Kleinvölker im Krieg gefährdet: Moskau brandmarkt sie als Terroristinnen für ihre indigene Stimme
Irina Kurilova: Im Jahr 2013 wurde RAIPON – die offizielle Dachorganisation der indigenen Völker Russlands – unter die Kontrolle des Kremls gestellt. Unabhängige Führungspersönlichkeiten gründeten daraufhin das informelle Netzwerk Aborigen-Forum. Dieses analysierte Gesetze, verfasste offene Briefe und trat auf internationalen Bühnen auf – unter anderem bei den Vereinten Nationen. Ihre Arbeit war stets transparent, ohne jegliche Aufrufe zu Extremismus oder Gewalt.
Olga Podoplelova: Anfangs war ich sehr motiviert, Teil dieser Arbeit zu sein. Doch bald musste ich die persönliche Sicherheit aller Beteiligten in den Vordergrund stellen. Grenzverhöre, Handy-Durchsuchungen, steuerliche Schikanen gegen Gemeinschaften, Überwachung bei UN-Veranstaltungen, Verfahren wegen „Diskreditierung der Armee“ und Vorwürfe der Beteiligung an „unerwünschten Organisationen“ wurden zur Realität. Das Gefühl, dass uns Schlimmes bevorstand, wurde immer deutlicher.
Im Juli 2024 wurde das Forum als extremistische Organisation eingestuft, im Dezember desselben Jahres als terroristisch. Wie konnte das geschehen?
Kurilova: Diese Vorgehensweise ist eine Taktik, die der russische Staat bereits bei zahlreichen Organisationen angewandt hat – etwa gegen die nicht existierende „internationale Memorial-Bewegung“ oder die „internationale LGBT-Bewegung“. Das Aborigen-Forum wurde fälschlicherweise als Teil einer nicht existierenden „antiseparatistischen Bewegung“ auf die Extremistenliste gesetzt. Im Dezember 2024 folgte die Einstufung als Terrororganisation – zusammen mit 172 weiteren Gruppen, die angeblich Unterorganisationen des „Forums der freien Staaten Postrusslands“ seien. Diese Konstruktion stammt vom FSB. Die Liste ist willkürlich: Einige Organisationen existieren gar nicht – wie die „Kurskische Volksrepublik“, ein Internet-Meme aus der Zeit des ukrainischen Vorstoßes in die Kurskregion. Dennoch drohen nun Strafverfahren wegen dieses erfundenen Memes.
Podoplelova: Das Absurde ist, dass unsere Reden und Eingaben keinerlei Aufrufe zu Gewalt oder extremistische Inhalte enthalten. Wir kommentierten Gesetze und thematisierten Rechte sowie soziale Probleme. Im heutigen Russland reicht das aus, um strafrechtlich verfolgt zu werden.
Was geschah am 17. Dezember 2025?
Kurilova: Alles verlief zeitgleich und nach einem durchdachten Plan. FSB-Beamte suchten diejenigen auf, die sie mit dem Aborigen-Forum in Verbindung brachten – zu Hause, am Arbeitsplatz, manche wurden direkt von Veranstaltungen abgeführt. Insgesamt wurden 17 Personen durchsucht und verhört, darunter auch ich. Danach musste ich das Land verlassen. Unsere Kolleginnen Daria Egereva und Natalia Leongardt wurden in Moskau festgenommen. An diesem Tag wurde klar: Die gesamte unabhängige indigene Gemeinschaft, die offen über ihre Rechte sprach, geriet ins Visier.
Podoplelova: Dieser Schlag war das Ergebnis eines langen Prozesses. Das Unterstützungszentrum für indigene Kleinvölker des Nordens wurde 2019 aufgelöst, der Fonds Batan aufgelöst und im Ausland neu registriert als unerwünschte Organisation eingestuft. Zum ersten Mal richtete sich die Repression nicht nur gegen Organisationen, sondern gezielt gegen Menschen, die seit Jahren für indigene Rechte kämpften. Für viele wurde deutlich: Es geht um die Kriminalisierung unabhängiger zivilgesellschaftlicher Aktivitäten indigener Völker.
Zwei der Festgenommenen sind Daria Egereva und Natalia Leongardt. Wer sind sie?
Podoplelova: Egereva gehört zum Selkupen-Volk mit weniger als 3.500 Menschen in Russland. Ich vertrete sie als Anwältin. Sie war eine der wenigen wirklich unabhängigen indigenen Stimmen auf internationaler Ebene – bei der UNO, bei Klimakonferenzen und als Co-Vorsitzende des Internationalen Forums indigener Völker zum Klimawandel. Natalia Leongardt widmet sich seit über 20 Jahren dem Schutz indigener Rechte und unterstützte Gemeinschaften beim Aufbau eines Dialogs mit internationalen Plattformen. Ohne Menschen wie sie wären viele dieser Völker nach außen stumm.
