USA demontieren führende Klimawandel-Messstationen – Lieber nichts davon wissen?
Wissenschaftliche Klimaforschung ade: Die US-Regierung beginnt mit dem Rückbau eines hochentwickelten Ozean-Messsystems. Für sie scheint es Teil der sogenannten „Klimawandel-Alarmindustrie“ zu sein. Dieser Schritt stößt bei Forschern, Aktivisten und Politikern auf heftige Kritik.
Der Klimawandel wird kaum noch bestritten, doch wie genau er sich entfaltet, wollen die USA offenbar nicht näher verfolgen. Das zehn Jahre alte Meeresbeobachtungssystem OOI besteht aus 900 Sensoren an fünf Standorten im Atlantik und Pazifik. Jetzt ordnet die US-Regierung dessen Demontage an. Die erste Station an der Westküste der USA wird bereits abgebaut, bald sollen Schiffe die dortigen Messgeräte bergen.
Dieser Schritt des Weißen Hauses schwächt die wissenschaftliche Forschung in den USA erheblich – mit Folgen für die globale Klimaforschung und unser Verständnis der Klimakrise. Der Zeitpunkt ist besonders ungünstig: Die Ozeane verzeichnen Rekordtemperaturen, globale Meeresströmungen verändern sich und beeinflussen das Weltklima. Zudem wird ein „Super El Niño“ erwartet, der bis Februar 2027 extreme Wetterereignisse weltweit auslösen könnte.
Die erhobenen Daten werden weltweit genutzt, auch von der US-amerikanischen Nationalen Ozean- und Atmosphärenbehörde NOAA. Diese unterstützt unter anderem den nationalen Wetterdienst, Küstenschutzmaßnahmen gegen den Klimawandel und liefert Informationen für die Fischereiindustrie. Craig McLean, ehemaliger stellvertretender NOAA-Chefwissenschaftler während Trumps erster Amtszeit, sieht darin ein Muster: „Dies zeigt das anhaltende Unverständnis der aktuellen Regierung für den Wert und die Bedeutung der Wissenschaft“, so die „New York Times“. Die USA verlieren dadurch ihren Spitzenplatz in der globalen wissenschaftlichen Führung.
Weltklimarat IPCC nutzt OOI-Daten
Forscher, Aktivisten und Politiker verurteilen die Entscheidung scharf. Senator Edward J. Markey aus Massachusetts bezeichnete den Abbau als „Fortsetzung des Krieges der Regierung gegen die Wissenschaft“. Über 500 wissenschaftliche Studien basieren bisher auf den OOI-Daten. Auch der Weltklimarat IPCC stützt seine Berichte auf diese Informationen. Ob die USA ihre internationalen Verpflichtungen zur Bereitstellung von Klimadaten weiterhin erfüllen können, bleibt fraglich.
Das konservative „Project 2025“ der Heritage Foundation, an dem viele heutige Mitarbeiter der Trump-Regierung beteiligt sind, empfiehlt sogar die Auflösung der NOAA. Viele ihrer Aufgaben sollten gestrichen, an andere Behörden übertragen, privatisiert oder den Bundesstaaten übergeben werden. Die Organisation sei zu einem „Haupttreiber der Klimawandel-Alarmindustrie“ geworden und schade dem zukünftigen Wohlstand der USA, so die Autoren.
Bis zum nächsten Sommer sollen drei weitere Messstationen abgebaut werden, kurz vor Ende von Trumps Amtszeit soll die letzte verschwunden sein – und selbst die bisherigen Daten könnten dann nicht mehr zugänglich sein. Die Installation des Messnetzwerks kostete rund 370 Millionen Dollar und war für 25 Jahre geplant. Es ist speziell für den enormen Druck und die hohen Salzgehalte in der Tiefsee ausgelegt. OOI-Forschungsleiter Jim Edson bezeichnete das System im Mai als das „weltweit fortschrittlichste, kontinuierlich betriebene Meeresbeobachtungssystem“.
Feste und mobile Sensoren lieferten bisher Echtzeitdaten zu Wassertemperaturen, Strömungen und deren Einfluss auf das globale Wetter. Jede der fünf Stationen ist fest verankert, ihre vernetzten Geräte erfassen Daten von der Oberfläche bis in tausende Meter Tiefe, etwa zur CO2-Speicherung in den Meeren. Ohne diese Stationen sind die Datenerhebungen deutlich kostspieliger und technisch aufwendiger.
Extremwetter durch „Super El Niño“ erwartet
Angesichts häufiger werdender Extremwetterereignisse durch den Klimawandel sind aktuelle Messdaten unverzichtbar. „El Niño“ ist ein natürlicher Zyklus, der alle zwei bis sieben Jahre auftritt, wenn sich der tropische Pazifik stark erwärmt. Er beeinflusst das globale Wettergeschehen erheblich. Ein „Super El Niño“ entsteht bei mindestens zwei Grad höheren Wassertemperaturen. Die Folgen können regionale Dürren, Hitzewellen, Waldbrände oder Wassermangel, aber auch sintflutartige Regenfälle sein. Die stärksten El Niños haben die globale Lufttemperatur um mindestens zwei Grad steigen lassen – diesmal könnte ein Rekordwert über drei Grad erreicht werden.
Der Betrieb des OOI kostet die USA jährlich rund 50 Millionen Dollar – angesichts des Bundeshaushalts und des weltweiten Nutzens eine vergleichsweise geringe Summe. Mehrfach versuchte die Trump-Regierung, die Finanzierung zu kürzen, wurde jedoch vom Kongress gestoppt. Nun erfolgt der schrittweise Abbau. Ob das Weiße Haus ein vom Parlament bewilligtes Projekt offiziell einstellen darf, ist rechtlich umstritten. Einschränkungen der Funktionsweise sind hingegen leichter umsetzbar.
Neben den Daten droht auch wertvolles Fachwissen verloren zu gehen. Die Messungen an den Standorten sind eine enorme technische Herausforderung, so die Umweltwissenschaftlerin Hilary Palevsky vom Boston College gegenüber der „New York Times“. Mitarbeiter können nicht einfach ihre Aufzeichnungen zurücklassen, und eine andere Person kann nicht einfach übernehmen: „Viel Expertise könnte unwiederbringlich verloren gehen.“