Wieduwilts Woche: Merz trifft ins Schwarze – Familienunternehmer müssen sich mehr Gehör verschaffen
Die Diskussion in Deutschland ist unausgewogen: Gewerkschaften und große Wirtschaftsverbände melden sich deutlich zu Wort, während die für den Wohlstand entscheidenden Familienunternehmen meist schweigen. Am deutlichsten fallen dabei jedoch die kontroversen Äußerungen des Kanzlers auf.
Friedrich Merz hat erneut für Aufsehen gesorgt: Beim Freibad-Picknick mit Crepes, Weintrauben und sorgfältig gefalteten Servietten überraschte er gleich im Anschluss mit einem kühnen Sprung vom Fünf-Meter-Brett.
Die Themen der Woche in der Republik sind neben Fußball und Trump auch ein bemerkenswerter Kommentar des Kanzlers zum Golfplatz: Merz erwähnte gegenüber der sichtlich genervten Trumpf-Chefin Nicola Leibinger-Kammüller, dass er viele Unternehmer öfter auf dem Golfplatz trifft als in abendlichen Talkshows. Insbesondere das Stichwort „Golfplatz“ blieb hängen.
Diese Bemerkung fiel bei einer großen Veranstaltung der Familienunternehmen in Berlin, zu der sowohl die etablierte Stiftung Familienunternehmer als auch der etwas lebhaftere Verband „Die Familienunternehmer“ zum Dialog eingeladen hatten.
Diese Unternehmen produzieren noch echte Werte!
Der Zeitpunkt ist entscheidend: Die deutsche Wirtschaft gründet maßgeblich auf dieser Unternehmensgruppe, von Giganten wie Trumpf bis hin zum traditionellen schwäbischen Schraubenhersteller ist alles vertreten. Kaum vorstellbar: Diese Firmen fertigen noch reale Produkte und inszenieren sich nicht nur für Instagram oder veröffentlichen Kolumnen im Netz.
Die Familienunternehmer leiden seit Langem unter einer schmerzhaften Dauerkopfschmerz: Hohe Energiepreise und steigende Arbeitskosten belasten sie stark. Zudem ist die Ära vorbei, in der neue Produkte hierzulande erfunden wurden und China lediglich als verlängerte Werkbank diente. Mittlerweile sind die Chinesen führend, und die Herausforderungen häufen sich. Kurz gesagt: Die Lage ist ernst. Einige Unternehmer ziehen es vor, ihre Betriebe zu schließen, statt sie an die nächste Generation weiterzugeben, so sinngemäß die Trumpf-Chefin.
Das sorgte für reichlich Zündstoff, besonders für Kommentatoren und Medien, die gerne Debatten eskalieren lassen: „Da sieht man mal, wie der feine Herr Wirtschaftskanzler Merz sich auch noch mit den Unternehmern verspielt!“ Den Satz „hilft doch nur die AfD“ kann man sich dazu wohl denken.
Der Kanzler hat den Nagel auf den Kopf getroffen
Dabei lag der Kanzler, ja genau, richtig. Familienunternehmen sind eine zurückhaltende, meist stille Gruppe. Sie engagieren sich kaum politisch, sind selten in Talkshows präsent und führen selten achtstündige Podcast-Interviews. Einige wenige Ausnahmen wie Wolfgang Grupp von Trigema kennt man, vor allem wegen der berühmten Affengeschichte – doch der Großteil bleibt im Hintergrund.
Dafür gibt es gute Gründe: Familienunternehmer mussten ihren Erfolg nie politisch erkämpfen. Erfolg kam durch harte Arbeit und Qualität ganz von allein. Das entspricht protestantischen Werten – man arbeitet lieber, als viel zu reden.
Außerdem halten sich Familienunternehmer oft zurück, weil sie befürchten, bei zu viel öffentlicher Präsenz angreifbar zu werden. Linke Politiker beispielsweise fordern Erbschafts- und Einkommenssteuerreformen, die nicht nur die Familien, sondern auch ihre Unternehmen empfindlich treffen würden.
Ein weiterer kaum beachteter Aspekt – außer von den Familien selbst, die ihn umso schmerzlicher erfahren: Wohlhabende Familienunternehmer stehen im Visier von Kriminellen, die etwa Entführungen ihrer Kinder planen, um Lösegeld zu erpressen. Deshalb möchten manche lieber anonym bleiben und ihr Gesicht nicht in der Öffentlichkeit zeigen.
Familienunternehmer bevorzugen Zurückhaltung
Ist das übertrieben? Vielleicht. Doch häufig führt es dazu, dass Familienunternehmer leise bleiben. Viele von ihnen sind zudem nicht daran gewöhnt, in einer aufgeheizten Öffentlichkeit aufzutreten. Sie können problemlos vor ihren Mitarbeitern sprechen, würden sich aber bei Medien wie Miosga & Co. schnell verheddern.
Diese Zurückhaltung verstehen andere Seiten kaum: Gewerkschafter und insbesondere Betriebsräte leben von ihrer Lautstärke – gerade in Zeiten schwindender Mitgliederzahlen. Ihre Forderungen sind weniger kontrovers als etwa „Baut Atomkraftwerke“ oder „Wir wollen weniger Steuern zahlen“. Aussagen wie „Finger weg vom Acht-Stunden-Tag“ mögen Familienunternehmer ärgern, doch sie finden kaum Gehör.
Das war auch Merz’ Kritikpunkt. Vor seinem Golfplatz-Ärger fragte er, warum Familienunternehmer kaum Podcasts oder Interviews nutzen. Ich weiß es auch nicht. „Geben Sie regelmäßig Interviews?“, fragte Merz. Doch es war eben ein typischer Merz-Auftritt. Und so bleibt, wie so oft bei seinen öffentlichen Auftritten, ein diskursives Chaos zurück, unter dem ein sinnvoller Satz leise verklingt. Man wünscht sich manchmal, er wäre so zurückhaltend wie ein schwäbischer Schraubenbauer.