Pentagon-Bericht: USA streichen ‚Tomahawks‘ für Deutschland – Rücksicht auf Russland?
Die Lieferung von US-Mittelstreckenraketen an Deutschland scheint unwahrscheinlich. Laut einem Medienbericht gibt es dafür einen heiklen Grund: Im Pentagon herrscht die Sorge, dass Russland durch eine Stationierung gereizt werden könnte.
Einem Bericht zufolge plant das US-Verteidigungsministerium, die geplante Bereitstellung von „Tomahawk“-Marschflugkörpern an Deutschland zu stoppen, um Spannungen mit Russland zu vermeiden. US-Regierungsvertreter äußerten Bedenken, dass Russland die Stationierung dieser Präzisionswaffen als Provokation werten und mit Gegenmaßnahmen reagieren könnte, berichtet das Nachrichtenportal „Politico“ unter Berufung auf Insider. Die Quelle beruft sich auf zwei europäische sowie einen US-amerikanischen Beamten. Demnach will die Trump-Regierung von ihrem Vorhaben absehen, Präzisionsraketen mitten in Europa zu stationieren, und somit ein unter der Biden-Regierung geschlossenes Abkommen aufkündigen. Washington würde Deutschland damit ohne die dringend benötigte Verteidigung ausstatten.
Dieser Schritt ist Teil eines größeren Rückzugs der USA von ihren Verpflichtungen innerhalb der Nato. Das erklärte Ziel der US-Regierung unter Präsident Donald Trump ist es, den europäischen Partnern die Hauptverantwortung für ihre konventionelle Verteidigung zu übertragen. US-General Alexus G. Grynkewich hatte erst kürzlich erklärt, dass Kanada und europäische Verbündete künftig verstärkt in den Bereichen bemannte und unbemannte Luftfahrzeuge sowie Marineschiffe aktiv werden sollten. Gleichzeitig würden die USA ihre Truppenkontingente, die für das Nato-Streitkräftemodell in Europa vorgesehen sind, reduzieren und anderweitig neu positionieren. Grynkewich ist Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte in Europa und militärischer Leiter der Nato.
Der General sprach von einer „ungesunden Abhängigkeit“ der Allianz von US-Truppen, eine Thematik, die bereits Präsident Trump und Verteidigungsminister Pete Hegseth angesprochen hatten. „Präsident Trump, Minister Hegseth und weitere haben klar gemacht, dass sich dies ändern muss, und es wird sich ändern“, so Grynkewich. Die Anpassung soll die Verteidigungspläne der Nato realistischer gestalten und verhindern, dass das Bündnis zu sehr auf US-Streitkräfte setzt, die andernorts zur Abschreckung benötigt werden. Europa solle die Hauptverantwortung für seine konventionelle Verteidigung übernehmen.
Ende Mai bestätigte Grynkewich, dass die USA vorerst keine weitreichenden Mittelstreckenwaffen in Deutschland stationieren werden. Die zuvor geplante Verlegung eines sogenannten „Long Range Fires Battalion“ werde nicht umgesetzt, sagte der US-General.
Trump will von Bidens Vereinbarungen abweichen
Ein Abkommen aus dem Jahr 2024 sah ursprünglich vor, dass die USA ab 2026 in Deutschland Mittelstreckenwaffen mit konventionellen Sprengköpfen stationieren, die bis tief nach Russland reichen können. Dazu sollten Marschflugkörper vom Typ Tomahawk mit einer Reichweite von bis zu 2.500 Kilometern, SM-6-Raketen und neu entwickelte Hyperschallwaffen gehören.
In den letzten Wochen verdichteten sich Hinweise darauf, dass die Trump-Administration nicht an die von der Vorgängerregierung getroffene Vereinbarung gebunden sein will. Vorausgegangen war ein verbaler Schlagabtausch zwischen Bundeskanzler Friedrich Merz und Trump. Merz hatte bei einer Diskussion mit Schülern erklärt, die USA könnten den Krieg nicht schnell beenden, „weil die Iraner offensichtlich stärker sind als gedacht und die Amerikaner in den Verhandlungen keine überzeugende Strategie haben“. Daraufhin griff Trump Merz persönlich an und warf ihm Ahnungslosigkeit vor. Kurz danach kündigte Trump den Abzug von US-Soldaten aus Deutschland an.
Auf die Frage, ob die USA die 2024 von Präsident Joe Biden zugesagten Tomahawk-Mittelstreckenraketen an Deutschland liefern würden, antwortete Merz später in der ARD: „Nach meiner derzeitigen Einschätzung gibt es aus den USA kaum eine realistische Möglichkeit, solche Waffensysteme bereitzustellen.“
Einen weiteren Grund für die wahrscheinliche Kehrtwende der USA in der „Tomahawk“-Strategie nennt „Politico“ mit Verweis auf Insider: Neben der Rücksicht auf Russland sorgt sich die US-Regierung auch um ihre eigenen schwindenden Munitionsbestände. In den ersten Kriegswochen gegen den Iran seien tausende „Tomahawk“- und „Patriot“-Lenkwaffen verschossen worden. Verteidigungsminister Pete Hegseth erklärte kürzlich vor dem Kongress, dass es „Monate bis Jahre“ dauern werde, die im Konflikt verbrauchte Munition wieder aufzufüllen.