40 Jahre Historikerstreit: Diskussion um die Einmaligkeit des Holocaust
Vor vier Jahrzehnten entfachte unter Historikern eine intensive Debatte darüber, ob der Holocaust als einzigartiges Ereignis betrachtet werden kann. Heute ist das öffentliche Bewusstsein durch eine ausgeprägte Erinnerungskultur an die NS-Zeit geprägt. Dennoch gewinnt diese Fragestellung erneut an Bedeutung.
Am 6. Juni 1986 veröffentlichte der Historiker Ernst Nolte in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ den Artikel „Vergangenheit, die nicht vergehen will“. Er thematisierte darin die NS-Vergangenheit Deutschlands, die seiner Meinung nach wie ein „Richtschwert“ über der Gegenwart des Landes schwebe.
Nolte relativierte die Einzigartigkeit des Massenmords an den Juden, wobei er die technische Methode der Vergasung als einzige Ausnahme herausstellte. Er verwies auf Stalins Verbrechen, bei denen Millionen Menschen im Rahmen der „Ausrottung der Bourgeoisie“ in Lagern interniert und getötet wurden. Nolte stellte sogar die provokante These auf, die nationalsozialistischen Verbrechen könnten eine Reaktion auf sowjetische Verbrechen gewesen sein – eine heute als völlig unhaltbar bewertete Ansicht.
Im darauffolgenden Monat konterte der Sozialphilosoph Jürgen Habermas in der Wochenzeitung „Die Zeit“ mit einem Artikel unter dem Titel „Eine Art Schadensabwicklung“. Habermas warf Nolte vor, die Einzigartigkeit der Nazi-Verbrechen zu relativieren, indem er Auschwitz lediglich als eine technische Neuerung darstellte.
Habermas plädiert für „Verfassungspatriotismus“
Habermas warnte davor, eine im Nationalbewusstsein tief verwurzelte Identität wiederzubeleben, da dies den aufklärerischen Effekt der Geschichtsschreibung unterminiere. Er betonte, dass heute einzig ein Verfassungspatriotismus – ein Stolz auf Demokratie und Rechtsstaat – akzeptabel sei.
Auf Habermas’ Stellungnahme reagierten zahlreiche Wissenschaftler und Journalisten, was schließlich zum sogenannten Historikerstreit führte.
Die Intensität der Auseinandersetzung lässt sich auch durch die damaligen gesellschaftlichen Befürchtungen erklären: Viele linksorientierte Deutsche fürchteten eine konservative Welle, ausgelöst durch die von CDU-Kanzler Helmut Kohl 1982 angekündigte „geistig-moralische Wende“. Rückblickend zeigt sich, dass diese Sorge unbegründet war – Kohl gilt heute als bedeutender Europäer und nicht als Nationalist.
Wer den Historikerstreit für sich entscheiden konnte, war 1986 noch unklar. Mit dem Abstand der Zeit ist jedoch unbestritten, dass sich die Position Habermas’ durchsetzte. Dies geschah nicht unmittelbar, sondern im Verlauf weiterer Debatten in den 1990er Jahren, darunter die Kontroverse um Daniel Goldhagens Buch „Hitlers willige Vollstrecker“, das behauptete, die Mehrheit der Deutschen in der NS-Zeit sei von mörderischem Antisemitismus getrieben gewesen – eine These, die von den meisten Historikern abgelehnt wird.
Ebenfalls prägend war die Wehrmachtsausstellung, die die Beteiligung der regulären deutschen Streitkräfte am Vernichtungskrieg im Osten dokumentierte. Die sich daraus entwickelnde Überzeugung lautete: Obwohl es in der Geschichte viele grausame Genozide gab, stellt die systematische, industrielle Ermordung von sechs Millionen Juden allein aufgrund ihrer Herkunft ein beispielloses Verbrechen dar.
