Libanon fordert von Israel vollständigen Abzug als Verhandlungsgrundlage
Die diplomatischen Verhandlungen zwischen Israel und dem Libanon stecken fest: Der libanesische Präsident besteht auf einem Abzug Israels aus dem Süden, während die israelische Armee weitere Angriffe in dieser Region ankündigt. Gleichzeitig richtet die Terrororganisation Hisbollah eine Drohung gegen Beirut.
Joseph Aoun, der Präsident des Libanon, bezeichnete den Rückzug der israelischen Truppen aus dem südlichen Teil seines Landes als eine „unverhandelbare“ Forderung in den laufenden Gesprächen mit Israel. Er betonte: „Die Angriffe Israels dauern an, und unsere südlichen Gemeinden leiden weiterhin unter der wiederkehrenden Besatzung.“ Der Libanon werde diese Situation nicht akzeptieren. „Ein vollständiger Abzug Israels bleibt eine unumstößliche, nationale Forderung, an deren Umsetzung der libanesische Staat durch Verhandlungen arbeitet.“
Seit 1948 befinden sich Israel und der Libanon offiziell im Kriegszustand. Erstmals seit Jahrzehnten führen die beiden Staaten seit Mitte April direkte politische Gespräche, vermittelt durch die USA im Kontext des Iran-Konflikts. Neben dem israelischen Rückzug ist die Entwaffnung der von Teheran unterstützten Terrorgruppe Hisbollah ein zentrales Thema – an den Verhandlungen nimmt die Miliz jedoch nicht teil. Eine neue Gesprächsrunde ist für Anfang Juni geplant, zuvor treffen sich militärische Vertreter am 29. Mai im Pentagon.
Seit Mitte April gilt zwischen Israel und dem Libanon eine Waffenruhe, die kürzlich auf Vermittlung der USA verlängert wurde. Dennoch setzen Israel und die Hisbollah ihre gegenseitigen Angriffe fort und werfen einander Verstöße gegen das Abkommen vor.
Hisbollah-Führer fordert Regierungssturz
Der Hisbollah-Chef Naim Kassim bekräftigte seinen Widerstand gegen direkte Verhandlungen mit Israel sowie die Ablehnung der Forderung Beiruts nach einer Entwaffnung der Miliz. Darüber hinaus rief er die libanesische Bevölkerung zum Sturz der Regierung auf. „Die Menschen haben das Recht, auf die Straße zu gehen und die Regierung zu stürzen“, erklärte Kassim in einer im Fernsehen übertragenen Ansprache. „Wenn diese Regierung nicht in der Lage ist, die Souveränität zu sichern, sollte sie zurücktreten.“ Er bezeichnete die Regierung als ein „amerikanisch-israelisches Projekt, das die staatlichen Institutionen untergräbt.“
Eine gewaltsame Entwaffnung könnte das kleine Land in eine neue schwere Krise stürzen. Einige befürchten eine Wiederholung des Mai-2008-Szenarios, als die damalige Regierung versuchte, das Kommunikationsnetz der Hisbollah lahmzulegen. Dies führte zu tagelangen Gefechten zwischen Hisbollah-Anhängern und Regierungstruppen in Beirut mit Dutzenden Todesopfern. Der Libanon erlebte von 1975 bis 1990 einen verheerenden Bürgerkrieg mit zehntausenden Toten.
US-Außenminister Marco Rubio kritisierte Kassim scharf. Die Hisbollah versuche aktiv, den Libanon „zurück ins Chaos und in die Zerstörung zu führen“, erklärte Rubio. Man werde den Gewaltandrohungen der Hisbollah keinen Raum geben. „Die Zeit, in der eine Terrorgruppe eine ganze Nation als Geisel hielt, neigt sich dem Ende zu.“
Israelische Streitkräfte kündigen erneute Angriffe an
Die israelische Armee gab unterdessen eine neue Evakuierungsanordnung für die Bewohner von zehn Dörfern im Süden des Libanon heraus. „Aufgrund der Verletzung des Waffenstillstands durch die Hisbollah sind die israelischen Streitkräfte gezwungen, mit Gewalt gegen die Miliz vorzugehen“, erklärte der arabischsprachige Armeesprecher Avichai Adraee über den Onlinedienst X.
Die Bewohner der betroffenen Dörfer wurden aufgefordert, sich „mindestens 1000 Meter“ von ihren Häusern zu entfernen und „offene Flächen aufzusuchen“, fügte Adraee hinzu. Anschließend wurde eine Liste der betroffenen Dörfer veröffentlicht, die größtenteils in der Region Nabatäa liegen.
Zuvor hatte die israelische Armee berichtet, dass bei Kämpfen im Süden des Libanon ein israelischer Soldat ums Leben gekommen sei. Der 19-Jährige sei „im Einsatz gefallen“, hieß es. Ein weiterer Soldat wurde bei dem Vorfall schwer verletzt.
Anfang März wurde der Libanon in den Iran-Konflikt hineingezogen. Als Reaktion auf die Tötung des obersten iranischen Führers Ali Chamenei feuerte die von Teheran unterstützte Hisbollah Raketen auf Israel ab. Israel reagierte mit massiven Angriffen auf Ziele im südlichen Libanon und setzte Bodentruppen in einem zehn Kilometer breiten Grenzstreifen ein.