Absurde Energie-Bürokratie: Netzbetreiber verlangt erst Vogelwelt-Kartierung vor Leitungsbau
Bakum, eine kleine CDU-geführte Gemeinde in Niedersachsen, gilt als Vorreiter der Energiewende: „Wir sind komplett stromautark“, erklärt Bürgermeister Tobias Averbeck im Interview. Die Bewohner steigen vermehrt auf Elektroautos um, da sie immer öfter kostenlos laden können. Auch Spediteure zeigen Interesse, und weitere Unternehmen lockt die günstige Energie der selbsternannten Energiegemeinde. Allerdings bremst die deutsche Bürokratie die Entwicklung aus: „Wir hätten ausreichend Strom“, so Averbeck. „Doch der Netzausbau kommt kaum voran. Der Netzbetreiber kann schlichtweg keine ausreichende Leistung bereitstellen.“ Die Lösung scheint einfach: Bestehende große Stromtrassen ließen sich problemlos mit einer zusätzlichen Leitung ausstatten, um die Stromkapazität zu verdoppeln. Dennoch verlangen die Behörden für diese Erweiterung genauso viele Gutachten wie für den Bau einer komplett neuen Leitung, obwohl das zusätzliche Leiterseil „außer wärmeren Vogelfüßen keine Auswirkungen hat“. Die Bundespolitik ignoriert dieses Problem weitgehend und will den Missstand sogar als neue Richtlinie der Energiewende unter Kanzler Merz und Energieministerin Reiche etablieren. Averbeck, selbst CDU-Mitglied, zeigt sich ungläubig: „Wir verbieten ja auch nicht die Pkw-Zulassung nur wegen Staus.“
Tobias Averbeck: Wir sind eine vollständig stromautarke Gemeinde. Unser gesamter Energieverbrauch wird aus erneuerbaren Quellen vor Ort gedeckt. Bei einem sogenannten Energiespaziergang erläutern wir das gerne im Detail.
Was genau beinhaltet ein Energiespaziergang?
Vor allem zeigen wir fünf Gebäude, die wir stromtechnisch verbunden haben. Früher verfügten sie über fünf separate Netzanschlüsse, die wir zu einem einzigen großen Anschluss zusammengelegt haben. Mit drei Photovoltaikanlagen und einem Speicher versorgen wir diese Gebäude nun größtenteils selbst. Überschüssigen Strom speisen wir nicht ins öffentliche Netz ein, sondern verkaufen ihn zu fairen Preisen an unserer eigenen Ladestation für Elektrofahrzeuge.
Nutzen die Anwohner schon entsprechende Elektroautos?
Viele Verwaltungsmitarbeiter stellen gerade ihren Fuhrpark um. Sie haben erkannt, dass sie nicht einmal eigene PV-Anlagen benötigen, um von den günstigen Tarifen zu profitieren. In diesem Jahr war das Laden bereits zweimal kostenfrei: Als die Börsenstrompreise stark negativ waren, haben wir die PV-Anlagen abgeschaltet und den Ladestrompreis auf null gesetzt, weil in diesen Momenten der Stromverbrauch Geld einbrachte. Davon sollen diejenigen profitieren, die den Strom tatsächlich benötigen.
Gab es Diskussionen um die Nutzung der Ladestation?
Es gab tatsächlich kleine Streitigkeiten um die beiden Ladeanschlüsse (lacht), aber nicht unter Einheimischen. Bakum liegt nahe der Autobahn, nur drei Kilometer vom nächsten Anschluss entfernt. Durchreisende halten gelegentlich an und streiten über die Steckplätze.
Wäre es da nicht sinnvoll, eine zweite Ladestation zu errichten?
Wirtschaftlich wäre das problemlos möglich. Seit Pfingsten dieses Jahres wurden über die beiden Anschlüsse mehr Kilowattstunden abgegeben als im gesamten Vorjahr. Leider erlaubt unser Stromanschluss keine zweite Ladestation. Um weitere Anschlüsse zu ermöglichen, müssten wir die Leistung drosseln, was das Laden unattraktiv macht. Durchreisende wünschen sich einen schnellen Ladehalt.
