Kommissionsvorschläge: Sechs Maßnahmen für mehr Luft bei der Rente
Am Dienstag wird die Rentenkommission der Bundesregierung 33 Vorschläge präsentieren. Dabei stechen sechs Maßnahmen besonders hervor, die das Rentensystem deutlich entlasten könnten. Was genau steckt dahinter? Eine detaillierte Analyse der Vorschläge.
Schon vor der offiziellen Übergabe des Berichts am Dienstag sind einzelne Vorschläge an die Öffentlichkeit gelangt. Die Kritik ließ nicht lange auf sich warten – unvermeidlich, denn bei solchen Reformen gibt es immer Gewinner und Verlierer, die mit Veränderungen oder höheren Belastungen rechnen müssen.
Die Kommission besteht aus zehn Fachleuten und drei Bundestagsabgeordneten von CDU, CSU und SPD. Für die SPD ist Annika Klose aus der Parteilinken vertreten, für die CDU bringt Pascal Reddig, einer der Rentenrebellen vom letzten Winter, seine Perspektive ein. Die CSU entsendet Florian Dorn.
Ziel war es, möglichst einen breiten Konsens zu erzielen. Nach Vorlage des Berichts ist klar: Alle Beteiligten stehen hinter dem Ergebnis, auch wenn einzelne Punkte unterschiedlich bewertet werden. Von den 33 Vorschlägen prägen neun das Gesamtkonzept besonders. Hier die wichtigsten Maßnahmen im Überblick.
Rentenbeginn an steigende Lebenserwartung koppeln
Eine unangenehme Wahrheit: Mit zunehmender Lebenserwartung müssen Menschen auch länger arbeiten. Der Vorschlag sieht vor, ab 2031 das Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung zu koppeln. Steigt diese um ein Jahr, soll die Erwerbstätigkeit um vier Monate verlängert werden.
Der Vorteil liegt auf der Hand: Versicherte zahlen länger Beiträge, was das System stabilisiert. Die Erhöhung des Rentenalters erfolgt schrittweise – bis 2041 soll es bei 67,5 Jahren liegen, wenn sich die Lebenserwartung wie prognostiziert entwickelt.
Der Nachteil: Wer körperlich nicht bis 68 oder 69 arbeiten kann, sieht sich mit höheren Abschlägen konfrontiert. Das kann besonders Arbeitnehmer in anstrengenden Berufen treffen und wirkt wie eine Rentenkürzung.
Abschlagsfreie Rente mit 63 streichen
Die Rente mit 63 (aktuell 64 Jahre und sechs Monate bei 45 Beitragsjahren) wird ebenfalls an das steigende Renteneintrittsalter angepasst. Die Kommission fordert das Ende dieser Regelung.
Vorteil: Oft wird der Dachdecker genannt, der nicht mehr mit 64 auf dem Dach arbeiten kann. Tatsächlich profitieren meist qualifizierte Fachkräfte von dieser Frühverrentung – genau jene, die dringend gebraucht werden. Diese Regelung verschärft den Fachkräftemangel und belastet das Rentensystem, da diese Personen früher von Beitragszahlern versorgt werden müssen.
Nachteil: Aus sozialer Sicht gilt 45 Beitragsjahre als ausreichend. Andere Berufsgruppen, etwa Akademiker, kommen oft nicht auf so viele Jahre, da sie später in den Arbeitsmarkt eintreten.
Lebenslange Beitragszahler erhalten mehr als Grundrente
Auch wer jahrzehntelang gearbeitet hat, erhält bei geringem Einkommen oft nur eine geringe Rente, die nahe an der Grundsicherung liegt. Die Kommission fordert eine bessere Anerkennung von Arbeit durch höhere Rentenzahlungen.
Vorteil: Hier besteht eine Gerechtigkeitslücke. Wer durchgehend gearbeitet hat, soll spürbar mehr erhalten als Personen ohne Erwerbstätigkeit. 100 Euro mehr Rente könnten einen großen Unterschied machen, auch wenn die Höhe diskutiert wird.
Nachteil: Die Rentenkassen müssten finanziell stärker belastet werden.
