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Russlands Treibstoffkrise: Zentralasien steht vor einem erheblichen Klumpenrisiko

Russlands Treibstoffkrise: Für Zentralasien wird Russland zum Klumpenrisiko

Kasachstan hat seine Grenze geschlossen, um zu verhindern, dass russische Autofahrer das Land leer tanken. In der gesamten Region zeichnet sich ein Wandel ab, der weit über diesen Sommer hinausreichen wird: Das etablierte System, bei dem Russland liefert und Zentralasien abnimmt, funktioniert nicht mehr in beide Richtungen.

An der Grenze zwischen Kasachstan und Russland vollzieht sich derzeit eine ungewöhnliche Umkehr: Statt dass Menschen aus Zentralasien nach Norden strömen, suchen russische Fahrer in kasachischen Grenzstädten vermehrt Benzin. Darauf reagierte Kasachstan mit einer faktischen Abriegelung: 59 Polizeikontrollpunkte, die Einreise für ausländische Fahrzeuge ist nur noch einmal täglich erlaubt, und mobile Einheiten patrouillieren rund um die Uhr.

Was hier sichtbar wird, ist mehr als ein bloßes Schmuggelproblem. Es markiert den Moment, in dem Zentralasien erkennt, dass sein langjähriger Energiepartner Russland zunehmend zum Risiko wird.

Der Hintergrund ist schnell erklärt: Drohnenangriffe der Ukraine haben die russischen Raffinerien stark beschädigt – Kiew spricht von fast 43 Prozent ausgefallener Kapazitäten, unabhängige Schätzungen liegen bei über 30 Prozent. Die Benzinproduktion ist etwa 25 Prozent niedriger als im Vorjahr. Fast alle russischen Regionen berichten von Engpässen; der Kreml hat den Export von Benzin, Kerosin und Diesel verboten und importiert erstmals selbst Treibstoff.

Für Zentralasien hat dies gravierende Folgen: Der Markt, der die Region seit sowjetischer Zeit versorgt, fällt als zuverlässiger Lieferant aus – und das gerade zur Erntezeit, wenn der Bedarf saisonal besonders hoch ist.

Kirgisistan besonders stark betroffen

Wie sehr die Länder betroffen sind, hängt von ihrer Abhängigkeit von russischem Treibstoff ab. Kirgisistan ist besonders verwundbar: Über 90 Prozent seines Benzins stammen zollfrei aus Russland im Rahmen der Eurasischen Wirtschaftsunion. Tankstellen melden Engpässe bei den hochwertigen Sorten AI-95 und AI-98, und die Regierung in Bischkek hat Hilfsanfragen an sechs Staaten geschickt – neben Russland auch an Kasachstan, Belarus, Aserbaidschan, Usbekistan und Turkmenistan.

Die Regierung subventioniert die Zapfsäulenpreise bis Ende September und hat die modernisierte Junda-Raffinerie hochgefahren, die bis Jahresende monatlich 50.000 Tonnen Benzin produzieren soll. Moskau hat außerdem zugesichert, den Transit von Treibstoff zu erlauben, den Kirgisistan aus anderen Quellen bezieht – ein stilles Eingeständnis der eigenen Lieferunfähigkeit.

Tadschikistan ist noch stärker betroffen, da es 84 Prozent seines importierten Kraftstoffs aus Russland bezieht. In Duschanbe kam es Anfang Juli zu Dieselengpässen, manche Tankstellen begrenzten den Verkauf auf 20 Liter pro Fahrzeug, und die Preise stiegen deutlich. Die Regierung prüft nun Importe aus dem Iran, und die Zivilluftfahrtbehörde verhandelt über Flugbenzin mit Anbietern aus Kasachstan und Turkmenistan.

Auch Usbekistan, das eigentlich eigene Förderkapazitäten und Raffinerien besitzt, spürt die Auswirkungen: Der Börsenpreis für die Sorte AI-92 stieg seit Juni um fast 12 Prozent, und die staatliche Fluggesellschaft strich wegen Kerosinmangel mehrere Flüge nach Russland. Taschkent bereitet sich auf den Winter vor, plant eine Benzinreserve von 120.000 Tonnen und führt Gespräche mit Gazprom, Rosneft und Gazprom Neft.