Ist das langfristig nicht problematisch, wenn mehr Bewohner auf E-Autos umsteigen wollen?
Natürlich ist eine einzelne Ladestation nur eine Ergänzung zu unserem eigenen Versorgungssystem. Als Autobahn-Gemeinde planen wir mit unserer Energiegenossenschaft und Wirtschaftspartnern weitere Ladestationen entlang der Autobahn – auch für Lkw. Einige Spediteure wollen ihren Fuhrpark ebenfalls elektrifizieren. Dafür haben wir genügend Strom, doch die Kabelkapazität reicht nicht aus.
Der Netzausbau liegt in der Verantwortung der Netzbetreiber. Es gibt mehr als 850 Verteilnetzbetreiber in Deutschland. Oft wird kritisiert, dass die Strukturen zu kleinteilig sind, mit zu wenigen Mitarbeitern und mangelndem Fachwissen, besonders bei kleinen Betreibern.
Diese Herausforderungen sind landesweit ähnlich. Wir als Kommune sind mittelbar am Netzbetreiber beteiligt und pflegen einen guten Dialog. Natürlich gibt es Reibungen, aber bisher konnten wir alles für unsere Bürger umsetzen. Schwieriger wird es, wenn wir Energie wirtschaftlich nutzen wollen. Das Problem liegt weniger im Verteilnetz, sondern im Übertragungsnetz. Der Netzausbau auf der 110-kV-Ebene hinkt stark hinterher, sodass Avacon uns keine ausreichende Leistung bereitstellen kann. Das betrifft nicht nur Bakum oder den Landkreis Vechta, sondern den gesamten Nordwesten.
Was verursacht die Verzögerungen?
Bürokratische Hürden. Ein anschauliches Beispiel sind die Leiterseile an einem 110-kV-Mast: Die Leitung wurde vor 60 Jahren installiert und funktioniert einwandfrei. Man könnte problemlos ein zweites Leiterseil anbringen und somit die doppelte Strommenge transportieren. Die deutsche Bürokratie verlangt dafür jedoch ein neues Planfeststellungsverfahren.
Meinen Sie die durchhängenden Seile zwischen den großen Masten?
Genau. Jede einzelne Leitung ist mit einem eigenen Planfeststellungsverfahren verbunden, das drei bis vier Jahre dauert, da zahlreiche Gutachten zum Umweltschutz erforderlich sind. Ich verstehe, dass man sorgfältig prüfen muss, bevor eine Leitung neu errichtet wird. Im Planungsrecht macht es jedoch keinen Unterschied, ob eine neue Leitung gebaut oder eine bestehende ertüchtigt wird. Dieses Problem wurde lange übersehen, ist aber inzwischen bekannt. Viele, auch wir in Bakum, haben sich beschwert: Es kann nicht sein, dass die Energiewende an solchen Regelungen scheitert, weil die Bundesregierung den Ausbau der Erneuerbaren mit dem Netzausbau „synchronisieren“ will. Wir verbieten ja auch nicht die Zulassung von Pkw wegen Staus.
Spielt die Netzstabilität bei der Leitungsverbesserung keine Rolle?
Nein, technisch ist das problemlos machbar und dringend notwendig. Allein im Nordkreis Vechta sind derzeit 75 Megawatt in der Ausbaupipeline. Das ist eine erhebliche Menge, die das 110-kV-Netz aber nicht mehr aufnehmen kann. Der Netzbetreiber sagt: Leider kann ich keine neue Leitung bauen oder eine bestehende verstärken, ohne zunächst die Vogelwelt zu kartieren.
Würden denn tatsächlich Klagen drohen, wenn ein neues Leiterseil einfach installiert würde?