Diese Auffassung wurde zum festen Bestandteil des deutschen Selbstverständnisses und bildet den Grundkonsens der deutschen Demokratie. Dies spiegelt sich in der Erinnerungskultur wider, die vom Holocaust-Mahnmal in Berlin bis zu mehr als 100.000 Stolpersteinen für individuelle NS-Opfer sowie zahlreichen Schulprojekten reicht.
Kritik von rechts und links
Die Einmaligkeit von Auschwitz wird heute sowohl von rechten als auch linken Seiten infrage gestellt. Die rechte Kritik stammt vor allem von rechtspopulistischen und rechtsextremen Gruppierungen. Ein bekanntes Beispiel ist der frühere AfD-Bundessprecher Alexander Gauland, der Hitler und die Nazis als „nur einen Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“ bezeichnete. Häufig wird von einem „Schuldkult“ gesprochen, der Deutschland zu ständiger Selbstkritik zwinge und dadurch kleinhalten solle.
Die linke Kritik ist vielschichtiger und internationaler ausgerichtet. Sie ordnet den Holocaust neben Verbrechen des Kolonialismus ein, die weltweit historisch stark beachtet werden. So haben die Vereinten Nationen in diesem Jahr den Sklavenhandel als „schwerstes Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ eingestuft.
Eine Debatte aus dem Jahr 2021 wurde bereits als „zweiter Historikerstreit“ bezeichnet. Ausgelöst wurde sie durch den australischen Genozid-Forscher Anthony Dirk Moses, der in seinem Artikel „Der Katechismus der Deutschen“ bemängelte, dass die Einzigartigkeit des Holocaust in Deutschland zu einem Dogma geworden sei, das die Meinungsfreiheit einschränke.
Hinter dieser Haltung stehe das Bestreben vieler Deutscher, international als „gute Menschen“ wahrgenommen zu werden, die ihre dunkle Vergangenheit offen aufgearbeitet hätten. Damit verbinde sich eine kritiklose Unterstützung Israels. Moses beschreibt, dass dadurch nichtjüdische Deutsche amerikanische und israelische Juden mit erhobenem Zeigefinger in Fragen der Gedenkkultur und Loyalität zu Israel belehren würden.
Tatsächlich kam es vor, dass jüdische Kritiker der Regierung Benjamin Netanjahus während des Gaza-Kriegs Völkermord vorwarfen und von deutscher Seite darauf hingewiesen wurden, dies sei übertrieben. Zugleich wurde Deutschland in vielen internationalen Medien vorgeworfen, Propalästinenser-Demonstrationen zu restriktiv zu behandeln. In diesem Zusammenhang lautete eine Forderung: „Free Palestine from German guilt“ – Befreit Palästina vom deutschen Schuldkomplex.
Israelischer Historiker zur Erinnerungskultur
Wie gestaltet sich die Zukunft? Die Erinnerung an den Holocaust als ein in seiner Art einmaliges Verbrechen bleibt in Deutschland unverändert bedeutsam. Doch ist das ausreichend?
Der Historiker Meron Mendel, in Israel geboren und aufgewachsen und inzwischen auch deutscher Staatsbürger, meint: Nein. Als Leiter der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt/Main steht er regelmäßig mit Jugendlichen in Kontakt. Er beobachtet, dass junge Menschen auch positive Identifikationsangebote mit ihrem Land erwarten. Das müsse mehr sein als der von Habermas propagierte Verfassungspatriotismus, denn für ein Dokument könne man nur begrenzt Emotionen empfinden.
Mendel schlägt vor, die deutsche Erinnerungskultur um zwei Elemente zu erweitern: die Geschichte der deutschen Demokratie sowie die Migrationsgeschichte der Bundesrepublik, vermittelt durch zentrale Ereignisse und Biografien. Dadurch werde das Gedenken an den Holocaust keineswegs relativiert.
„Im Gegenteil“, so Mendel im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur, „fördert eine Identifikation junger Menschen mit unserer Demokratie den Mut, die dunklen Kapitel unserer Vergangenheit nicht zu verdrängen. Zugleich sind sie dann bereit, für diese Demokratie einzutreten, damit sich solche Verbrechen niemals wiederholen.“