Pflichtbeiträge für Selbstständige, Abgeordnete und Vorstände
Drei Vorschläge zielen darauf ab, die Zahl der Beitragszahler zu erhöhen. Abgeordnete und Vorstände sollen symbolisch stärker in die Rentenversicherung einbezogen werden. Für Selbstständige gilt: Nur Neugründungen müssen künftig Beiträge zahlen, bestehende Selbstständige können freiwillig entscheiden.
Vorteil: Besonders geringverdienende Selbstständige profitieren von besserer Altersabsicherung.
Nachteil: Wer wenig verdient, hat oft kaum Spielraum für Beiträge, auch wenn diese steuerlich absetzbar sind. Gutverdiener verlieren an Flexibilität bei der Altersvorsorge. Die verpflichtende Einbindung in die Solidargemeinschaft wird als Freiheitseinschränkung empfunden.
Minijobs nur noch für Schüler zulassen
Minijobber dürfen monatlich bis zu 603 Euro verdienen, ohne Abgaben zahlen zu müssen. Etwa sieben Millionen Menschen haben Minijobs, zwei Millionen zusätzlich zu sozialversicherungspflichtigen Tätigkeiten. Die Kommission schlägt vor, Minijobs auf Schüler zu beschränken – ein einschneidender Schritt für den Arbeitsmarkt.
Vorteil: Mehr sozialversicherungspflichtige Beschäftigungen würden die Rentenversicherung stärken und Altersarmut reduzieren.
Nachteil: Der unkomplizierte Nebenverdienst entfiele. Für Arbeitnehmer und Arbeitgeber kämen mehr bürokratische Hürden hinzu, besonders für jene mit mehreren Jobs. Auch Rentner und saisonale Unternehmen wären betroffen. Kritiker warnen vor einem Anstieg der Schwarzarbeit.
Kapitalmarkt-Rente mit Zusatzbeitrag fördern
Kapitalmarktanlagen bringen hohe Renditen, von denen die Rentenversicherung bislang nicht profitiert. Das soll sich ändern: Versicherte und Arbeitgeber sollen jeweils einen Prozentpunkt zusätzlich zum Bruttolohn zahlen – zusammen also zwei Prozent.
Vorteil: Rentner würden durch Kapitalmarkterträge besser abgesichert, was das Gesamtsystem stärkt.
Nachteil: Nach einer Übergangszeit erhöhen sich die Beiträge für Arbeitnehmer und Arbeitgeber, was auf wenig Gegenliebe stoßen dürfte und die Wirtschaft belasten könnte.
Was fehlt?
Die Kommission hat Vorschläge wie die Rentenanpassung an die Inflation statt an Löhne verworfen – dies hätte langsamere Rentenerhöhungen bedeutet. Auch die Einbeziehung von Beamten in die Rentenversicherung wurde als zu teuer und zu komplex abgelehnt.
Ein ausgewogenes Paket?
Das Ziel der Kommission ist ein abgestimmtes Maßnahmenpaket, das zusammen mit betrieblicher und privater Altersvorsorge 70 Prozent des letzten Nettogehalts sichern soll. Die Vorschläge sollen die gesetzliche Rente stabilisieren und höhere Leistungen ermöglichen. Dem stehen Einschränkungen wie die Abschaffung von Minijobs und Pflichtbeiträge für neue Selbstständige gegenüber. Das steigende Renteneintrittsalter könnte sich wie eine Rentenkürzung anfühlen. Geringverdiener dürfen hingegen auf bessere Renten hoffen.
Wie geht es weiter?
Union und SPD sind nicht verpflichtet, die Vorschläge eins zu eins umzusetzen. Bisher äußerten sich führende Politiker zurückhaltend oder positiv: SPD-Chef Lars Klingbeil sprach von einer „guten Grundlage“, die Junge Union zeigte sich angetan, und CDU-Mittelstandsvereinigung MIT-Chefin Gitta Connemann wertete die Signale als sehr gut. Ob die Vorschläge umgesetzt werden, wird sich nach der offiziellen Präsentation am Dienstag zeigen, wenn Bundeskanzler Friedrich Merz und Arbeitsministerin Bärbel Bas Stellung beziehen.