Als kleine Gemeinde sind wir kaum im Fokus und handeln pragmatisch. Auf der 110-kV-Ebene ist das anders. Dort investieren Netzbetreiber Millionen Euro und müssen diese Investitionen absichern. Das ist nachvollziehbar. Was ich nicht verstehe, ist, dass dieses Problem seit Jahren bekannt ist, aber keine Regierung – egal welcher politischen Richtung – bisher eine Ausnahme vom Planfeststellungsverfahren für solche Erweiterungen beschlossen hat. Das zusätzliche Leiterseil führt nur zu mehr warmen Vogelfüßen und hat sonst keine Umweltauswirkungen.
Bei Windkraftanlagen oder Autobahninstandhaltung wurden Genehmigungsverfahren beschleunigt, da diese Projekte von herausragendem öffentlichem Interesse sind. Wünschen Sie sich das auch für den Netzausbau?
Jede Vereinfachung hilft uns und den Netzbetreibern. Das Stromnetz ist ebenso wichtig wie Verteidigungsinfrastruktur. Die größte Erleichterung wäre der Wegfall des Planungsverfahrens. Die Übertragungsnetzbetreiber sollten gar nicht erst prüfen müssen, ob eine Baugenehmigung für ein zusätzliches Leiterseil nötig ist. Das ist unsinnig, da nichts Neues gebaut wird. Für diese Leitungen muss gelten: Wir brauchen sie, also machen wir sie. Das würde dem Netzausbau und somit der Energiewende enormen Schwung verleihen. Derzeit wird mit unserem Netzbetreiber und dem Ministerpräsidenten in Hannover geprüft, welche Unterstützung von Land und Bund möglich ist.
Das erste Jahr der schwarz-roten Regierung lief schleppend. Sind Sie optimistisch, dass sich das bessert?
Als Bürgermeister bin ich grundsätzlich optimistisch, sonst könnte ich diesen Job nicht ausüben. Ich hoffe, dass die derzeit diskutierten Gesetzesvorhaben an einigen Stellen noch verbessert werden. Das ist notwendig, da sie aktuell noch Schwachstellen aufweisen.
In einer aktuellen Umfrage bezeichneten 75 Prozent Katherina Reiche als Fehlbesetzung. Auch zwei Drittel der Unionsanhänger sind unzufrieden mit ihrer Arbeit. Braucht Deutschland eine neue Wirtschafts- und Energieministerin?
Auf jeden Fall brauchen wir mehr Sachlichkeit und Fachkompetenz. Der Fokus liegt zu stark auf Engpässen im Stromnetz und zu wenig auf den Chancen, die Erneuerbare Energien bieten – auch auf kommunaler Ebene. Wir möchten die lokal erzeugte Energie gewinnbringend einsetzen, um Wachstum und Wirtschaftskraft zu fördern. Das funktioniert. Deshalb siedelt sich gerade ein Recycling-Unternehmen bei uns an, das Edelmetalle und seltene Erden aus Elektrokomponenten zurückgewinnen will. Eine tolle Entwicklung. Darum fragen wir uns: Wie können wir mehr Energie bereitstellen?
Warum wird das auf Bundesebene nicht erkannt?
Das kann ich nicht sagen. Industrie- und Handelskammern sowie Wirtschaftsverbände sind sicher informiert, aber manchmal habe ich den Eindruck, dass die Realität nicht immer in den Ministerien ankommt. Fakt ist, dass sich immer mehr Firmen bei uns mit Kreislaufwirtschaft und elektrifizierter Logistik beschäftigen, auch wegen der hohen Spritpreise der letzten Monate. In vielen Bereichen wird es mit Erneuerbaren deutlich günstiger und sicherer, gerade angesichts internationaler Turbulenzen. Vor Ort genutzte Energie ist dabei besonders vorteilhaft. Wir versuchen, eine Windenergieanlage im Gewerbegebiet zu errichten. Der Strom würde sofort verbraucht, ohne Netzprobleme. Besser geht es nicht. Aber die planungsrechtlichen Hürden sind enorm…
Schwieriger als ein Leiterseil?
