoriert, ebenso wie die zahlreichen Verbrechen, die an Ukrainern verübt wurden.
Rechtsradikalismus in der Ukraine kaum relevant
In der Ukraine sind Probleme mit Rechtsradikalismus und Nazi-Verehrung gering ausgeprägt. „Derzeit gibt es keine relevante rechtsradikale politische Kraft“, so Struve. Natürlich gibt es einzelne Unbelehrbare. Am Soldatenfriedhof in Lwiw sind beispielsweise etwa 20 Jugendliche komplett in Schwarz gekleidet, die durch Kleidung mit Symbolen wie dem Keltenkreuz ihre rechtsradikale Gesinnung zeigen. Am gleichen Tag fand in der Stadt eine Demonstration gegen eine LGBTQ-Veranstaltung statt.
In Lwiw und Kiew gab es in der Vergangenheit Aufmärsche von einigen hundert Rechtsradikalen, die der 14. Waffen-Grenadier-Division der SS „Galizien“ gedachten. Diese Einheit bestand aus Regionalbewohnern, von denen einige dem Melnyk-Flügel der OUN nahe standen. Innerhalb der Selenskyj-Partei „Diener des Volkes“ gab es deutliche Kritik an diesen Aufmärschen. Im Zweiten Weltkrieg starben schätzungsweise bis zu acht Millionen Ukrainer, darunter zehntausende Juden, die bei dem Massaker von Babyn Jar in Kiew von den Nationalsozialisten erschossen wurden.