Der Staat behauptet gleichzeitig, er schütze die indigenen Völker. Putin erklärte 2026 zum „Jahr der Einheit der Völker Russlands“.
Kurilova: Der russische Staat setzt auf symbolische Gesten. Es gibt offizielle Tage der indigenen Kleinvölker, Tage der Muttersprachen und Festivals mit Liedern und Trachten. Doch hinter dieser Fassade verbirgt sich eine andere Realität. Soziale, wirtschaftliche und ökologische Herausforderungen bleiben ungelöst. Wer offen darüber spricht, riskiert Repression. Menschenrechtsarbeit kann in Russland heute den Vorwurf von Extremismus oder Terrorismus nach sich ziehen.
Wie hat der Krieg gegen die Ukraine die Situation der indigenen Völker beeinflusst?
Kurilova: Drastisch. Nach der Mobilisierung im Herbst 2022 erhielten zuerst die Bewohner entlegener nördlicher Dörfer Einberufungsbefehle. In meinem Heimatdorf mit rund 700 Einwohnern wurden Dutzende Männer in den Krieg geschickt. Heute gibt es 72 Kriegsteilnehmer und 22 Gefallene – darunter Ewenen, Yukagiren und Tschuktschen. Viele waren jung und ohne Familie. Fehlen die Männer, kollabiert die Subsistenzwirtschaft. Jagd und Fischerei sind im Norden keine Freizeitaktivitäten, sondern lebenswichtige Ernährungssicherung. Familien ziehen in Städte, Dörfer veröden, Schulen schließen. Mit den Menschen gehen Sprache, Wissen und kulturelle Traditionen verloren. Für Kleinvölker sind solche Verluste besonders gravierend – es droht nicht nur eine demografische Krise, sondern die Gefährdung ihrer Selbstbestimmung. Assimilationsprozesse, die seit Jahrzehnten bestehen, werden dadurch beschleunigt.
Ist die Mobilisierung indigener Völker nicht formal illegal? Wie bewerten Sie die westliche Wahrnehmung, dass überdurchschnittlich viele Jakuten und Burjaten an der Front kämpfen?
Podoplelova: Formal gibt es ein Gesetz zum alternativen Zivildienst für indigene Kleinvölker. Doch die Behörden erklären, dass dieses während der Mobilisierung nicht gilt. Selbst der Gouverneur des Nenzischen Autonomen Bezirks, der seine Rentierhalter schützen wollte, wurde zum Schweigen gebracht. Dabei hängt von einem Rentierhalter eine ganze Herde ab – und somit die gesamte Wirtschaft der Gemeinschaft.
Kurilova: Die westliche Beobachtung ist richtig, aber die Interpretation kann irreführend sein. Es klingt, als seien diese Männer freiwillige Kämpfer. Das sind sie nicht. Sie wurden zwangsweise eingezogen. Wenn man das anders darstellt, wird die Verantwortung für den Krieg von den Befehlshabern auf die Soldaten verlagert. Das ist ebenfalls eine Ungerechtigkeit gegenüber diesen Völkern.
Was sollte die internationale Gemeinschaft – und Deutschland im Besonderen – unternehmen?
Podoplelova: Es ist wichtig, auf internationalen Plattformen der russischen Gegenpropaganda entgegenzutreten. Moskau kontrollierte indigene Vertreter präsentieren dort ein beschönigtes Bild, während unabhängige Aktivistinnen als Verräter diffamiert werden. UNO-Sonderberichterstatter verurteilten im April 2025 Russlands Missbrauch des Antiterrorismusrechts im Fall des Aborigen-Forums, mehr als 100 Organisationen forderten die Freilassung von Daria Egereva und Natalia Leongardt.
Kurilova: Die Welt sollte einfach wissen, dass wir existieren. In Russland leben 40 indigene Kleinvölker mit insgesamt etwa 300.000 Menschen – so viele wie in einer mittelgroßen deutschen Stadt. Ihre Gebiete sind reich an Öl und Gas, von denen Staat, Unternehmen und ausländische Investoren profitieren. Doch die indigenen Völker haben kaum Einfluss darauf, was auf ihrem Land geschieht. Ihre Männer sterben im Krieg. Wer darüber spricht, wird als Terrorist behandelt. Daria Egereva sitzt im Gefängnis. Natalia Leongardt sitzt im Gefängnis. Die Welt muss davon erfahren, damit die indigenen Völker Russlands weder gegenüber ihrem eigenen Staat noch gegenüber der internationalen Gemeinschaft unsichtbar bleiben.
Das Gespräch führten Irina Kurilova und Olga Podoplelova mit Artur Weigandt