Das gleiche Spiel (lacht). Wir müssen den Bebauungsplan ändern, viele Beteiligungsrunden durchführen und Landschaftsbildanalysen vorlegen, weil nicht etwa eine 20 Meter lange Halle, sondern eine 260 Meter hohe Windenergieanlage entsteht. Unglaublich.
Gibt es heute kaum noch Proteste aus der Bevölkerung?
Von 2011 bis 2022 haben wir einen Windpark entwickelt. Geplant waren acht Anlagen, gebaut wurden drei. Warum? Weil 24 Anwohner geklagt hatten. Der NABU Niedersachsen hat damals ein Erneuerbare-Energien-Projekt verhindert. Es gab Bürgerproteste, das war nicht einfach. Offenbar fehlte damals der Glaube daran, dass Windkraft wirtschaftlich helfen kann. Diese Situation hat sich komplett gedreht. Wir haben in drei Jahren 280 Hektar Windvorrangflächen ausgewiesen. In dieser Zeit gab es nur drei bis fünf kritische Stellungnahmen, vom NABU-Kreisverband Vechta gar keine.
Haben sich die damaligen Gegner für ihre Klagen entschuldigt?
Nein, einige sind weiterhin strikt gegen Windenergie, das ist eine persönliche Haltung. Die Mehrheit sagt jedoch: Alles gut, machen wir weiter. Das liegt auch daran, dass wir neue Beteiligungsgesetze in Niedersachsen haben, mit denen Bürger an Projekten partizipieren können. In diesem Bereich hat sich viel getan und das hat die Akzeptanz deutlich verbessert. Der Ukraine-Krieg hat das Thema zudem auf eine ganz neue Ebene gehoben.
Sie haben zusammen mit 600 weiteren Bürgermeistern an der Befragung „Kommunale Energiepolitik“ teilgenommen. Dort wurde ermittelt, was gut läuft, was nicht und wie die Akzeptanz der Energiewende ist. Bakum gilt als Vorreiter. Läuft bei Ihnen alles rund?
Ja. Die Menschen sind stolz auf ihre Gemeinde und das, was wir hier erreichen. Bei Themen wie Energy Sharing haben wir mit 40 Bürgern gesagt: Probieren wir es einfach aus. Die Möglichkeit, sich zu beteiligen, hat einen enormen Wandel bewirkt. Einige sind deshalb sogar im Fernsehen oder Radio aufgetreten. Das schafft Identität. An dieser Stelle möchte ich auch ein großes Dankeschön an unsere Gemeinde aussprechen: Hier wird nicht gegeneinander gearbeitet, sondern miteinander.
Spielt das auch in die Parteipolitik hinein? In Bakum wählen 76 Prozent CDU, doch auf Bundesebene ist die Union eher kritisch bei Erneuerbaren.
Das ärgert mich. Erneuerbare Energien haben konservative Werte, doch auf Bundesebene gibt es zu wenige, die das so sehen und sich engagieren wollen. Dieses Thema wurde uns von anderen Parteien abgenommen und wir bekommen es nicht zurück. Deshalb fällt es der Union schwer, Energiegesetze vorzuschlagen. Wenn man sagt, man wolle alles „systemisch zusammenbringen“, sagen andere sofort: Die wollen wieder ausbremsen.
Sehen Sie Chancen, dass die Union das Thema zurückerobert?
Nur wenn es Persönlichkeiten gibt, denen man glaubt, dass sie es ernst meinen und die es bereits umgesetzt haben.
Das Interview führten Clara Pfeffer und Christian Herrmann. Zur besseren Verständlichkeit wurde es gekürzt und redaktionell bearbeitet. Das vollständige Gespräch können Sie im Podcast „Das Klima-Labor von ntv“ anhören.