Kasachstan in neuer Rolle – Russland wirft dem Land Unterstützung der Ukraine vor

Kasachstan, die größte Volkswirtschaft der Region, befindet sich plötzlich in einer ungewohnten Position. Ende Juni meldete das Land Vorräte von über einer Million Tonnen Benzin, Diesel und Kerosin – Reserven für mehr als einen Monat, obwohl die Atyrau-Raffinerie gerade planmäßig gewartet wird. Tankstellen arbeiten normal. Diese Lage macht Kasachstan attraktiv: Der Benzinpreis liegt dank staatlicher Preispolitik bei umgerechnet 45 bis 55 Rubel pro Liter, während er in einigen russischen Regionen über 90 Rubel beträgt – in Dagestan stieg der Preis für AI-95 zeitweise auf 115 bis 120 Rubel.

Dies führt zu einem kleinen, aber florierenden Schwarzexport: Seit Jahresbeginn haben die Behörden laut Innenminister Jerschan Sadenow fast 600 illegale Ausfuhrversuche gestoppt, 255 Fahrzeuge mit eingebauten Zusatztanks entdeckt und gegen 195 Ausländer sowie 60 kasachische Staatsbürger Geldstrafen verhängt. An nur zwei Tagen Anfang Juli wurden 61 Versuche vereitelt.

Die angespannte Stimmung wurde nach dem ukrainischen Drohnenschlag auf die Omsker Raffinerie, Russlands größte Anlage nahe der kasachischen Grenze, deutlich. Russische Propagandakanäle behaupteten, Kasachstan könnte beim Angriff geholfen haben. Das Außenministerium in Astana wies diese Anschuldigungen umgehend zurück und betonte, dass das kasachische Territorium niemals für Angriffe auf andere Staaten genutzt werde. Diese Episode zeigt ein Muster, das Kasachstan seit 2022 erlebt: Je schwächer Russland wird, desto misstrauischer wird es gegenüber der Eigenständigkeit seiner Nachbarn.

Individuelle Reaktionen – alle Länder entfernen sich von Russland

Doch auch Kasachstan ist trotz seiner Stärke anfällig. Das Raffineriesystem basiert nur auf drei großen Anlagen – Atyrau, Pawlodar und Schymkent – mit einer Gesamtkapazität von etwa 17 Millionen Tonnen pro Jahr; fällt eine Anlage aus, entstehen Engpässe. Zudem läuft vieles von den Exportpipelines bis zur Gasverarbeitung über russisch kontrollierte Infrastruktur. Als Absicherung prüft Astana bereits Treibstoffimporte aus China, was eine neue strategische Frage aufwirft: Ersetzt die Region am Ende nur eine Abhängigkeit durch eine andere? Peking ist längst der größte Investor in Zentralasien, und die Treibstoffkrise könnte diesen Trend beschleunigen.

Für die gesamte Region ist die Krise ein doppelter Weckruf. Kurzfristig geht es darum, die Tanks zur Erntezeit voll zu halten und den Bedarf der wachsenden Luftfahrt an Kerosin zu sichern. Langfristig wird das Fundament der Energiebeziehungen infrage gestellt: Die enge Verflechtung mit dem russischen Markt, institutionell verankert durch die Eurasische Wirtschaftsunion, erweist sich für die Staaten als ein erhebliches Klumpenrisiko – eine Konzentration wirtschaftlicher Ausfallrisiken. Jedes Land reagiert anders: Kirgisistan sucht neue Lieferanten, Usbekistan baut Reserven auf, Kasachstan schützt seinen Markt, und Tadschikistan orientiert sich gen Iran. Ob sich daraus eine echte Diversifizierung entwickelt oder nur kurzfristiges Krisenmanagement bleibt abzuwarten – spätestens im Winter, wenn neben Treibstoff auch Strom und Gas benötigt werden. Sicher ist nur: Das alte Modell, bei dem Russland liefert und Zentralasien abnimmt, funktioniert aktuell in beide Richtungen nicht mehr.